Weiterleben ohne Lars #12 – Erste Gehversuche

Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, möglichst bald wieder normal zu sein – unsichtbar und unauffällig – und der Erkenntnis, genau dies nie mehr sein zu können (falls ich es denn je gewesen sein sollte), reihte ich Tag an Tag. Im Grunde gab es nur diese drei: Weitergehen, Stehenbleiben oder Sterben. Weitergehen, wenn das Herz gebrochen ist, wenn das Leben, wie ich es gekannt hatte, nur noch aus ein paar Scherben besteht? Wie sollte das gehen? Stehenbleiben? Wo bitteschön? Denn da wo ich stand – mitten in einer Wüstenlandschaft – mochte ich nicht bleiben. Weder stehen noch sitzen noch leben fühlte sich machbar und nach Leben an. Also doch sterben?

Sag mir, wofür es sich zu leben lohnt?, fragte ich alle meine Freundinnen und Freunde. Ein ums andere Mal wollte ich Antworten und doch hielt keine Antwort meiner Prüfung stand. Wie ich überlebt habe, weiß ich heute nicht mehr wirklich.

Meine Freundin C. erzählte mir eines Tages, dass im Team ihrer Freundin P., die in einer psychiatrischen Einrichtung zur Reintegration psychisch Kranker arbeitete, eine befristete Stelle frei sei. Ob das nicht etwas für mich wäre. Inzwischen war es September geworden. Ich war wieder gesund, zumindest auf dem Papier, musste also langsam aber sicher eine Arbeitsstelle finden. Ich bewarb mich um diese befristete Stelle und wurde auch wirklich zu einem Vorstellungsgespräch einladen. Ich bekam die Stelle. Vorerst für ein paar Wochen. Allenfalls langfristig, da eh immer gute Leute gesucht würden.

Am Anfang fuhr ich frühmorgens mit dem öffentlichen Verkehr zur Arbeit, doch das war eine Qual für mich. Zuerst musste ich mit dem Bus in die Stadt fahren, wo ich auf das Postauto umstieg. Viele Leute. Lärm. Unruhe. Morgendliche Hektik. So war ich bereits sehr aufgekratzt, wenn ich in meiner Arbeitsgruppe ankam. Ich leitete die Töpferei-Gruppe und war verantwortlich für die diversen Aufträge, den Brennvorgang im große Brennofen und vor allem für eine Gruppe von vier bis sechs Personen, die alle eine Weile in der Psychiatrie gewesen waren. Alle waren sie nun wieder für gesund genug erklärt worden, um wieder Fuß in der richtigen Welt fassen zu sollen. Was immer diese richtige Welt auch war.

In Wirklichkeit waren wir ein ziemlich schräger Haufen und eigentlich hätte ich selbst ja gar nicht auf die Betreuerin-Seite gehört. Mit allergrößter Willensanstrengung brachte ich einen Tag nach dem anderen hinter mich. Drei Tage die Woche, wenn ich mich richtig erinnere. Schon in der zweiten oder dritten Woche fuhr ich mit dem Auto zur Arbeit, was mich – trotz der morgendlichen Staus – doch viel weniger aufwühlte. Ich langte ein bisschen weniger ausgelaugt dort an. Doch am späten Nachmittag, wenn ich wieder ins Auto stieg, war ich jedes Mal einfach nur kaputt. Und dennoch stolz darauf, wieder einen weiteren Tag geschafft zu haben, ohne in Tränen ausgebrochen zu sein. Ein wenig fühlte ich mich wie eine Verräterin, denn es war mir als würde ich vor dem Trauerprozess davonlaufen. Im Umgang mit meinen Klientinnen und Klienten, mit denen ich am runden Tisch saß und mit denen ich mein kleines Wissen im Umgang mit dem Ton teilte, vermied ich es, über mich zu reden. Das war im Grunde nicht sehr schwer, denn entweder schwiegen wir alle, in uns selbst versunken, oder jemand erzählte über sich. Denn das eigene Leben war für die meisten, verständlicherweise, das Hauptthema. Ich kam mit meiner Tarnung ziemlich gut durch, bis mich eines Tages, vermutlich war ich bereits etwa vier oder fünf Wochen dort gewesen, jemand fragte, ob ich Kinder hätte. Ich konnte kein Wort sagen. Ja wäre zwar die richtige Antwort gewesen, doch hätte ich dann nicht von Lars’ Tod erzählen müssen? Oder ein Leben erfinden, das es so nicht mehr gab? Nein zu sagen, käme einer Lüge gleich. Wie genau ich mich aus der Affäre gezogen habe, weiß ich heute nicht mehr.

In jenen Tagen war ich auch gefragt worden, ob ich noch länger bleiben könne, denn die krank geschriebene Kollegin sei noch nicht wieder einsatzfähig. Ich hatte eigentlich gehofft, einfach bald wieder da raus zu kommen, denn mir war klar, dass ich so nicht auf Dauer arbeiten konnte. Nicht jetzt. Nicht mit diesem selbst so zerbrechlichen Klientel. Denn mir ging es sehr schlecht. In jeder Hinsicht. Auch körperlich. Oft war mir schwindlig. Eines Tages war es besonders schlimm. Es war mir nicht nur schwindlig, ich musste mich auch immer wieder kurz auf der Toilette erholen, mir Wasser ins Gesicht spritzen und durchatmen, die Panikattacken aussitzen, um eine weitere Stunde durchhalten zu können. Schließlich meldete ich mich ab, krank geworden, und fuhr nach Hause. Ich schaffte es knapp in die Wohnung, dort brach ich zusammen.

Eine ganze Weile saß ich am Boden, an eine Wand gelehnt, unfähig, wieder aufzustehen. Irgendwann hatte ich es wohl aufs Sofa geschafft. Und irgendwie ans Telefon. Ich rief meine Ärztin an und erzählte ihr von meinem Kreislaufkollaps. Sie meinte, ich solle am nächsten Tag in die Praxis kommen, falls das gehe. Auf jeden Fall werde sie mich ab sofort wieder krankschreiben. Ich rief im Betrieb an und meldete mich bis auf weiteres ab. Noch dachte ich, dass ich in ein paar Tagen zurückkehren würde, um wenigstens die vereinbarte Zeit abschließen zu können. Erst nach etwa einer Woche begriff ich, dass ich noch nicht so weit war.

Bei einer feinen Körpertherapeutin hatte ich inzwischen den für mich richtigen Therapieplatz gefunden. Ihre Therapie wirkte vor allem in die Tiefe. Zwar redeten wir auch, doch in erster Linie arbeitete sie an meinem Körper. Es ging dabei vor allem darum, meine Lebensenergie zu unterstützen, denn mein Energiepegel war total im Keller. Mein Kreislauf wurde im Laufe dieser wöchentlichen Behandlungen wieder stabiler und auch die Atemenge, ausgelöst von den Panikattacken, löste sich allmählich. Außerdem fühlte ich mich bei Frau W.  sehr geborgen und konnte mit ihr über alles zu reden. Ihre Therapieform, Metamorphose genannt, war – so erkenne ich im Nachhinein – der Anfang des Heimweges, dieses Weges in mein Herz zurück.

(Fortsetzung folgt)

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

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Weiterleben ohne Lars #11 – Die andere Seite hören

Auch andere Freundinnen ermutigten mich dazu, zu versuchen, mit meinen Verstorbenen in Kontakt zu treten. Schließlich meldete ich mich bei einem als sehr seriös bekannten Medium an. C. wollte im Voraus keinerlei Informationen über mich und meine Geschichte. (Dass ich jene Frau war, über die die Zeitungen im Juli berichtet hatten, konnte sie ja nicht wissen, da ich dort nicht mit Namen genannt worden war.) C. vermied so, von mir Gehörtes oder Gelesenes mit medial wahrgenommenen Eindrücken zu vermischen.

Was genau sind mediale Botschaften? Ich verstehe sie als sinnliche Eindrücke, die uns von medial begabten Menschen überbracht werden. Menschen, die fühlen und wahrnehmen können, was sich unserem Tagesbewusstsein normalerweise nicht zeigt. Menschen, die die unsichtbare Welt wahrnehmen können. (Im Grunde etwas, dass – je nach Affinität – viele von uns könnten, wenn wir es uns nicht abgewöhnt hätten.) Ein Medium empfängt also, wenn es sich auf die unsichtbare Welt einlässt, ganz verschiedene Eindrücke auf unterschiedlichen sinnlichen Kanälen. Die Kunst besteht nun darin, diese Eindrücke in unsere Wortsprache zu transformieren. (Somit kann also jede mediale Botschaft richtig oder falsch interpretiert werden. Und ja, natürlich wird hier auch viel Schindluderei betrieben.)

Dank meiner Vorab-Recherche hatte ich also C. gefunden, die sehr seriös und sehr sensibel arbeitet. Kaum hatte ich Platz genommen, als ich an meinem rechten Knie eine kleine Hand spürte. In mir war es ruhig und ich fühlte mich geborgen und getröstet. Auch C. nach die Hand auf meinem Knie wahr, obwohl ich nichts gesagt hatte. Nicht nur die Hand nahm sie wahr, sie sah vor ihrem inneren Auge Lars neben mir stehen und beschrieb ihn als goldlockigen Buben, der seine Hand auf mein Bein gelegt habe. Und da sei ein Mann bei mir, auf meiner anderen Seite, der mich unbedingt wissen lassen wolle, dass es gut gewesen sei, dass ich damals nicht gekommen sei.

Nur ganz kurz musste ich nachdenken, was das bedeuten sollte. Doch dann erinnerte ich mich, wie ich damals, am 12. Juli, kurz überlegt hatte, mit dem Auto zu Antonio zu fahren. Eigentlich und Göttinseidank hatte mich einzig die Tatsache, dass ich auf Ch. gewartet hatte, davon abgehalten. Ch. wollte uns ja besuchen, um mit mir und Lars dessen Geburtstag zu feiern. Auch der Umstand natürlich, dass Antonio das Telefon nicht abgenommen und die Nachbarin gesagt hatte, der Kinderwagen stehe nicht im Treppenhaus. Die beiden wären ja eh nicht im Haus gewesen, hatte ich gedacht, und war darum daheim geblieben. Wohin hätte ich auch fahren sollen? Ja, hinterher, in der allerersten Zeit, hatte ich es bereut, nicht doch hingefahren zu sein, um das Schreckliche womöglich vereiteln zu können. Nun also das: Gut, dass du nicht gekommen bist!

Weitere Aussagen, die C. machte, waren ähnlich konkret und präzise, weitab von Allgemeinplätzen, die ich auf jede Situation hätte umdeuten können. Ich war nach diesem Gespräch mit Antonio und Lars sehr froh darüber, dass ich mir dieses Channeling, gegönnt hatte.

Monate später hatte ich mit einem weiteren Medium aus Norddeutschland ein Telefonchanneling. Jene Frau hatte die Gabe, sich auf eine Art Zeitreise einlassen und vergangene Zeiten wie in einem Film betrachten zu können. Sie erzählte mir, was Lars und Antonio am letzten Tag getan haben. In ihrem Fall konnte ich gewisse Dinge nicht direkt, aber ein paar Monate später – nach dem alle polizeilichen Untersuchungen abgeschlossen worden waren – anhand von Fundgegenständen und dem Obduktionsbericht verifizieren. Tatsächlich war ein Brief Antonios aus den Trümmern geborgen worden, den sie erwähnt hatte. Er konnte sogar rekonstruiert werden und legte die Vermutung sehr nahe, dass Antonio – wie das Medium gesagt hatte – schriftlich über verschiedene Lösungswege nachgedacht hatte. Weiter hatte er, ganz am Schluss vor seinem Tod und obwohl er länger clean gewesen war, einen Joint geraucht, zumindest ein paar Züge. Auch das hatte mir das Medium geschildert. Ich hatte daraufhin ihr gegenüber behauptet, dass er ganz bestimmt  clean gewesen sei.

Fast ungläubig lese ich heute in meinem Tagebuch über jene Zeit. Über jenes zweite Channeling. Auch was sie damals über meinen späteren Beruf und mein zukünfiges Liebesleben sagte, haut mich heute, im Rückblick, fast um. Beruflich werde ich mehr im kreativen und kommunikativen Bereich arbeiten und viel Freude an meiner beruflichen Herausforderung haben. Ich kann mich dabei selbst entfalten. Allenfalls werde ich sogar wieder mit Kindern arbeiten können, an einer Schule womöglich? Und ja, ich werde wieder eine Partnerschaft haben. Mein Partner ist ein stabiler, weltoffener Mensch, der beruflich viel reist und unterwegs ist. Ein treuer Mensch, der sehr gut zu mir passt. (Oh, wie exakt das zutrifft!)

Ich bin mir bewusst, wie seltsam solche Erfahrungen für Außenstehende klingen mögen. Mir war damals zum einen jedes Mittel recht, das ein wenig Trost und Hoffnung versprach, doch andererseits habe ich diese Menschen, diese Medien, sorgfältig ausgewählt, habe mich vorher nach ihnen erkundigt, habe recherchiert, Referenzen eingeholt, denn ich weiß, dass in diesen sensiblen menschlichen Zwischenräumen viel Unfug getrieben und viel Schaden angerichtet wird.

Die von mir ausgewählten Medien hatten die besondere Fähigkeit oder Gabe, sich im Zustand tiefer Entspannung in eine Art geistiges Internet einzuloggen und Einblick in Geschehnisse zu bekommen, die sich unsern Augen im Wachzustand entziehen. Da ich selbst auf meinem spirituellen Weg, insbesondere auf schamanischen Reisen, ähnliches erlebt habe, bin ich davon überzeugt, dass es eine unsichtbare Wirklichkeit gibt, parallel zur sichtbaren, die mit den klassischen Mitteln nicht wahrnehmbar ist. Eine Ebene, für die wir zwar Rezeptoren hätten, normalerweise jedoch nicht geübt darin sind, diese auch einzusetzen. In diesem Zustand der Trance, der vielen Menschen suspekt ist, obwohl wir ihn ganz natürlicherweise – meistens vor dem Einschlafen oder nach dem Aufwachen – alle immer mal wieder durchschreiten, nehmen wir Dinge anders wahr, betrachten die Welt aus einer anderen Sicht. In diesem Zustand greifen die üblichen Kontrollmechanismen nicht. Darum sehen und verstehen wir so auf einmal Zusammenhänge, die außerhalb unseren bewussten Seins liegen.

Was ich bei den Medien gesucht habe? Eigentlich nur eins: Ich wollte verstehen. Nicht nur, warum Antonio das alles getan hatte. Nicht nur, was Lars erlebt hatte. Ich wollte auch verstehen, warum das alles, in einem größeren Kontext betrachtet, geschehen ist. Vielleicht entwickelte sich ja doch ein Sinn aus allem, was geschehen ist.

Nun ja, ich glaube ja nicht, dass etwas Schlimmes geschieht, damit wir ihm später einen Sinn verleihen. Eher denke ich, dass es einen Versuch wert ist, zu  versuchen das Schlimme zu integrieren, ihm quasi im Nachhinein einen Platz und einen Sinn zu verleihen. Ich glaube nicht an endgültige Antworten. Auf alle meine Fragen fand ich immer nur vorläufige. Manchmal fand ich Trost, manchmal siegte die Verzweiflung.

Damals fuhr ich sehr oft auf Autopilot durch mein Leben. Schleicht sich der Schmerz an, erstarre ich zuweilen, versuche jedenfalls mich so wenig wie möglich zu rühren. Insbesondere wenn ich mich in einem halbwegs erträglichen Zustand mit halbwegs befriedigenden Antworten eingefunden hatte.

Die Lücke, die Lars in meinem Leben hinterlassen hatte, schien manchmal ein bisschen kleiner geworden zu sein, oft allerdings nur, um am nächsten Tag umso größer und schmerzhafter zu sein.

(Fortsetzung folgt)

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

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Weiterleben ohne Lars #10 – Wieder daheim

In einer dieser vielen schlaflosen Nächte – einige Wochen nach meinem Besuch bei M. in Frankreich –, beschloss ich, Lars’ Zimmer zu meinem zu machen. Das bisherige Wohn- und Schlafzimmer meiner Zweieinhalbzimmerwohnung würde so zum Wohn- und Arbeitszimmer werden. Das Ganze war wie eine Mutprobe, denn ich musste alle Spielsachen und Kleider von Lars, die noch immer so, wie er sie verlassen hatte, im Zimmer herumlagen, in die Hand nehmen. Ich musste auch alle seine zuletzt benutzten Kleider waschen und sie verpacken.

Ich verstaute die Spielsachen in Kisten. Schrieb Lars’ Name oben drauf. Trug alles in den Keller. Füllte das nun leere Zimmer mit meinem Leben.

Ein Sakrileg? Ein Gebot der Stunde? Ich stürzte mich mitten in den Schmerz, wurde eins mit ihm und eins mit diesem unserem Raum. Sein Zimmer. Mein Zimmer. Wir waren und sind untrennbar miteinander verbunden.

In jener Zeit stellte sich eine neue Wahrnehmung ein: Ich konnte Menschen lesen. Fuhr ich mit dem vollen Bus in die Stadt, ertrug ich den Lärm kaum, den alle Gefühle und Gedanken der Mitfahrenden in mir produzierten. Es war mir im öffentlichen Raum zu laut geworden. Überall da, wo ich mit vielen anderen Menschen zusammen war. Doch es gelang mir nicht, mich diesem Lärm zu entziehen. Weder die äußeren noch die inneren Ohren konnte ich verschließen.

Kaum betrachtete ich einen Menschen, spürte ich, las ich, wie es ihm ging. Sowohl bei Bekannten lief das so als auch bei wildfremden. Obwohl ich natürlich bei Unbekannten nicht überprüfen konnte, ob meine Wahrnehmungen mit der realen Befindlichkeit dieser Menschen übereinstimmten. Bei Bekannten hingegen tat ich das schon immer mal wieder, doch es war unglaublich anstrengend. Und ich wollte das auch gar nicht. Ich wollte doch gar nicht so viel fühlen. Ich fühlte ja selbst schon genug. Alles überforderte mich. Ich konnte es aber nicht ändern und zog mich mehr und mehr zurück. Den öffentlichen Verkehr fing ich an zu meiden und bewegte mich fortan zu Fuß, per Fahrrad und mit dem Auto vorwärts.

Erstaunlich daran war, dass ich zwar das Leid mir unbekannter Menschen im Bus mitfühlte und geradezu mitlitt, doch die Freude jener, die fröhlich waren, erreichte mich nicht. Weil diese Wahrnehmungen nicht mehr aufhörten, auch nach den ersten Wochen nicht, mied ich nach und nach alle große Menschenansammlungen, besonders große Einkaufsläden. Ich reduzierte viele meiner Handlungen auf ein halbwegs erträgliches Mindestmaß und begann meine Wohnung immer mehr als Höhle, als mein Schneckenhaus, wahrzunehmen. Die Wohnung und der Wald wurden zu meinen Schutzräumen. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, dass es je wieder anders sein könnte.

Überleben tat ich in diesen ersten Monaten vor allem aus dem Grund, weil ich dachte, es Lars schuldig zu sein. Ich hatte schließlich das Drama überlebt, also musste ich doch nun irgendwie weiterleben. Die Alternative – Suizid – war denkbar und auch der Gedanke, abends für immer einschlafen zu dürfen, war oft da. Lebensüberdruss. Sterbesehnsucht. Nicht-mehr-Leiden-Sehnsucht. Tröstliche Gedanken. Weniger aktiv als passiv dachte ich damals über mögliche Wege des Sterbens nach. Falls ich mich eines Tages entscheiden sollte, selbst zu sterben, dann so würdig wie möglich, schwor ich mir damals. Suizid hatte ich nie grundsätzlich verurteilt. Nur den erweiterten Suizid, ja, den verurteilte ich zutiefst. So wie ich jegliche Form von Übergriffen auf die Leben anderer verurteile.

Ein klein bisschen wollte ich auch um meinetwillen leben, weiterleben – zwar noch ohne Plan und Perspektive –, denn da waren so viele liebe Menschen, die mein Leid mittrugen und die mir Halt gaben. Und die mich liebhatten.

Dank der Opferhilfe Bern und dank einer Anwältin, die sich um meine Rechte und Pflichten kümmerte, ließen sich viele Dinge ein klein bisschen leichter ertragen. So stellte mir die Opferhilfe die Mittel für eine Traumatherapie zur Verfügung und meine persönliche Opferhilfe-Beraterin vermittelte mir schließlich den Kontakt zu Nadja, die neun Monate vor mir ebenfalls ihren Sohn und ihren Mann an den Folgen eines erweiterten Suizids verloren hatte.

Wir verabredeten uns und besuchten gemeinsam die Gräber unserer Söhne. So entstand eine wichtige Schicksalsfreundschaft, die mir vieles in einem neuen Licht erscheinen ließ. Dank ihr kam ich erstmals auf die Idee, mit Hilfe eines Mediums mit Lars Kontakt aufzunehmen.

(Fortsetzung folgt)

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

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Weiterleben ohne Lars #9 – Dünne Haut

Zurück in meiner kleinen Wohnung brachen Leere und Perspektivelosigkeit mit einer Wucht über mir zusammen, die mich heute an eine Flutwelle denken lassen. Ich war überfordert von einem Alltag allein, hatte ich doch bis dahin immer mit anderen Menschen zusammengelebt. Dieses neue Leben musste ich erst lernen. Und ich musste gezwungenermaßen auch ohne meinen Sohn leben lernen. Ein Leben ohne sein Lachen, ohne seinen Trotz, ohne seine klugen Sätze, ohne seine Warum-Fragen, ohne seine Kuschelnähe, ohne seine Lieder, ohne seine Tränen, ohne seine Streiche, ohne seine Ideen, ohne seine Übermut, ohne seine Liebe.

Unvorstellbar. Unerträglich. Unmenschlich.

Und vermutlich ist es wirklich, wie so viele sagen, das Schlimmste, das es gibt, wenn das eigene Kind stirbt. Für mich jedenfalls. Meine ehemaligen Nachbarinnen und Nachbarn hatten ihr ganzes Hab und Gut bei der Explosion verloren, ich meine Familie. Es mag sich seltsam anhören, doch es war ein Trost für mich, nicht auch noch mein Hab und Gut verloren zu haben. Dass mir wenigstens meine Fotoalben geblieben sind. Dass mir Gegenstände geblieben sind, die eine Art physische Brücke zu Lars schaffen konnten. Dass es den kleinen Bären noch gab und Lars’ Bettwäsche, an der ich schnüffeln konnte.

Dennoch war meine Wohnung – zwei Zimmer und eine kleine Wohnküche – zu klein, als dass ich Lars’ Zimmer in ein Mausoleum hätte verwandeln können. Und ich musste mir dringend Aufgaben schaffen. Schreiben war das eine, mir eine Struktur geben, das andere.

Ich verlangte von mir jeden Tag mindestens einen sozialen Kontakt ab: Mindestens einmal pro Tag raus aus der Wohnung. Einkaufen, spazieren gehen, jemanden anrufen, jemanden besuchen oder einladen. Und Yoga. Jeden Tag. Haushalt natürlich, was aber ohne Kind viel weniger Arbeit machte. So gestaltete ich meinen neuen Alltag um das Schreiben der Bewerbungen herum. Nach der maximalen Zeit, die mir meine Krankschreibung erlaubt hatte, war ich nun wieder eine ganz normale Arbeitsuchende. Da meine Beraterin vom Arbeitsamt sehr menschlich war, improvisierten wir im Rahmen der Möglichkeiten, so dass der Erfolgsdruck, baldmöglichst eine neue Stelle zu finden, erträglich war. Wenigstens dort ein bisschen Erträglichkeit. Wieder täglich zur Arbeit gehen zu sollen war unvorstellbar. Vielleicht werde ich nie wieder normal?, dachte ich oft. Vielleicht kann ich nie mehr ein normales Leben führen. Was immer diese Normalität war, das hier war es jedenfalls nicht.

Einerseits setzte ich mich unter Druck, wollte baldmöglichst wieder funktionieren, glaubte zumindest, es zu sollen, andererseits wollte ich lernen, liebevoll mit mir umzugehen, wollte mir den Raum zu trauern, auch wirklich geben. So gut das eben ging. Wirklich zu trauern hieß für mich, mir keine Abkürzungen zu erlauben. Keine Ablenkungen zuzulassen. Der richtige Ansatz für mich, ohne Frage, doch war ich sehr oft sehr streng mit mir. Aus heutiger Sicht wohl zu streng.

Ich war eine Überlebende. Eine Überlebthabende. Leben aber, richtig leben ging anders. Wie das ging, hatte ich vergessen. Für mich wäre es eine Abkürzung, die ich nicht gehen wollte, gewesen, Medikamente, die meinen Schmerz gedämpft hätten, einzunehmen. Nur am Anfang hatte ich kurz ein chemisches Beruhigungsmittel genommen, doch mit diesen Tabletten hatte ich nicht mehr träumen können. Stattdessen war ich wie ein Stein eingeschlafen und am Morgen wie aus einem tiefen Koma gewacht. Alle Grautöne, die wohltuende Dämmerung zwischen Wachsein und Schlafen, fielen dabei weg; doch genau jene Zeit war es schon immer gewesen, die mir besonders gut getan hatte. Jene Phase, in der das Herz frei hatte, in der es fühlen konnte, was es wollte, ohne von meinem Kopf ständig überwacht zu werden. Jene Phase des freien Assoziierens fehlte mir schon nach wenigen Tagen so sehr, dass ich lieber schlaflose Nächte auf mich genommen hatte. Und Albträume. Und ein nassgeweintes Kissen.

(Fortsetzung folgt)

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

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Der Tod – das grosse Tabu?

Der Übergangstag, wie ich den Todestag  meines jüngeren Sohnes nenne, ist vorbei. Es ist wieder Alltag eingekehrt. Viele Leute haben mir an diesem Tag geschrieben, dass sie an mich dächten, dass sie an meinen Sohn dächten, an meine Familie, und es waren sehr schöne Gedanken, die sie mir geschrieben und ich möchte mich bei ihnen allen von Herzen bedanken.

Und ähnlich wie nach Weihnachten, wo irgendwann mal der Tannenbaum der warmen Stube weichen muss, weil er unangenehm viele Nadeln fallen lässt, seine Zeit vorbei ist, weicht auch das Thema aus den Köpfen der Menschen, die nicht zu den direkt Verlusterfahrenen gehören. Das Wissen, dass da doch vor ein paar Jahren noch jemand war, an der Seite des Verlusterfahrenen, verflüchtigt sich, das Leben geht wieder seinen normalen Gang, bis es sich dann jährt, das Ereignis, das so ziemlich alles verändert …

Wer das Glück hat, noch nie einem solchen Ereignis namens ’Tod eines geliebten Menschen’ begegnet zu sein, der kann nicht erahnen, wie tief die Einsamkeit Verlusterfahrener sich anfühlt, nicht annähernd.

Man könnte sie vergleichen mit der Einsamkeit, die sich ausbreiten würde, wenn ein geliebter Mensch aus irgendwelchen Gründen seine Identität vertuschen müsste: Wenn er einen anderen Pass bekäme, wenn man ihm einen anderen Namen verpassen würde, wenn man ihn ausser Lande schicken würde, auf dass er im eigenen in Vergessenheit gerät, weil unbequem, weil unschön die Beschäftigung mit ihm, weil störend im Alltag, weil untragbar in diesem Lande. Und man selbst, als Vater oder Mutter oder Tochter oder Sohn oder Freundin oder Freund dieses geliebten Menschen wüsste jedoch ganz genau, dass er noch da ist, dass er lebt, dass man mit ihm Kontakt aufnehmen kann, wenn auch heimlich natürlich, denn davon zu reden würde bei anderen Irritation auslösen, würde bei anderen Ängste auslösen, würde die anderen daran erinnern, dass jederzeit wieder geschehen könnte, was mit diesem geliebten Menschen geschehen ist, und man möchte nicht ständig daran erinnert werden, dass man in einem Lande lebt, in dem solche Ereignisse an der Tagesordnung sind, dass tagtäglich ein Mensch einfach so verschwindet, ausser Sichtweite, auf quasi Nimmerwiedersehen.

Und ja, es gibt solche Länder, wo solches geschieht – in Tat und Wirklichkeit. Länder, in denen geliebte Menschen aus dem eigenen wegziehen müssen. Aber dieses Thema möchte ich heute nicht vertiefen, ich will nur versuchen aufzuzeigen, womit man die Einsamkeit eines Verlusterfahrenen vergleichen könnte: mit dem Erlebniswissen eines jeden Einzelnen von uns nämlich.

Vergleiche zu ziehen ist heikel, das ist mir bewusst, denn wenn man diesen Verlust nicht erfahren hat, kann man ihn wie bereits erwähnt kaum nachvollziehen, aber man kann sich in eine ähnliche Situation hineindenken. Und auch wenn diese obige drastisch geschildert ist, gibt sie vielleicht ein wenig das Gefühl wieder, das Verlusterfahrene tagtäglich 24 Stunden am Tag haben … Einsamkeit, tiefste tiefste Einsamkeit … Denn auch in unseren Ländern ist selten die Rede vom Thema das uns alle angeht – und man sagt solchen Themen Tabuthemen.

Dazu ein paar Gedanken in Dialogform:

»Kennt jeder, weiss jeder, braucht nun also hier nicht noch extra erwähnt zu werden, und überhaupt! Dieser Vergleich hinkt und stinkt zum Himmel! Denn hier in unseren Landen wird zwar auf Biegen und Brechen gestorben, ja, das mag sein, aber das Thema ’Tod’ ist doch kein Tabu! Man kann doch jederzeit mit jedem darüber reden! Und wir anderen nehmen doch Anteil am Leid des anderen, also wirklich. Wir wissen doch wie schlimm das ist und wir wissen doch, dass es ihn gibt, diesen Tod, und dass er das Allerallerschlimmste überhaupt ist, was einen Menschen treffen kann, und deshalb nehmen wir doch Rücksicht auf die Opfer dieses Todes und wir kümmern uns doch um sie und wir bieten ihnen Therapien an, wo sie sich ausheulen können; und wir bieten ihnen Pharmaka an, die ihnen helfen, und wir tun doch alles, damit diese Opfer des Todes wieder halbwegs ein normales Leben führen können! Also echt jetzt, das nervt so einigermassen, wie wir da durch den Schlamm gezogen werden, wie wenn wir hier in unseren Landen das Thema Tod zum Tabu erklärt hätten!«

… die tiefste aller Einsamkeiten hat nichts damit zu tun, dass wir als Verlusterfahrene nicht umsorgt würden, dass man uns keine Therapien anbietet, dass wir keine Tabletten bekommen täten vom Arzte eines jeden Hauses … Die tiefste aller Einsamkeiten hat vielmehr damit zu tun, dass der geliebte Mensch, weil ausser Sichtweite, weil mit den physischen Sinnen nicht mehr wahrnehmbar, wie lebendig begraben wurde … Wenn nicht gerade der ’Todestag’ ansteht, wenn nicht gerade Weihnachten ist und auffällt, dass da einer fehlt unter dem Baum, dann geht für die meisten der Alltag wie gehabt weiter …

»Ja meine Güte, was erwartest du denn von uns?! Sollen wir des Tages und des Nachts dein Händchen halten und dich betrauern und dir sagen wie unendlich leid uns das tut, dass der Tod gerade DICH erwischt hat? Also weisst du, wir haben auch noch anderes zu tun, und hinzukommt, dass du ja bei Weitem nicht die Einzige bist, die so etwas erlebt, und weshalb gehst du denn nicht endlich mal in diese Trauergruppe, die es doch da überall gibt, extra für Menschen wie dich und Deinesgleichen?!«

… die tiefste aller Einsamkeiten hat auch damit nichts zu tun, dass man nicht auf andere sogenannt „Trauernde“ stossen würde, wenn man sich auf die Suche nach ihnen macht. Und interessanterweise ist die Zahl derer, die sogenannt „Opfer des Todes“ geworden sind höher, als man sich vorstellen kann. Nein, noch höher. So hoch ist da diese Zahl von Menschen bei denen der Tod an die Haustür geklopft hat dass es jegliches Vorstellungsvermögen übersteigt. Es sind mehrere Zehntausende, verteilt auf mehrere Gruppen in den Ländern Schweiz, Deutschland und Österreich – mehrere zehntausend Menschen die von dieser tiefsten aller Einsamkeiten betroffen sind …

»Na also! Wer sagt’s denn. Dann ist’s ja gut, was soll also das Gejammer, dann tu dich halt zusammen mit denen und dann ist aus die Maus mit Einsamkeit!«

… die tiefste aller Einsamkeiten hat auch damit nichts zu tun. Es hilft kein Sich-zusammen-tun, es lindert höchstens für den Moment ein wenig den Verlustschmerz, wenn man sieht, dass man nicht das einzige ’Opfer’ ist, dass es da noch andere gibt – Zehntausende andere …

»Ok, was genau ist es dann?! Kannst du mir das jetzt nicht einmal abschliessend erklären? Was genau erwartest du denn von mir, von uns anderen? Was sollen wir deiner Meinung nach tun, um deine Einsamkeit zu lindern? Denn wenn ich wüsste, was ich machen könnte, um dich aus dieser Isolation heraus zu holen, dann würde ich das tun, das weisst du doch!«

… die tiefste aller Einsamkeiten hat damit zu tun, dass der ’Tod’ unter uns allen ein Tabuthema ist. Dass nicht offen darüber gesprochen wird. Und wenn, dann gerne und öfters und lieber nur in privaten Fernsehsendern oder in Büchern, die von denjenigen gelesen werden, die sich bereits gelöst haben von der alten materialistischen Sichtweise, die da noch immer überall gelehrt wird an den Schulen und die man mit der Muttermilch aufgesogen hat und die dann zum Tragen kommt, wenn ein ’Todesfall’ in der nahen Umgebung eintritt, so dass man eingeladen wird dem ’Verstorbenen’ die letzte Ehre zu erweisen.

»Oh, dein geliebter Mensch ist tot … das tut mir so unendlich leid … ja, die Vorstellung, dass er doch gerade eben noch da war und nun stehen wir da an seinem Grabe und betrachten die Erde mit den schönen Blumen, die ihm da unten sicherlich ein wenig Trost spenden wenn er da so aschenmässig vor sich hin ruht.«

… die tiefste aller Einsamkeiten hat mit der Sichtweise und der eingeschränkten Perspektive des materialistischen Weltbildes zu tun und damit, dass für die meisten Menschen die Erde noch immer eine Scheibe ist und dass der geliebte Mensch nun leider von dieser gestürzt ist, was zwar hochtragisch, aber leider nicht zu ändern ist. Und das Leben geht doch weiter, und schau wie schön die Sonne, und schau wie schön der Mond, und du bist doch so eine Träumerin, dann träum dir doch dein Leben wie es wäre, wenn es anders wäre …

… und so kommen in meinen Träumen plötzlich Menschen, die behaupten, dass sie mit dem Abgestürzten Kontakt aufnehmen können; und dann kommen da Menschen, die behaupten, dass sie ausserhalb ihres Körper wunderschöne Erfahrungen gemacht hätten und dass sie von ihren Liebsten abgeholt worden seien; und dann kommen da Menschen die studiert haben und lange Jahre an der Universität waren und alles gelernt haben was das materialistische Weltbild hergibt; und dann ist das denen zu wenig und sie forschen weiter; und dann gibt es so Studien und so Forschungszweige und dann sagt in meinen Träumen so ein Forscher namens Pim van Lommel:

»Das Problem ist nicht, dass wir nicht herausgefunden haben wie das genau ist mit dem sogenannten ’Tod’ – das Problem ist, dass es nicht allen bekannt ist, denn der Tod ist noch immer ein grosses Tabu!«

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… die tiefste aller Einsamkeiten – und wer befreit?

Über meinen Befreiungsweg erzähle ich im ’trosthandbuch – Wegweiser aus der Trauer’, welches vor kurzem in der 3. Auflage mit einem Nachwort von Gabi Laszinger, der Gründerin von www.happy-children.de, an deren Kinderhilfswerk der gesamte Erlös des Buches geht, erschienen ist.

Geboren wird täglich, gestorben auch. Und deshalb erübrigt sich eigentlich die Frage, für wen dieser Themenbereich von Belang wäre … auch auf meiner öffentlichen Facebookseite zum Buch erzähle ich davon. Dazu bitte → hier klicken.

Weitere Infos gibt es hier: www.barbarawalti.ch und auf diesem Blog unter folgendem Link: elterntreffpunkt-girasol.ch/author/barbara-w/

Weiterleben ohne Lars – Teil 8: Geborgenheit und Spielen

Eine liebe Freundin war im Sommer 2003 gesundheitlich angeschlagen, weshalb sie sich nur schlecht bewegen und auch nicht an Lars’ Abschiedsfeier dabei sein konnte. Ich vermisste sie. Schon im Frühling hatten wir geplant, dass Lars und ich im Sommer eine Woche oder zwei zu ihr fahren würden, nach Frankreich, in die Lebensgemeinschaft, in der ich eine Zeitlang mitgelebt hatte. Nun sehnte ich mich danach, nicht nur am Telefon mit ihr über das Erlebte zu reden, sondern mit ihr zusammen am Feuer zu sitzen und hinzuschauen, was war. Was ist. Was werden kann. Diese große Schwester meines Herzens fehlte mir. Ob ich trotzdem hinfahren sollte? Ob ich diese Reise alleine schaffen würde? In meinem desolaten Zustand mit fragilem Kreislauf und den immer öfter auftretenden Panikattacken?

Das Zelt hatte ich eigens dafür gekauft, um mit Lars zu zelten. Wir hatten uns beide sehr darauf gefreut. Seit dem Umzug hatte es in Lars’ Zimmer gestanden, doch inzwischen hatte ich es abgebaut, eine oder zwei Wochen nach Lars’ Tod, und in den Keller gestellt. Bei meiner Freundin würde ich, wenn ich allein hinfuhr, allerdings eher nicht zelten. Ich würde in einem der Gästezimmer, von denen es dort ja genug hatte, schlafen. Falls ich hinfahren würde.

Eines Tages packte ich also einfach meine Sachen. Den Laptop, der mir damals zu einem meiner treusten Gefährten geworden ist, weil ich ihm jederzeit alles erzählen konnte, musste natürlich auch mit. Ich schrieb schon lange und fast täglich Tagebuch; dazu all die Mails und Briefe, an Freundinnen und Freunde. Auch an Lars schrieb ich weiterhin Briefe – ein Prozess, den ich in der Schwangerschaft angefangen hatte und der mir jetzt beim Loslassen half.

Es wurde meine erste längere Autoreise ganz allein. Eine von vielen, die noch folgen würden. Und ich schaffte es. Unterwegs legte ich ein paar Pausen ein, doch im Grunde war es ja nicht so schwer. Ich war diese Strecke ja schon oft gefahren, meistens als Mitfahrerin allerdings oder mit jemandem, der mich lotste, wenn ich unterwegs unsicher wurde. Mit einer Karte auf dem Schoß, denn Handy und Navigationsgerät waren damals ja noch kein Thema, wie mir eben bewusst wird.

Es war später Nachmittag, als ich den unbefestigten Weg zu den Häusern der Lebensgemeinschaft herunterrollte. Hochsommer. Ende Juli. Ziemlich genau ein Jahr seit dem letzten Mal. Seit jenem Besuch hier, bei welchem sich Lars am letzten Tag die Hand eingeklemmt hatte. Und nach welchem Antonio uns drei mit Alkohol im Blut und überhöhter Geschwindigkeit, dazu ein paar Tage früher als geplant, nach Hause befördert hatte.

Wie gut es tat, hier zu sein! Am nächsten Tag würden unser gemeinsamer Freund M., mit dem ich in Zürich zusammengewohnt hatte, und andere gemeinsame Freunde eintreffen, doch den ersten Abend hatten wir zwei Frauen nur für uns. Einfach hier zu sein war wie Balsam. Zusammen zu lachen, trotz allem Schrecklichen, tat so gut.

Als sich am nächsten Tag die andern Besucherinnen und Besucher aus der Schweiz verspäteten, wurde ich beinahe panisch. Erst nachdem sie von unterwegs angerufen und eine Stunde Verspätung gemeldet hatten, wurde ich ein bisschen ruhiger. Da begriff ich, dass vergebliches Warten auf Menschen zu einem Trigger für mich geworden war. Der Grund lag auf der Hand.

Noch heute reagiere ich latent panisch, wenn sich jemand unüblicherweise und unentschuldigt verspätet. Panikattacken lassen sich kaum beeinflussen, sie entziehen sich meinem Verstand und allen Vernunftgründen. Immerhin kann ich damit heute ein wenig gelassener umgehen.

Als die Freunde und Freundinnen schließlich angekommen waren, verdreifachte sich unsere kleine temporäre Gemeinschaft auf einen Schlag. Diese Lebendigkeit tat mir gut. Menschen und Gespräche, wann immer ich es wünschte, Stille und Natur, wann immer ich dies brauchte. Und immer war jemand da, der mich in die Arme nahm, wenn ich weinen musste.

Wir waren fast immer draußen. Am Feuer, am Fluss, am nahen Stausee, im Wald, wir redeten, wir kochten und aßen gemeinsam, wir fuhren fast jeden Nachmittag an den Lac de Vouglans, um zu schwimmen Und vor allem spielten wir ganz oft Karten. Ein neues Spiel eroberte mein Herz im Sturm. ’Der große Dalmuti’. Er rettete mich davor, in Schwermut zu versinken und half mir dabei, der Dunkelheit immer mal wieder mit einem mutigen Lachen zu entkommen.

Unglaublich, dass ich in solchen Momenten überhaupt lachen konnte! Es war mir oft so, als ob Lars sich mitfreuen würde. Sowohl unser Freund M. als auch meine Freundin M. hatten Lars gekannt, hatten die eine oder andere Geschichte von ihm zu erzählen. So war mir, als wäre er da. Mitten unter uns.

Ich begreife heute, wie wichtig diese Woche in Frankreich für mich gewesen ist. Es war mein tiefes Atemholen, bevor der Alltag allein, allein mit all dem noch zu Bewältigenden, auf mich zurollen würde.

Eine Auszeit, die mein Herz mit Liebe und Freundschaft, mit Mitgefühl und mit Lachen genährt hatte. Und wo meine Tränen Raum hatten zu fließen.

Ich erinnere mich an die eine Nacht, die mein Freund M. und ich unter dem Sternenhimmel verbracht hatten. Intensive Träume hatte ich da draußen auf dem Hofplatz. Ich träumte davon, dass alles anders ist, als es scheint. Von einer Brücke handelte der Traum, über die ich schreiten würde, und hätte ich die Brille aufgehabt, nachts, hätte ich bestimmt ganz viele Sternschnuppen gesehen. In einer Landschaft mit wenig Lichtverschmutzung kann man die Sterne viel besser sehen als in dicht besiedelten Gegenden. In dieser Ecke des Haut-Jura war der Nachthimmel schon immer grandios gewesen. Ob Lars nun auf einem dieser Sterne saß, wie der kleine Prinz, und mir zuwinkte? Ein Gedanke, der mir immer wieder, wenn ich den Sternenhimmel betrachte, ein leises Lächeln schenkt.

Zu dritt – Freundin M., eine anderen Frau, deren Großmutter kürzlich an den Folgen der Schweinegrippe gestorben ist und ich – feierten wir in diesen Tagen auch ein Loslassritual. Ich verbrannte dabei alle Briefe Antonios, die ich eigens dazu mitgenommen hatte. Wie Altlasten empfand ich sie, die mich daran hindern wollten, frei zu sein.

Ich ahnte den noch langen Weg in die Freiheit vor mir. Dabei solche Freundinnen und Freunde an der Seite zu wissen, ist etwas vom kostbarsten überhaupt.

(Fortsetzung folgt)

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Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Meine erste Work

Ich hatte also festgestellt, dass ich nichts zu verlieren hatte. Rein gar nichts. Und ich hatte Zeit. Viel Zeit. Mich schreckte auch so schnell nichts mehr ab und schon gar nicht etwas, das sich «einfach» anhörte – denn Schwieriges hatte ich genug zu bewältigen und gegen ein Wunder hätte ich nichts einzuwenden gehabt.

Meine Gefühlslage war ebenfalls glasklar. Ich war schlicht und ergreifend traurig. Todtraurig. Und ich wusste nicht, ob ich jemals wieder nicht traurig sein würde und dies belastete mich unbeschreiblich. Denn wenn ich nie mehr ohne diese Traurigkeit, ohne dieses Mich-schuldig-Fühlen sein würde, dann würde ich nie mehr dieselbe sein wie vor dem Tod von Julian. Ich würde das Leben dann nie wieder geniessen können und mich nie wieder freuen können ob all dem Schönen, das da noch immer sein könnte in meinem Leben. Und das machte mir Angst. Also öffnete ich meinen Laptop und machte im November 2014 die erste Work meines Lebens.

Die vier Fragen mit meinem Ausgangssatz

«Ich werde nie mehr dieselbe sein wie vorher.»

1. Frage: Ist das wahr?
«Ja, das ist wahr.»

2. Frage: Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?
«Ja, das kann ich.»

3. Frage: Wie reagierst du, was passiert, wenn du diesen Gedanken glaubst?
«Es macht mich noch trauriger als ich schon bin. Es zieht mich runter. Ich fühle meine alte Kraft nicht mehr. Ich habe Angst, dass ich nicht mehr beziehungsfähig bin, dass meine Partnerschaft zerbricht. Ich kann mir nicht vorstellen, je wieder arbeiten zu gehen. Ich fühle mich unendlich schuldig meinem älteren Sohn gegenüber, weil ich nicht mehr dieselbe lebensfrohe Mama für ihn sein werde wie vorher.»

4. Frage: Wer wärst du ohne diesen Gedanken?
«Ohne diesen Gedanken? Also wenn ich diesen Gedanken einfach gar nicht denken könnte? Tja, dann … Also wenn 
ich diesen Gedanken nicht hätte, dann wäre ich entlasteter, dann wäre ich etwas unbeschwerter, dann würde ich mich freier fühlen und auch ein wenig mehr wieder in meiner Kraft. Ich würde daran glauben können, dass es mit der Zeit wieder anders wird, besser, dass ich dieselbe sein werde, trotz meiner schmerzvollen Erfahrung. Dieselbe von meiner Wesensart und von meinem Lebenswillen, meiner Lebensfreude her. Ja, diese Zuversicht hätte ich, würde ich diesen Gedanken gar nicht denken können.»

Während ich mir dies alles aufschrieb, geschah etwas Sonderbares. Das Gefühl folgte meinen eingetippten Gedanken auf dem Bildschirm. Ich konnte es geradezu körperlich spüren. Als ich bei der 3. Frage aufschrieb, was mit mir passiert, wenn ich diesen Gedanken glaube, bekam ich Magenschmerzen, wie so oft in dieser Zeit. Und als ich bei der 4. Frage alles aufschrieb, was mir in den Sinn kam, wenn dieser Gedanke einfach gar nicht in meinem Kopf existieren würde, da fühlte ich mich besser, irgendwie befreiter. Ich merkte, dass ich schneller schrieb, sich alles leichter anfühlte und ich vor lauter Aufregung an den Händen zu schwitzen begann.

Und obwohl ich mir damals noch nicht die Zeit genommen hatte, um mit den vier Fragen in die Stille zu gehen und mir auch nicht bewusst war, dass The Work im Grunde genommen eine Meditation ist, habe ich dennoch eine erste intensive Erfahrung mit der befreienden Wirkungsweise von The Work machen können.

Die drei Umkehrungen mit meinem Ausgangssatz: «Ich werde nie mehr dieselbe sein wie vorher.»

Nun ging es noch darum, zu jeder dieser drei Umkehrungen Beispiele zu suchen, die sich für mich genauso wahr anfühlen würden wie der ursprüngliche Ausgangssatz selbst.

Umkehrung ins Gegenteil

«Ich werde wieder dieselbe sein wie vorher.»

1. Beispiel: «Ich werde wieder dieselbe sein wie vorher, wenn die erste Trauerphase vorbei ist. Das sagt man doch so, Zeit heilt Wunden, oder nicht?»

2. Beispiel: «Ich werde wieder dieselbe sein wie vorher, wenn ich mir ganz fest Mühe gebe. Wenn ich es einfach ganz fest will. Ja, dann könnte es sein, dass ich es schaffen werde.»

3. Beispiel: «Ich werde wieder dieselbe sein wie vorher, wenn es mir gelingen würde, mich mit Hilfe von The Work von all meinen belastenden Gedanken zu befreien. Mich zu befreien von all den verzweifelten Gedanken, die sich um meine Schuld drehen und mich zu befreien von all den schmerzvollen Gedanken, die mich von morgens bis abends in Beschlag nehmen. Ja, wenn mir dies gelingen sollte, dann könnte es vielleicht sein, dass ich schon bald wieder dieselbe sein würde wie vorher und nicht erst nach einer langen, langen Trauerphase.»

Umkehrung zum anderen

«Ich werde zu den anderen nie wieder dieselbe sein wie vorher.»

1. Beispiel: «Ja, auch das könnte wahr sein und zwar dann, wenn ich mich vollkommen in mich selbst zurückziehen würde, mich von den anderen abschotten würde und niemanden mehr an mich herankommen lassen würde.»

2. Beispiel: «Oder, wenn ich eben nicht mehr beziehungsfähig wäre, wenn es mir nicht mehr möglich wäre, mich meinem Partner gegenüber zu öffnen.»

3. Beispiel: «Und ja, wenn ich in der Trauer ertrinken würde, dann wäre ich über Jahre hinweg nicht mehr dieselbe Mama, Partnerin, Freundin – ich würde zu den anderen nie mehr dieselbe liebevolle Beziehung haben können, weil ich innerlich mitgestorben wäre mit Julian.»

Umkehrung zu mir selbst

«Ich werde zu mir nie wieder dieselbe sein wie vorher.»

1. Beispiel: «Ja, das ist insofern sehr wahr, als dass ich zu mir nie wieder dieselbe sein würde, wenn ich mich in meinen Schuldgefühlen verlieren würde. Ich würde dann mit einem aggressiven Unterton mir selbst gegenüber leben müssen, weil ich es mir nie verzeihen könnte, dass ich nicht gut genug zu meinem Sohn geschaut habe. Ja, ich wäre dann tatsächlich nie mehr dieselbe zu mir wie vorher.»

2. Beispiel: «Und ja, auch das ist wahr: Wenn ich mich ein Leben lang schuldig fühlen würde für den Tod meines jüngeren Sohnes, dann hätte ich auch kein Vertrauen mehr in mich, dass ich es mit dem älteren Sohn gut machen würde. Dann würde ich an mir als Mutter zweifeln, ich hätte kein Vertrauen mehr in mich.»

3. Beispiel: «Und ich würde zu mir insofern nie mehr dieselbe sein, als dass ich, wegen meines mangelnden Vertrauens in mich als Mutter, überaus ängstlich würde und meinem älteren Sohn nichts mehr zutrauen würde und so würde ich mir selbst immer fremder werden.»

Das wollte ich nicht. Ich wollte mir nicht selbst fremd werden. Ich wollte auch nicht auf den Faktor Zeit bauen, denn aufgrund meiner Erfahrung, die ich im Zusammenhang mit der Trauer meiner Eltern um ihren Sohn gemacht hatte, wusste ich, dass Zeit nicht automatisch Wunden heilt und auch nicht wirklich die Trauer schmälert.

Was ich mir jedoch zutiefst wünschte, war, mich von meinen verzweifelt traurigen Gedanken befreien zu können und dank dieser ersten Work hatte ich die wegweisende Erfahrung machen dürfen, dass dies auch in meiner Situation möglich war. Und so nahm ich die Lektüre von Boerners Buch wieder auf, überflog kurz das Inhaltsverzeichnis, um dann beim achten Kapitel Das Ende des Leidens weiter zu lesen. Auf diesen 15 Seiten hat Moritz Boerner eine einstündige Tonbandaufnahme von Byron Katie Wort für Wort niedergeschrieben. Inhaltlich ist der Text sehr dicht, intensiv, radikal. Ich las und las, verschmolz mit den Worten, meine Gedanken standen still. Plötzlich ging es ums Sterben.

Byron Katie sagt: «Wir sterben nicht. Tod ist gar nicht möglich! Unsere Gedanken über den Tod sind völlig verdreht und funktionieren nicht. […] Der Mensch versucht seinen Körper zu schützen, weil er denkt, er sei der Körper. Dass er ein auf Erden wandelndes spirituelles Wesen ist, hat er vergessen. Er hat sein ewiges Leben vergessen. Wann immer du angstvoll an den Tod denkst, kannst du sicher sein, dass dies ein verdrehtes Denken ist. Menschen, die Nahtoderlebenisse hatten, berichten von grosser Schönheit, Ekstase und Frieden … ich bin einer dieser Menschen. […] Es gibt nur einen wirklichen Tod, den Tod eines Glaubenssatzes.»

Dieses achte Kapitel beeindruckte mich tief und meine Ahnung verstärkte sich, dass es ihn gab, diesen Weg, welcher mich aus all meinen Schuldgefühlen und meinen verzweifelt traurigen Gefühlen hinaus führen würde, und so bestellte ich sämtliche auf Deutsch erschienen Bücher von Byron Katie, unter anderen auch ihr Grundlagenwerk Lieben was ist. Nach der Lektüre dieses wundervollen Buches meldete ich mich für den Ausbildungsgang Coach für The Work nach Byron Katie an, welchen ich im Sommer 2015 abgeschlossen habe.

(Fortsetzung folgt)

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Quelle: trosthandbuch, Barbara Walti, Selbstverlag 2016 (siehe  Medientipps und www.barbarawalti.ch
Siehe auch: Der Tod und was danach kommt (in diesem Blog)

Weiterleben ohne Lars – Teil 7

Antonio hatte unzählige Gelegenheiten gehabt, neue Werkzeuge kennenzulernen, reflektieren zu lernen, genauer hinzuschauen, Hilfe anzunehmen. Auch wenn seine Wut aufs Leben, dieses Nicht-leben-können seine Ursprünge in seiner Kindheit und Jugend gehabt hatte.

Und ja, ich verurteile Antonios Tat. Ich finde es auch heute noch schrecklich, was er getan hat. Unsäglich. Aber heute verurteile ich Antonio nicht mehr. Vermutlich habe ich ihm verziehen. Losgelassen. Mir zuliebe.

P. begleitete uns drei anschließend zum Bahnhof. Er war vollkommen neben der Spur. Er hatte seinen Bruder geliebt. Und er hatte Lars geliebt. Ich versuchte ihm zu sagen, wie viel Trost und Kraft ich zurzeit aus Lars’ Vermächtnis ziehe, aus Lars’ Lachen und seiner Lebensfreude. Dass Lars will, dass wir weitergehen. Dass er will, dass es uns gut geht. P. war, anders als sein Vater, nicht an Schuldzuweisungen interessiert, aber er war verzweifelt, voller Fragen, ohne Antworten. Er hatte von uns allen seinen Bruder vermutlich am besten gekannt. Und wohl auch am unmittelbarsten geliebt.

An diesem Wochenende besuchte mich Antonio. Ich hatte mich für eine kleine Siesta aufs Bett gelegt, nachdem ich die ganze Wohnung geputzt und das Innenzelt, das noch immer in Lars’ Zimmer aufgebaut gewesen war, abgebaut hatte. Im Zustand einer tiefen Entspannung, in den ich mich wieder besser, fast so wie früher, fallen lassen konnte, sah ich Antonio. Er kam zur Tür herein, auf dem Rücken einen ledernen Rucksack. Er trug ein ärmelloses Shirt und wirkte ruhig und zugleich zerknirscht.

Was machst du hier?, sagte ich, laut, weil das alles so wirklich war.
Es tut mir so leid, sagte er, kannst du mir verzeihen?
Ja, sagte ich. Eines Tages schon. Nicht jetzt. Später …

Als ich später mit meiner ehemalige Nachbarin S. telefonierte, die ja am Tag vor der Explosion von ihrer inneren Stimme gesagt bekommen hatte, dass sie baldmöglichst das Haus verlassen solle, erzählte ich ihr von meiner Begegnung mit Antonio. Antonio hatte sie offenbar ebenfalls besucht. Und auch sie hatte er um Verzeihung gebeten. Er hatte sie zudem gefragt, wie er frei werden könne. Da sie, als Buddhistin, einiges über diese letzten Wege wusste, erklärte sie ihm den Weg. Er habe sich bedankt und sich verabschiedet. Später hörte ich noch von anderen Freundinnen und Freunden, die ähnliche Begegnungen mit ihm gehabt hatten.

Auch Lars sah ich immer mal wieder. Einmal sagte er, wie lieb er mich habe. Ein anderes Mal bat er mich dringend, das Buch zu schreiben. Erst heute ahne ich, dass er dieses Buch hier gemeint hatte. Nun denn … jetzt tue ich es. Für mich, für ihn.

(Fortsetzung folgt)

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Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Die Methode von The Work

Bei The Work geht es darum, die ganz konkrete Situation zu untersuchen, in der man leidet, sich traurig, wütend, ängstlich oder sonst irgendwie unglücklich fühlt – um dann denjenigen Gedanken zu finden, der diese belastenden Gefühle ausgelöst hat. Byron Katie schreibt über das Wesen der Gedanken in ihrem Büchlein Eine Einführung:

«Ein Gedanke ist solange harmlos, bis wir ihn glauben. Es sind nicht unsere Gedanken, sondern das Anhaften an unsere Gedanken, das Leiden verursacht. Einem Gedanken anzuhaften bedeutet, ihn für wahr zu halten, ohne dies überprüft zu haben. Eine Überzeugung ist ein Gedanke, an dem wir – vielleicht seit Jahren – anhaften.»

Wenn man herausgefunden hat, welcher Gedanke für das leidvolle Gefühl verantwortlich ist, kann man diesen Gedanken mit den vier Fragen von Byron Katie auf seinen Wahrheitsgehalt hin überprüfen.

Ich schreibe die Fragen – mit Auszügen aus dem jeweiligen Kommentar von Byron Katies Eine Einführung – in diesem Theorieteil auf, ohne ein Beispiel dazu zu machen.

Anschliessend werde ich anhand eines praktischen Beispiels, meiner ersten Work, diese vier Fragen konkret beantworten.

1. Frage: Ist das wahr?

«Nimm dir Zeit, wenn du die erste Frage stellst. Die Antwort ist entweder ja oder nein. (Bei ‹nein› gehe weiter zur 3. Frage). Bei The Work geht es darum, im tiefsten Teil deiner selbst zu entdecken, was wahr ist. Jetzt hörst du auf deine Antwort, nicht auf die Antwort anderer Menschen und nicht auf das, was dir beigebracht wurde.»

2. Frage: Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?

«Wenn du die erste Frage mit ja beantwortet hast, frage dich: ‹Kann ich mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?› In vielen Fällen scheint die Aussage wahr zu sein. Natürlich ist das so. Deine Konzepte basieren auf Überzeugungen, die ein Leben lang ungeprüft blieben.»

3. Frage: Wie reagierst du, was passiert, wenn du diesen Gedanken glaubst?

«Mit dieser Frage beginnen wir, innere Ursachen und Wirkungen wahrzunehmen. Du kannst erkennen, dass es, wenn du den Gedanken glaubst, ein ungutes Gefühl ist; eine Störung, die von leichtem Unbehagen bis hin zu Angst und Panik reichen kann. […] Ich liebe die 3. Frage. Sobald du sie für dich selbst beantwortest, sobald du die Ursache und Wirkung eines Gedankens erkennst, beginnt sich alles Leiden aufzulösen.»

4. Frage: Wer wärst du ohne diesen Gedanken?

«Dies ist eine sehr kraftvolle Frage. Wer oder was wärst
du ohne diesen Gedanken? Wie würde es dir ohne diesen Gedanken gehen? Schliesse jetzt, nur für ein oder zwei Minuten die Augen und stell dir vor, wer du wärst, wenn du nicht einmal in der Lage wärst, diesen Gedanken zu den- ken? Wie wäre dein Leben anders in dieser Situation ohne den Gedanken?»

Wenn es manchmal eine Situation gibt, in der ich mir einfach nicht vorstellen kann wie es wäre, wenn ich diesen Gedanken nicht hätte, hilft mir folgendes Bild:

Ich stolpere über irgendetwas, falle unsanft hin, schlage dabei mit dem Kopf auf und bin für einen ganz kurzen Moment bewusstlos. Dann rapple ich mich wieder auf, halte mir mit beiden Händen den Kopf, um zu schauen ob er blutet – aber nein, es fehlt ihm nichts. Das einzige was ihm fehlt, ist dieser eine Gedanke, dieser belastende, leidvolle Gedanke. Der löste sich beim Sturz irgendwie auf und ich kann mich beim besten Willen nicht mehr an ihn erinnern. Er ist weg. Verschwunden. Und ich weiss nicht einmal mehr, dass ich ihn einmal hatte.

Zur Vorgehensweise bei der Beantwortung dieser Fragen schreibt Byron Katie in Eine Einführung: «The Work ist Meditation. Es ist wie in sich selbst hineintauchen. Denke über die Frage nach, falle hinein in die Tiefe deiner selbst, höre zu und warte. Die Antwort wird deine Frage finden.»

Hat man die Antworten auf diese Weise gefunden, kann man zu den drei Umkehrungen des belastenden Gedankens übergehen. Auch hier möchte ich zum besseren Verständnis zuerst wieder etwas aus Byron Katies Eine Einführung zitieren:

«Finde Gegensätze zu der ursprünglichen Aussage, die du auf dein Arbeitsblatt geschrieben hast, um die Umkehrungen zu machen. Eine Aussage kann oft zu dir selbst, zum anderen und ins Gegenteil umgekehrt werden. […] Es gibt nicht für jede Aussage drei Umkehrungen und für manche gibt es mehr als drei.

Es kann sein, dass manche Umkehrungen keinen Sinn für dich ergeben. Versuche nicht, etwas mit den Umkehrungen zu erzwingen. Beziehe dich bei jeder Umkehrung auf die ursprüngliche Aussage. […] Die Umkehrungen sind ein sehr kraftvoller Teil von The Work. So lange du denkst, die Ursachen für dein Problem befänden sich ‹da draussen›, so lange denkst du, jemand oder etwas anderes sei für dein Leiden verantwortlich – so lange bleibt die Situation hoffnungslos. Das bedeutet, du wirst für immer in der Opferrolle verharren. Du leidest im Paradies. Bringe die Wahrheit nach Hause zu dir selbst und fange an, dich selbst zu befreien. Es ist nicht länger nötig darauf zu warten, dass sich Menschen oder Situationen verändern, damit du Frieden und Harmonie erleben kannst. The Work ist der direkte Weg, dein eigenes Glück zu orchestrieren.»

Ich muss zugeben, als ich diese Worte von Byron Katie zum ersten Mal las, dachte ich bei mir: Was meint sie wohl mit «leiden im Paradies?» Welches Paradies denn? In meiner Situation! Und freiwillig verharre ich bestimmt nicht in einer Opferrolle, aber es ist halt einfach wie es ist, ich bin ein Opfer geworden oder etwa nicht?!

Dass ich Opfer meiner eigenen Gedanken war (und es immer wieder bin) war mir zu diesem Zeitpunkt, wenige Wochen nach dem Tod meines Sohnes, natürlich nicht bewusst. Aber es ging mir so unglaublich schlecht und mein Leiden war so abgrundtief, dass ich wusste, zu verlieren hatte ich nichts. Ich konnte es ja ausprobieren: Wie das so wäre, mit dieser Hinterfragerei meiner Gedanken. Denn es kam ja wirklich nicht mehr darauf an, was ich mit ihnen tat. Sie bombardierten mich 24 Stunden am Tag – wachend, träumend, immer mich fertig machend, diese leidvollen, verzweifelt traurigen Gedanken.

Und wenn The Work tatsächlich die Methode sein sollte, die mich von all diesen Gedanken befreien könnte, dann wollte ich sie erlernen, in der Hoffnung, dass es mir so ergehen würde wie dieser Mutter im Beispiel von Moritz Boerners Buch. Denn dieses Beispiel beeindruckte mich nachhaltig und versöhnte mich mit den Worten Byron Katies bezüglich der Opferrolle. Und was könnte ich mir mehr wünschen, als «mein eigenes Glück zu orchestrieren»? Denn rückgängig machen konnte ich meine Situation nicht, aber vorwärts gehen, das wäre eine Möglichkeit – und Stillstand widersprach mir seit jeher.

Zurück also zur Theorie und den Umkehrungen. Auch da werde ich anhand eines eigenen Beispiels, meiner ersten Work, anschaulicher zeigen können, wie sie funktionieren.

Hier zuerst die Auflistung der drei Umkehrungen der ursprünglichen Aussage:

Die erste Umkehrung ist eine Umkehrung der ursprünglichen Aussage ins Gegenteil.
Die zweite Umkehrung ist eine Umkehrung der ursprünglichen Aussage zum anderen.
Und die dritte Umkehrung ist eine Umkehrung der ursprünglichen Aussage zu mir selbst.

Zu jeder dieser drei Umkehrungen sucht man dann konkrete Beispiele aus dem eigenen Erleben, wie diese Umkehrungen genauso wahr sein könnten wie die ursprüngliche Aussage. So verliert der belastende Gedanke immer mehr an Macht und lässt einen mit der Zeit ganz von alleine los, sobald man mit Hilfe der vier Fragen herausgefunden hat, dass er nicht der eigenen, inneren Wahrheit entspricht.

Und weil der Gedanke der eigentliche Auslöser für unsere unglücklichen Gefühle in dieser Situation ist, befreit uns die Überprüfung von all unseren traurig verzweifelten, leidvollen Gefühlen, die wir angesichts dieser Situation bislang gefühlt haben.

Was sich hier ein wenig kompliziert anhört, ist im Grunde genommen ganz einfach, sobald man einmal eine eigene Erfahrung mit The Work gemacht hat. Byron Katie betont immer wieder, dass The Work ein Erfahrungsweg sei und kein Erkenntnisweg. Und Moritz Boerner fasst die Wirkung der Methode im Buch Byron Katies The Work wie folgt zusammen:

«The Work kann und wird Ihr Leben radikal verändern – allerdings nur, wenn Sie sie machen. Und haben Sie schon einmal etwas so Einfaches kennengelernt? Vier Fragen – eine Umkehrung?

Tatsache ist, dass diese Einfachheit manchen abschrecken könnte (Wie kann das wirken, wenn es so einfach ist?), aber ich versichere Ihnen, Wunder sind nichts Ungewöhnliches, wenn man eine Weile The Work praktiziert und vor allem auch das Leben von Menschen verfolgt, die sie im Freundeskreis oder auf Seminaren anwenden.»

In Anhang II (meines Trosthandbuches) habe ich einige auf Deutsch erschienene Bücher von Byron Katie zusammengestellt und unter Weblinks ein paar Websites zum Thema «The Work» aufgeführt.

(Fortsetzung folgt)

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Quelle: trosthandbuch, Barbara Walti, Selbstverlag 2016 (siehe  Medientipps und www.barbarawalti.ch
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Weiterleben ohne Lars – Teil 6

Oft dachte ich über Antonios letzte Tage und Stunden nach. Fragte mich, wie lange im Voraus er alles geplant hatte. Ob er womöglich bis zuletzt gehofft hatte, dass ich kommen und ihn erlösen würde. Besonders diese eine Frage kaute ich sehr oft wieder. Später erhielt ich bei einem Medium, einer Frau, die Kontakt zu Verstorbenen herstellen kann, eine Antwort.

Am Tag nach Lars’ Beerdigung war die Antonios. Im Dorf seiner Eltern und so anders als die seines Sohnes. Mit Lars’ Götti, und Lars’ Gotti, war ich hingefahren. Wir hatten uns ein wenig früher getroffen und setzten uns in ein Restaurant, um uns gegenseitig zu ermutigen. Hört ihr das? Wie kann das sein?, sagte ich. »I want to get away, I want to fly away.« Lenny Kravitz‘ Stimme sickerte aus den Lautsprechern an unseren Tisch. Gänsehaut. Einer von Antonios Lieblingssongs von einem seiner Lieblingsmusiker.

Meine beiden Begleiter waren ebenfalls tief erschüttert. Was für ein seltsamer Zufall. Wir horchten.

»I wish that I could fly. Into the sky. So very high. Just like a dragonfly.
I’d fly above the trees. Over the seas in all degrees. To anywhere I please.
Oh I want to get away. I want to fly away. Yeah yeah yeah.
Oh I want to get away. I want to fly away. Yeah yeah yeah.«

Wollte er mich mitnehmen?, fragte ich mich kurz. Vielleicht wollte er das wirklich. Aber ich will das noch nicht. Ich will jetzt hier sein.
Nein, ich will eigentlich auch sterben.
Nein, ich will leben. Lars will, dass ich lebe.

Ja, noch war es vor allem Lars, der mich am Leben hielt, so paradox das klingen mag. Mit einer orangefarbenen Rose in der Hand – fast hätte ich geschrieben: bewaffnet –, ging ich an der Seite meiner Freunde auf den Friedhof. Nur die nächste Verwandten waren gekommen, der ältere Bruder und die beiden Halbbrüder mit ihren Familien. Keine andern Freunde außer uns. Wer auch? Da war ja niemand mehr.

Wir saßen vorne in der Kirche und hörten uns das Gesalbader des Pfarrers an. Es war ihm anzumerken, dass er zum einen Antonio nicht persönlich gekannt hatte und zum anderen für seine Laudatio nur auf die Erzählungen meines Schwiegervaters hatte bauen können. Natürlich war Antonio ein wunderbarer Mensch gewesen. Ja. Trotz allem. Ohne Abstriche.

Er war dennoch und vor allem ein verzweifelter und ein unglücklicher Mensch gewesen. Nicht zuletzt durch das Aufwachsen als Sohn eines Vaters, der so narzisstisch und egozentrisch und einzig auf den äußeren Schein bedacht gewesen war, dass Antonio mit seiner Persönlichheit, mit seiner Sensibilität keinen Raum neben ihm gehabt hatte. Auch sein Bruder P. hatte sich immer schwer mit dem Leben getan, war nicht lebensfähig im Sinne einer gesellschaftlich konformen Lebensweise, wie sie sich der Vater für seine Söhne erträumt hatte. Von außen betrachtet.

Ob mein Schwiegervater sich je reflektierende Gedanken über das Innenleben seiner Söhne gemacht hatte? Ob er sich wohl je gefragt hatte, warum gleich beide Drogen konsumiert hatten und ob das womöglich etwas mit ihm und seiner Dominanz zu tun haben könnte?

Vor diesem seltsamen Gottesdienst schüttelte ich dem Pfarrer die Hand uns stellte mich vor. Ich bin seine Frau. Er japste nach Luft und sagte, dass er dachte, dass ich nicht kommen würde. Ein Lapsus, den er sichtlich sofort bereute. Fast wäre ich in diesem Moment wieder gegangen, doch weil A. und M. mir den Rücken stärkten, stand ich es durch.

So gingen wir alle, mit der Urne, die der Pfarrer vor uns her trug, zum Grab. Nein, falsch, kein wirkliches Grab, eine hässliche Betonwand. Nun denn, ein Loch in einer Betonwand würde ab jetzt Antonios Asche hüten. Fast hätte ich geweint und gelacht zugleich. Was hatten sie sich dabei gedacht? Antonio gehörte doch in die Erde, wenn seine Asche schon nicht verstreut werden würde, was er sich immer gewünscht hatte. Doch ich hielt den Mund, denn ich hatte ihnen ja alle Rechte abgeben. Und im Grunde war es mir egal. Dennoch tat es mir weh. Restliebe war das wohl? Die Verwandten legten ihre obligatorischen Rosen, die zuvor an alle verteilt worden waren, ins offene Grab, das eher an eine Schublade erinnerte, während ich – wie eine Aussätzige am Rand der Gruppe stehend, niemand der Verwandten außer P. hatte mich begrüßt – meine orange Rose auswickelte und dabei Papierraschel-Lärm erzeugte, der offenbar, wie mir die bösen Blicke bestätigten, alle in ihrer Andacht störte.

Umständlich legte ich meine Blume zur Urne und trat wieder zurück. Spießrutenlauf. Als die Platte aufs Grab gehoben wurde, traf mich fast der Schlag. Unter Antonios Namen und seinen Geburts- und Sterbedaten standen Lars’ Name und seine Daten. Nicht mal im Tod kann diese Familie ehrlich sein und sich dazu bekennen, dass es nicht so ist, wie es aussehen soll.

Ja, ich spüre es, während ich darüber schreibe, dass ich noch immer ein Gruseln verspüre. Müßige Fragen tauchen auf. Was wäre, wenn Antonio einen anderen Vater gehabt hätte? Und doch: Es war nicht der Vater, nein, es war Antonio gewesen, der die Ventile der Gasflaschen geöffnet hatte. Wir können immer wieder Entscheidungen treffen, allen unseren Prägungen zum Trotz. Und wir können uns verändern, wenn wir unser Handeln reflektieren. Antonio hatte unzählige Gelegenheiten gehabt, neue Werkzeuge kennenzulernen, reflektieren zu lernen, genauer hinzuschauen, Hilfe anzunehmen. Auch wenn seine Wut aufs Leben, dieses Nicht-leben-können seine Ursprünge in seiner Kindheit und Jugend gehabt hatte.

Und ja, ich verurteile Antonios Tat. Ich finde es auch heute noch schrecklich, was er getan hat. Unsäglich. Aber heute verurteile ich Antonio nicht mehr. Vermutlich habe ich ihm verziehen. Losgelassen. Mir zuliebe.

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Leben inklusive – Mareice Kaiser & Kathrin Fezer Schadt lesen in Berlin

Erfahrungen mit behinderten Kindern und Sternenkindern
MI 6. SEP 2017 | 19.30 UHR

oben: Lachendes Mädchen mit Downsyndrom, unten: Infos zur Veranstaltung

„96 Prozent aller Kinder kommen gesund zur Welt. Meine Tochter gehört zu den anderen vier Prozent.“

Lesung und Gespräch mit den Autorinnen
Kathrin Fezer Schadt & Mareice Kaiser
MI 6. SEP 2017 | 19.30 UHR
ORT: GESUNDHEIT AKTIV e. V. | Gneisenaustr. 42, 10961 Berlin
EINTRITT: frei.
Über Spenden freuen wir uns!

Barrierefreier Zugang zum Veranstaltungsraum
Anmeldung erbeten an veranstaltung@gesundheit-aktiv.de

Zum Flyer (PDF): bitte → hier klicken.

Die Entdeckerin von The Work

Byron Katie hat ihre Methode zur Überprüfung von Gedanken oder Überzeugungen nicht aus ihrem Verstand oder ihrer Ausbildung heraus entwickelt. Sie war eine ganz normale Mutter und Hausfrau und als Unternehmerin tätig. In ihrer Lebensmitte geriet sie in eine tiefe Krise und während zweier Jahre war sie kaum noch in der Lage aufzustehen und ihren Pflichten nachzukommen. Als letzten Ausweg wies sie sich selbst in eine Klinik ein, die jedoch auf ihre tiefe Depression gar nicht zugeschnitten war.

Sie schlief auf dem nackten Boden, weil sie sich nichts anderes mehr zugestehen konnte und erwachte eines Morgens mit einer vollkommenen Stille im Kopf. Nichts war mehr wie vorher und sie erkannte, dass nicht ihre Probleme der Grund für ihre Depression waren, sondern einzig und allein, dass sie ihren Gedanken an diese Probleme Glauben schenkte.

Von da an begann sie alle ihre Gedanken und ihre eingefleischten Glaubenssätze auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu untersuchen. Sie fragte sich bei jedem Gedanken oder Glaubenssatz, der sie auch nur ansatzweise belastete, ob er wirklich stimme und die Frage «Ist das wahr?» bekam einen zentralen Stellenwert in ihrem Leben. Im Vorwort des Büchleins Eine Einführung steht:

«Katie entwickelte The Work, eine einfache aber kraftvolle Methode der Überprüfung, die den Menschen zeigt, wie sie sich selbst befreien können. Ihre Einsichten in den menschlichen Geist (bzw. Verstand) stimmen überein mit der Spitzenforschung der kognitiven Neurowissenschaft. The Work wurde verglichen mit dem sokratischen Dialog, mit buddhistischen Belehrungen und dem Zwölf-Schritte-Programm. Aber Katie hat The Work ohne religiöses oder psychologisches Vorwissen entwickelt. The Work gründet allein auf der direkten Erfahrung einer Frau davon, wie Leiden erschaffen wird und wie es beendet werden kann.»

(Fortsetzung folgt)

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Quelle: trosthandbuch, Barbara Walti, Selbstverlag 2016 (siehe  Medientipps und www.barbarawalti.ch
Siehe auch: Der Tod und was danach kommt (in diesem Blog)

Weiterleben ohne Lars – Teil 5

Eben erst hatte ich das allerliebste, das ich in meinem Leben je erlebt hatte, meinen wunderbaren Sohn, an den Tod verloren, doch war fast zeitgleich etwas ganz Neues in mir aufgewacht, aufgebrochen.

Gegenwärtig und wach erlebte ich ganz bewusst, wie neben diesen unsäglichen Schmerzen, diesem Gefühl von Amputiertsein, etwas Kraftvolles in mir wuchs, das ich selten je so intensiv erlebt hatte. Es keimte aus der Liebe, die ich empfangen und empfinden durfte, von Lars, von all den Freundinnen und Freunden, die zur Abschiedsfeier gekommen waren, aus all den Briefen und aus all dem erlebten Mitgefühl. Es stärkte mir den Rücken und ich fühlte und wusste mich getragen. Und ja, ich fühlte und wusste mich auch Lars sehr nahe. Nicht mehr physisch, aber die Liebe zu ihm war und ist größer als der brutalste Tod. Dass dieser Satz keine Floskel war, erkannte ich täglich mehr. Lars’ Lachen, das mir von den unzähligen Bildern entgegen strahlte, die in meiner Wohnung hingen und die ich oft betrachtete, war mir Medizin und Trost. Ich war sicher, dass er wollte, dass es mir gut geht.

So konnte ich manchmal andere trösten, die mit mir trauerten, was wiederum auch mich tröstete. Nicht, dass ich keine Tränen mehr hatte und habe, aber – trotz all der Sinnlosigkeit – fand ich immer wieder Ruhe in mir. Neben allem Chaos und einer zuweilen schier unerträglichen Leere. Ein Trotz-allem-Friede.

Dass ich nicht verbitterte, nicht verbittern wollte, geht auf eine Art Kuhhandel, den ich mit mir geschlossen hatte, zurück. Entweder ich verbittere und bringe mich eines Tages um oder aber ich lebe eines Tages wieder froh. Etwas anderes gibt es nicht. Keine Kompromisse! So verhandelte ich mit mir in den ersten Monaten nach Lars’ Tod. Verbittern war aber eigentlich keine Alternative und dass ich noch immer lebe, hat mit Lars’ Lachen in mir drin zu tun und mit der Liebe und Unterstützung meiner Freundinnen und Freunde. Und wohl auch mit meiner Bereitschaft, diese Geschenke anzunehmen, wirken zu lassen.

(Fortsetzung folgt)

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Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

The Work

Die Sonne schien, es war Mitte Oktober 2014, ich sass im Garten einer Freundin und tauschte mich mit ihr über Gott und die Welt im Allgemeinen und über Julian im Speziellen aus. Und während ich von meinem Dauerbrenner «ich und meine Schuldgefühle» erzählte, fragte mich meine Freundin, ob mir der Name «Byron Katie» etwas sage? Nein, von dieser Frau hätte ich noch nie gehört, antwortete ich und fragte, was die denn so mache? Ja, so genau wisse sie das auch nicht, sagte meine Freundin. Sie habe durch eine Freundin von dieser Frau gehört und anscheinend habe diese Byron Katie eine Methode entwickelt, mit der man belastende Gedanken untersuchen könne.

Ich fühlte, noch während meine Freundin ein wenig von dieser Frau erzählte, dass dies vielleicht mein sehnlichst erhoffter Ausweg aus meinen Schuldgefühlen sein könnte. Und ich spürte dieses vertraute Gefühl, welches immer auftaucht, wenn ich von innen her einfach die Gewissheit habe, dass etwas stimmig ist. Und so rief ich anderntags bei der Buchhandlung meiner Mutter an und bestellte ein Buch von Byron Katie. Auf die Frage, welches ich denn gerne hätte, wusste ich keine Antwort und sagte einfach: «Dasjenige, das ihr jetzt gerade im Laden stehen habt.»

Zwei Tage später hielt ich Byron Katies The Work von Moritz Boerner in der Hand. Moritz Boerner ist Filmemacher, Journalist und Buchautor. Er begegnete Byron Katies Selbstbefragungsmethode und hat 1999 darüber ein Buch geschrieben. Entgegen meiner Gewohnheit, mir jeweils zuerst einen Überblick via Inhaltsverzeichnis zu verschaffen, überblätterte ich dieses, begann sofort im Einstiegstext Ein faszinierendes Werkzeug zu lesen und begegnete vollkommen überraschend meiner eigenen Geschichte.
Der Geschichte einer Mutter, die vor 15 Jahren unter tragischen Umständen ihren Sohn verloren hatte und seither nie mehr glücklich war. Einer Mutter, die ausgebildet war in klinischer Neuropsychiatrie und Trauerarbeit und die von sich selbst sagte, sie sei aufgrund ihrer beruflichen Erfahrung eigentlich sehr intensiv auf einen solchen Schicksalsschlag vorbereitet gewesen, dennoch habe sie die Last der Geschichte als schier unbezwingbar empfunden. Als diese Frau mit The Work begann, konnte sie sich innert kurzer Zeit von ihrem jahrelangen Leiden befreien.

Mit einer solchen Geschichte hatte ich nie und nimmer gerechnet. Und nicht nur der Einstiegstext war faszinierend, das ganze erste Kapitel, das beschrieb, was The Work ist, begeisterte mich. Ich begegnete erstmals in meinem Leben einer Methode, mit der man seine belastenden Gedanken untersuchen kann.

Einer Methode, die davon ausgeht, dass sich jeder belastende Gedanke nach getaner Überprüfungsarbeit (The Work) ganz von alleine auflöst und damit die Befreiung von schmerzvollen Gefühlen bewirkt.

Ich fühlte mich innerlich sehr angesprochen von dieser Methode und fragte mich, ob ich vielleicht auch alle meine Gedanken in meiner leidvoll traurigen Situation mit den vier Fragen untersuchen könnte?

Ob das möglich ist? Ob dies derjenige Weg sei, auf den ich so fest gehofft hatte?

Ich wollte es wissen und setzte mich an meinen Laptop. Bevor ich nun jedoch von meiner ersten Work erzähle, möchte ich eine kurze Einführung in die Methode selbst geben.

(Fortsetzung folgt)

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Weiterleben ohne Lars – Teil 4

Schon seit Wochen war schönstes, heißestes Sommerwetter gewesen, doch am Tag der Abschiedsfeier, es war ein Mittwoch, hatte es nachts und am Morgen leicht geregnet. Und es war ein bisschen kühler geworden. Wir versammelten uns vor der Kapelle und obwohl ich mit meinen nächsten Menschen extra ein wenig früher dort angekommen war, standen bereits einige Freundinnen und Freunde da und erwarteten uns. Ich wurde von Arm zu Arm weitergereicht. Umarmung folgte auf Umarmung. So viel Trost, so viele Tränen. Wenig Worte, viel Gehaltensein.

Gemeinsam gingen wir ans Grab. Freund M. und mein Bruder P. trugen den Sarg die Treppe hinauf und legten ihn sorgfältig ins dunkle Loch. Hier wäre ich beinahe das erste Mal zusammengebrochen. Mir war schwindlig, schwarz vor den Augen. Die Endgültigkeit dieses Aktes raubte mir den Atem. Meine Freundinnen L. und C. hielten mich fest. Mit ihnen beiden an meiner Seite ging es.

Manche legten Blumen, manche Tannenzapfen auf den Sarg, manche standen einfach da und waren bewegt. Eine Freundin ließ Seifenblasen ins Grab hinab schweben. Was für eine herrliche Idee! Wunderbar schillernd tanzten die Blasen, bevor sie zerplatzten. Ich stellte mir vor, wie Lars kicherte.

In der Kapelle begrüßte B., meine Hebamme, die zahlreich erschienenen Freundinnen, Freunde und Verwandten. Eine Bekannte meiner Verwandten begleitete die Feier auf der Violine. Immer wieder setzte sie Punkte und Doppelpunkte, schloss ab, öffnete neue Türen.

Dazwischen betraten meine Gäste die Kanzel und erzählten von Erlebnissen mit Lars oder lasen Texte vor, die sie als Trost für mich und uns alle ausgewählt hatten. Ich erinnere mich an Texte von Gibran, Saint-Exupéry, Domin und anderen.

Das alles waren wunderbare, liebevolle Geschenke, die sich in meinem Herz wie Samen einnisteten. Das Gegenteil all dessen, was ich in den letzten Jahren an Ablehnung und Kritik erlebt hatte. Und obwohl es hier unpassend klingen muss, wurde mir leicht ums Herz.

Meine Freundin B. und mein Bruder P. haben diese Feier zu einem unglaublich feinen Gespinst aus Liebe und Geborgenheit gemacht – zusammen mit all denen, die dabei waren. Verrückt, wer alles gekommen war: Da waren Freundinnen aus meinem christlichen Leben von weither angereist, Freunde und Freundinnen aus meinen Zeiten in Frankreich und Zürich, daneben meinen eher bürgerlichen Verwandten. Und doch passte alles. Alles eins. Eins in der gemeinsamen Trauer. Eins aber auch in der Liebe zum Leben.

Nach dem letzten Musikstück wanderten wir nochmals gemeinsam zum Grab. Es war nun mit Erde gedeckt und wir schmückten es gemeinsam. Zum Glück war Lars’ Grab das erste eines neuen Grabfeldes, so konnten wir alle in mehreren Kreisen ums Grab stehen. Wer etwas beitragen wollte, trat zum Grab und legte es hin. Ein spontanes Abschiedsritual.

Auf einmal riss der wolkige Himmel auf. Ein Sonnenstrahl durchdrang die Wolkenwand. Viele Köpfe drehten sich gemeinsam zum Himmel und Freund H. sagte: Seht, ein Sonnenbrunnen!

Ja, Lars’ Sonnenbrunnen hatte uns gefunden.

Eine Freundin stimmte das Lied The river is flowing an und alle, die es kannten, sangen mit. Ich hatte mich längst hinknien müssen, denn mein Kreislauf war im Keller. Immer mehr Leute hatten sich inzwischen ebenfalls hingekniet.

Zum Abschluss spielte die Violinistin erneut Dona nobis pacem, wie schon vorher in der Kapelle sowie ganz am Anfang am offenen Grab. Wer oder was immer es ist, der, die oder das Frieden geben kann, in diesem Moment wurde er uns gegeben, dieser Frieden.

(Fortsetzung folgt)

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Die ersten Tage danach

Wer schon einmal erlebt hat wie das ist, wenn einem die Nachricht überbracht wird «dein geliebter Mensch ist tot» der weiss, wie es sich für mich angefühlt haben muss, als mein älterer Sohn Basil mir die Nachricht überbrachte, mein jüngerer Sohn Julian sei gestorben.

Wer das Glück hat, so etwas noch nie erlebt zu haben, der kann sicherlich erahnen, wie es sich anfühlt, wenn ihm so etwas widerfährt.

Meine Geschichte könnte nun derart weitergehen, dass ich ausführlich über meine Gefühlslage der ersten Tage oder gar des ersten Jahres danach berichten würde. Dann jedoch wäre es nicht dasjenige Buch, das zu schreiben mir vorschwebt. Ich möchte deshalb meine Geschichte auf eine etwas andere Art und Weise weiter führen, indem ich so chronologisch wie möglich von denjenigen Erfahrungen erzähle, die ich in der Zeit danach gemacht habe.

Die Zeitungsberichte

Eine dieser Erfahrungen war diejenige, die ich mit der Berichterstattung in der Presse gemacht habe. So schrieb zum Beispiel die in tausendfacher Auflage überall herumliegende Gratiszeitung 20 Minuten bereits am Montagmorgen, was sich in der Nacht auf Sonntag alles zugetragen hatte:

«Julian W. hatte LSD im Blut
Der am Sonntag im Büschiwald in Köniz leblos aufgefundene Julian W. stand unter Drogeneinfluss. Gegen seine Kollegen läuft nun ein Verfahren wegen unterlassener Nothilfe.»

Wäre ich damals auf Seiten der Leserschaft gestanden, wäre mein erster Gedanke mit Bestimmtheit gewesen: Zum Glück hat mein Kind bei dieser Waldparty nicht mitgemacht! Ich stand jedoch auf der anderen Seite und eines meiner Kinder hatte mit- gemacht und war gestorben. So habe ich die Zeitungsartikel mit ganz anderen Augen gelesen und immer wiederkehrend war da dieser eine Gedanke: Warum gerade er? Ich las von dieser Nacht, sah den Namen meines Sohnes, sah die Bilder dieses Waldes und meine tiefe Trauer wurde durch die ausführliche Berichterstattung noch einmal in unbeschreiblicher Weise verstärkt:

Wie kann es sein, dass ich in dieser Nacht von der Not meines Sohnes nichts gefühlt habe?
Wie ist es möglich, dass mein Sohn stundenlang im Wald am Boden gelegen hat und ganz alleine sterben musste, wo er doch in der Nacht zuvor noch friedlich in unserer Ferienwohnung geschlafen hatte?
Was ist geschehen in dieser kurzen Zwischenzeit?
Und wie kann es sein, dass ich gerade noch unzählige Bilder von im Meer herumtollenden Julian mit meinem iPhone aufgenommen habe und mir nun heute Zeitungsfotos anschauen muss, die von einer ganz anderen Wirklichkeit erzählen?

Täglich wurden die Berichte in den Zeitungen aktualisiert. Ich hatte sogar Verständnis dafür, genauso wie alle anderen wollte auch ich wissen, was genau geschehen war an dieser Waldparty, bei der plötzlich LSD im Spiel war.
Von wem?
Wen kann man dafür zur Verantwortung ziehen?
Wer waren letztlich die Schuldigen?
Was muss getan werden, damit sich ein solcher Vorfall nie wieder ereignen wird?
Und vor allem: Inwiefern kann ich meine Kinder schützen, damit ihnen so etwas nie geschieht?!

Ja, mit Bestimmtheit hätte auch ich alle diese Zeitungsartikel gelesen und mich ein wenig gewundert, dass Fachleute berichteten, an LSD sei noch kein einziger Mensch gestorben. Ich hätte die darauffolgenden Artikel interessiert mitverfolgt und immer wäre da im Hintergrund dieses unendlich dankbare Gefühl gewesen, dass dieser Kelch noch einmal an mir vorbeigegangen ist.

Nun las ich die Berichterstattungen zum Fall «Büschiwald/Köniz» aus einer ganz anderen Perspektive, denn der Kelch blieb an mir hängen und der Gedanke «hätte ich doch» nahm so viel Raum in meinem Kopf ein, dass ich die Antwort für die Schuldfrage längst gefunden hatte.

Mein Sohn war gestorben und in meinen Augen trug ich die alleinige Verantwortung dafür, denn ich war seine Mama, ich hatte ihn neun Monate in mir heranwachsen gefühlt, und ich hatte meinen beiden Kindern bei ihrer Geburt versprochen, dass ich alles für sie tun und immer für sie da sein würde.

(Fortsetzung folgt)

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Weiterleben ohne Lars – Teil 3

Am einen der ersten Nachmittage nach dem Unglück, als meine Freundin C. in meiner Küche von den Fahndern vernommen worden war, hatte ich mich kurz auf Lars’ Bett gelegt, um zur Ruhe zu kommen. Lars’ Zimmer war ein wunderbarer Raum. Ich lag da, das Fenster war offen. Draußen hörte ich Lars’ Kameradinnen und Kameraden spielen und lachen und ich lag einfach nur da.

Auf einmal sah ich wie in einem Film Lars’ Abschiedsfeier vor meinen inneren Augen. Ich sah den Ablauf, sah die Menschen, die in der Kapelle standen und den anderen etwas erzählten; etwas über das Leben, etwas über Lars.

Lars sollte im geschlossenen Sarg aufgebahrt werden, entschied ich. Seinen Anblick wollte ich niemandem zumuten, war ich mir ja selbst nicht sicher, ob ich ihn ein zweites Mal ertragen hätte. Und das nicht nur wegen all seiner Verletzungen. Nach der Aufbahrung, vor der Feier in der Kapelle, würden wir alle gemeinsam mit dem Sarg zum Grab gehen, den Sarg ins Grab begleiten, allenfalls etwas ins Grab zu legen.

Nach der Feier in der Kapelle würden wir alle nochmals ans inzwischen gedeckte Grab gehen. Der letzte Abschied mit der Möglichkeit, etwas auf dem Grab zu hinterlassen. Später würden wir im Wald das Weiterleben mit einem kleinen Imbiss willkommen heißen.

Mein innerer Film war sehr klar und schon kurze Zeit später erzählte ich dem Bestatter, den wir aus dem Telefonbuch gefischt hatten, von meinen Plänen für die Feier. Die Kapelle des ausgewählten Friedhofs buchten wir gleich doppelt so lange wie üblich. Eine sehr weise Entscheidung, wie sich später herausstellen würde.

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Die Beratungszeit

Endlich waren die Sommerferien vorbei und ich konnte mit Julian zur Fachstelle «Berner Gesundheit» gehen. Die Beratung war sehr professionell und umfassend. Julian wurde darüber aufgeklärt, dass Cannabis nicht einfach harmlos sei, sondern sich auf vielerlei Arten nachteilig auf die Gesundheit und die Psyche auswirken könne. Dank der grossen Auswahl an Büchern und DVDs, die man in der Fachstelle ausleihen konnte, wusste Julian bald einmal auch sehr gut über die Wirkungen aller anderen Drogen Bescheid, die derzeit im Umlauf waren. Wir schauten viele Videos gemeinsam an und so erfuhren wir unter anderem, dass LSD eine bewusstseinsverändernde Droge ist, alles andere als harmlos, jedoch direkt keine tödlichen Folgen hat, ganz im Gegensatz zu Heroin oder der neusten Droge Crystal Meth, von welcher man weiss, dass sie bereits nach dem Erstkonsum tödliche Folgen nach sich ziehen kann. Ich sprach mit Julian auch sehr offen über meine Ängste, dass Cannabis für ihn zu einer Einstiegsdroge werden könnte und so trafen wir im Rahmen der Beratung ein paar Vereinbarungen.

Zielvereinbarungen

Julian wünschte sich, dass ich ihm vertraue und ihn nicht mehr so stark kontrolliere und anerkenne, dass er nun mit 15 Jahren kein kleiner Junge mehr sei. Als Gegenleistung dazu erwartete ich von ihm, dass er sich an unsere jeweiligen Abmachungen halte, so dass ich Schritt für Schritt Vertrauen aufbauen könne. Ich erklärte ihm, dass meine Geschichte mit meinem Bruder mir halt noch immer tief in den Knochen sitze.

So kamen wir darin überein, dass wir einander auf diesem Weg gegenseitig unterstützen wollten. Mein Ziel jedoch blieb dasselbe und das deklarierte ich auch klipp und klar: Ich wollte, dass sich Julian bis Ende des Jahres endgültig vom Cannabiskonsum verabschiedete, sah aber ein, dass es sich dabei um einen Prozess handelte, den man nicht einfach so abkürzen konnte. So klärten wir beim letzten Termin auf der Fachstelle vor den Herbstferien noch ab, wie der Prozess im Detail ablaufen würde. Allen war klar, dass wir uns nach den Ferien wiedersehen würden, um ihn voranzubringen. Doch es sollte anders kommen, ganz anders.

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Weiterleben ohne Lars – Teil 2

Noch heute staune ich zuweilen über meine Reaktion in den ersten Tagen nach Lars’ Tod. Wie ruhig ich geblieben bin. Wie intensiv ich alles beobachtet, wahrgenommen und erlebt habe. Im tiefen Schmerz zwar, und zeitweilig starr und atemlos, dennoch sehr bewusst. Klar irgendwie. Ich lebte auf Autopilot und bezog meine Energie von einem Notstromaggregat, dessen Vorhandensein mir nicht bewusst gewesen war, bis ich es gebraucht hatte. Ich wusste von Anfang an, dass es irgendwann nicht mehr funktionieren würde, wenn es nicht wieder mit neuer Energie befüllt würde. Noch aber ging es. Ich hielt durch. Ich hielt mich aufrecht. Und ja, ich trauerte exzessiv. So intensiv und so bewusst, dass ich es noch heute, viele Jahre später, fast körperlich spüren kann, wenn ich mich auf die Erinnerungen an diese Zeit einlasse.

Die erste Woche nach Lars’ Tod verging mit den Vorbereitungen für die Beerdigung, mit dem Leeren des Briefkastens, der täglich übervoll mit Briefen und Karten voller Anteilnahmen waren – oft von fremden Menschen sogar –, mit Telefongesprächen und den Besuchen von Freunden und Freundinnen.

Der Verdacht, dass Antonio am Freitag vor der Explosion in einem örtlichen Fachhandel drei große Campinggasflaschen gekauft und sich ins Haus hatte bringen lassen, hatte sich schließlich bestätigt. Offenbar muss er den ganzen Tag über das Gas langsam ausströmen haben lassen. In der Absicht daran zu sterben. Zusammen mit Lars. Weil Campinggas nicht tödlich aber hochexplosiv ist, kam alles anders als er es gewollt hatte. Was immer er wirklich gewollt hatte. Ein ganz und gar anderes Leben vermutlich.

Ich auch. Inzwischen war ich unfreiwillig eine Art gläserner Mensch geworden. In den Zeitungen wurde über unsere Trennung berichtet, es wurde gemutmaßt und spekuliert und ich las das alles, ohne mich darin wirklich wiederzuerkennen. Niemand wusste wirklich, wie es gewesen war. Was wirklich geschehen war.

Mehr interessierte mich, wie ich das alles ertragen sollte. Und wie konnte wir eine Abschiedsfeier gestalten, die wirklich diesen Namen verdient hatte?

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Julian hört zu

Am Abend nach der Beerdigung sprach ich zum ersten Mal mit Julian über die Geistige Welt. Ich versuchte ihm so gut als möglich zu erklären, dass Dora nun dort lebe und dass es ihr gut gehe. Ich wisse das, weil ich darüber viele Bücher gelesen hatte und weil mein Bruder auch in der Geistigen Welt sei. Und ich erzählte ihm von meinen Erfahrungen.

«Zusammen mit deiner Grossmutter bin ich schon mehrmals bei einem Medium gewesen und dank ihnen haben wir mit Lukas ‹sprechen› können. Lukas hat Sachen von sich erzählt und das Medium hat alles in unsere Sprache übersetzt. Weisst du Julian, wenn wir gestorben sind, dann schlüpfen wir einfach aus unserem schweren und müde gewordenen Körper hinaus und gehen in die Geistige Welt. Dort sehen wir alle Verstorbenen unserer Familie wieder. Und dank guter Medien können wir schon heute Kontakt mit ihnen aufnehmen, wenn wir wollen.»

Julian lernt Pascal Voggenhuber kennen

Um Julian zu zeigen, dass es diese Medien auch wirklich gibt, holte ich einige meiner Lieblingsbücher hervor. Auf einem dieser Bücher waren die Augen eines jungen Mediums abgebildet und ich sagte zu Julian, dies sei Pascal Voggenhuber. Da Julian mehr über diesen Pascal Voggenhuber wissen wollte, setzten wir uns an meinen Computer und schauten gemeinsam auf dem ein paar Kurzfilme an, in denen Pascal Voggenhuber über seine Arbeit als Medium spricht und plötzlich sagte Julian: «Mama, ich weiss jetzt, was ich einmal werden möchte. Ich möchte das werden, was Pascal Voggenhuber ist. Kann man das werden?»

Ich erinnere mich noch sehr genau an diese Worte, auch daran, wo ich sass und was ich Julian geantwortet habe. Für mich war dies ein eindrücklicher Moment; zu sehen, wie Julian in kindlicher Naivität glaubte, man könne den Beruf eines Mediums genauso leicht erlernen wie irgendeinen anderen Beruf.

Ich liess ihn in dem Glauben und versprach ihm, alles daran zu setzen, dass er diese Ausbildung bei Pascal Voggenhuber machen könne. Für mich dachte ich, dass sich dieser Berufswunsch wohl kaum einmal erfüllen würde. Zum einen war Julian zu dieser Zeit noch sehr jung und da verändern sich die Berufswünsche schneller als die Jahreszei- ten. Zum anderen wusste ich, dass man ein Minimum an Begabung mitbringen musste, wollte man ein gutes Medium werden. So freute ich mich einfach darüber, dass Julian sich mit dem Wissen über die Geistige Welt ein wenig vertraut gemacht hatte, und dass dieses Wenige mitgeholfen hatte, ihn zu trösten.

Die Kinder werden älter

Im Laufe der nächsten Jahre stand die Schule im Zentrum unserer Aufmerksamkeit und es galt, beide Kinder in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken und sie bestmöglich zu begleiten. Dann geschah etwas Sonderbares. Je näher mein älterer Sohn Basil der Pubertät kam, desto mehr glich er meinem Bruder wie aus dem Gesicht geschnitten und da kam auf leisen Sohlen wieder mein Glaubenssatz angeschlichen, um raumfüllend mein Denken in Beschlag zu nehmen: Das Schlimmste, was mir je passieren könnte, wäre, mein Kind zu verlieren.

Mein Glaubenssatz bewahrheitete sich jedoch nicht, denn Basil überlebte die Zeit der Pubertät schadlos, auch wenn es Phasen gab, in denen ich sehr gelitten hatte unter meinen Befürchtungen. Er wurde immer erwachsener und bald schon erinnerte er mich nicht mehr an meinen Bruder und alles schien wieder eitel Sonnenschein zu sein, bis zu dem Zeitpunkt, als der jüngere Sohn Julian plötzlich auf sich aufmerksam machte, indem er nun in die Pubertät und somit in die Phase des «Alles-Ausprobierens» kam.
Dies sei eine Zeit, in der das Gehirn wie auf einer Baustelle vor sich hin improvisiere, liess ich mir von Fachleuten erklären und wo sonst Grenzen wirksam seien, würden viele Jugendliche nur Möglichkeiten sehen, die auf ihre Wirkungen hin ausgetestet werden müssten.

Als bei mir anfangs Juni 2014 der Verdacht aufkam, Julian würde Cannabis ausprobieren, kaufte ich THC-Teststreifen und führte in unregelmässigen Abständen Kontrollen durch. Julian war meistens «sauber», unter anderem auch deshalb, weil er oftmals schlauer war als ich und mich austrickste. Ich merkte bald einmal, dass uns dieser Weg nicht weiterbrachte und so rief ich bei der Beratungsstelle «Berner Gesundheit» an. Weil mittlerweile bereits die Sommerferien vor der Tür standen, einigten wir uns auf einen Termin in der ersten Schulwoche des Herbstquartals. In der Zwischenzeit versuchte ich so gut es ging, meine immer grösser werdenden Ängste in Schach zu halten. Ich redete mir ein, dass ja viele Jugendliche in diesem Alter Cannabis ausprobierten, dass dies überhaupt nichts Schlimmes zu bedeuten habe, und dass ich ja alles in die Wege geleitet hätte, um durch fachliche Hilfe dem Problem beizukommen.

Das alte Fotoalbum

Während dieser Sommerferien entdeckte ich eines Tages ein altes Fotoalbum meines Bruders. Als ich abends für mich alleine war, schaute ich mir die Fotos noch einmal ganz genau an und da kam eine Welle des Schmerzes über mich, wie ich sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr erlebt hatte. Ich weinte lange, war vollkommen verzweifelt und geriet in Panik – wusste aber nicht weshalb. Anderntags zeigte ich Julian die Fotos und erzählte ihm von meiner Angst um ihn. Julian umarmte mich und wollte mich beruhigen mit den Worten: «Ach Mama, du machst dir immer so viele Sorgen um nichts!»

Seine Worte halfen nicht, meine Sorgen blieben und mein alter Glaubenssatz besetzte erneut mein ganzes Denken: Das Schlimmste, was mir je passieren könnte, wäre, mein Kind zu verlieren.

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Quelle: trosthandbuch (Seite 16-19), Barbara Walti, Selbstverlag 2016 (siehe  Medientipps und www.barbarawalti.ch
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