Alle reden über Trauer

Auch auf dem Blog In stiller lauter Trauer ist Raum für Trauer.

Silke, die Blogbetreiberin, lädt alle dazu ein, sich über Trauer Gedanken zu machen und diese in beliebiger Form (Text, Film, Podcast) in euren Blogs zu teilen.

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Anfang und Ende

fang an fang an fang an fang a t m e ein nicht an fang
nicht an gefangen in anfang und ende nicht in sicht
weil hinter uns und vor uns kein ende kein anfang
in ein ander gefallen ande endfang begrüßen wir d abschied
und wir verschwinden mit in ein an gefangenes bild an einer
an deren wand in einem an deren haus ist anders das wir
nachdem ein mal eins gleich drei und ein mal drei nie wieder
zwei abschiede denn es bleibt ein fehlen bleibt ein anderes bleibt
ein zwischen sein bleibt
ein ohne uns

Quelle: Lilium Rubellum (Seite 10) Kathrin Schadt, Horlemann Verlag 2014 (siehe  Medientipps)

Interview mit Claudia M.

Wann ist das Kind, um das du trauerst, gestorben?

Meine Zwillingsschwester ist im Februar 1996 im Alter von fünf Jahren gestorben. Sie war seit Geburt schwerstbehindert und ist in der Folge ihrer Behinderung gestorben.

Kannst du etwas zur Beziehung sagen, die du zum verstorbenen Kind gehabt hast?

Wir waren Zwillingsschwestern. Sie war immer für mich da und hat auf mich aufgepasst, jedenfalls kam es mir so vor. Ich habe mich um sie gekümmert, ihr Nester in ihren Sitzsack gebaut, und darauf geachtet, dass es ihr gut ging. Ich wusste, was sie dachte und was sie mochte. Ich war stolz, dass ich eine Schwester wie sie hatte und dachte, alle anderen würden mich um so eine Schwester beneiden. Niemand hatte so eine Schwester wie ich. Meine Schwester war cool. Manchmal wollte ich so sein wie sie.
Dass ich nicht richtig mit ihr spielen konnte, hat mich, glaube ich, nicht wirklich gestört, weil ich ja noch eine große Schwester hatte, mit der ich viel gespielt habe. Sie war einfach so, wie sie war. Für mich war sie nicht falsch, sondern genau richtig.
Ich hatte schon unsere gemeinsame Zukunft geplant. Es war für mich klar, dass wir denselben Mann heiraten würden, denn es war für mich auch klar, dass sie es später schwer haben würde, einen Mann zu finden. Ich wusste nicht, dass sie sterben würde und hätte nie damit gerechnet, dass ich mal ohne sie sein würde.

Wie hast du dich gefühlt, als du von seinem Tod erfahren hast? (Unmittelbar danach, nach einer Woche, nach einem Jahr).

Als sie gestorben ist, habe ich mich irgendwie eingefroren gefühlt. Ich erinnere mich noch sehr genau an den Moment, es war, als wäre die Zeit stehengeblieben und als gäbe es keine Zukunft mehr. Ich konnte mich nicht mehr bewegen und stand einfach nur da, wie eingefroren. Ich hatte nicht viele Gedanken in diesem Moment, es war einfach ein großer Schock. An diesen Moment habe ich eine sehr klare Erinnerung, aber eben nur an diesen Moment. An vieles andere, was an diesem Tag noch passiert ist, erinnere ich mich nicht. Ich erinnere mich nur noch sehr verschwommen daran, wie sie von Bestattern abgeholt wurde. An die Beerdigung ein paar Tage später erinnere ich mich hingegen noch sehr gut.

Später hatte ich große Schmerzen, als wäre nur noch die Hälfte meines Körpers vorhanden und als hätte ich ein großes Loch im Herzen. Es tat weh, dass meine Schwester so weit weg von mir war. Es war komisch, dass ich danach wieder in den Kindergarten sollte und dass die Welt einfach weiterlief, ich fühlte mich nicht mehr richtig im Kindergarten.

Wie hat dich der Tod des Kindes verändert?

Der Tod meiner Schwester hat mir ein Stück weit meine Leichtigkeit und mein Vertrauen in das Leben und in die Welt genommen, meine Unbeschwertheit. Und er hat vielleicht etwas Angst, Traurigkeit, Ernsthaftigkeit und Tiefe in mein Leben gebracht. Vielleicht, weil man das ja auch immer nicht so richtig sagen kann.

Wie denkst du heute über den Tod? Was für eine Beziehung hast du zum Tod?

Ich habe keine Angst vorm Tod und ich kann es mir auch nicht vorstellen, ewig zu leben. In gewisser Weise gibt der Tod dem Leben einen Rahmen. Der Tod macht das Leben wertvoll. Der Tod ist das Ende des Lebens. Ich glaube nicht daran, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht, das ist auch okay für mich. Trotzdem ist meine Beziehung zum Tod zwiegespalten, er hat mir meine Schwester genommen, und das ist ein guter Grund, den Tod richtig blöd zu finden.

Welche Erinnerungen hast du an die Beisetzung des Kindes? War diese für dich eher tröstlich oder hat sie dir den Verlust noch schwerer gemacht?

Die Beerdigung war für mich wirklich sehr seltsam, und auch sehr traurig und schwer. Ich fühlte mich sehr allein. In meiner Erinnerung an die Beisetzung tauchen weder meine Eltern noch meine Geschwister auf, es fühlt sich so an, als wäre ich allein dort gewesen. Ich hatte Angst, es war eine fremde Situation für mich, ich wusste gar nicht, wie ich mich verhalten sollte.

Ich empfand es als sehr große Gemeinheit, dass sie meine Schwester in einen Sarg steckten und in der Erde vergruben. Und seltsam fand ich es auch. Denn etwas, das man liebt, vergräbt man doch normalerweise nicht in der Erde. Ich fand das Loch, in das sie den Sarg herunterließen, viel, viel zu tief. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass meine Schwester es in dem Sarg so bequem hatte, wie auf ihrem Sitzsack. Ich war dagegen, dass meine Schwester beerdigt wurde. Ich wollte sie behalten. Beerdigung hieß, dass meine Schwester noch viel weiter entfernt von mir war, als vorher, als sie einfach nur tot war. Jetzt war sie tot und auch noch unter der Erde, das war doppelt schlecht.

Besuchst du sein Grab noch und was erlebst du dort?

Manchmal, eher selten, besuche ich das Grab meiner Schwester und erinnere mich dort an ihre Beerdigung und wie es war, als ich als Kind ihr Grab besuchte. Aber eigentlich brauche ich keinen Ort.

Wie trauerst du? Hast du beispielsweise eigene Trauerrituale für dich gefunden?

Ich habe ein Trauerritual, womit ich allerdings erst sehr spät begonnen habe, sodass ich gar nicht weiß, ob man da von Trauerritual sprechen kann. Jedenfalls habe ich mir vorgenommen, jedes Jahr etwas zu tun, was mit dem Tod meiner Schwester in Verbindung steht. Letztes Jahr zum Beispiel habe ich den Blog* gestartet. Das war schon eine größere Sache, aber es müssen keine großen Dinge sein. Vielleicht werde ich dieses Jahr den ehemaligen Kindergarten meiner Schwester besuchen oder einen Text über meine Schwester auf einer Bühne vorlesen oder neue Sachen über den Tod und die Trauer lernen.

Ansonsten habe ich, glaube ich, keine Trauerrituale. Es ist jedoch ein Ritual der Natur, dass es am Todestag meiner Schwester im Februar immer windig ist, das ist fast ein Naturgesetz, und ich freue mich immer darüber.

Vermeidest du bestimmte Orte, Handlungen und/oder Menschen, weil sie dich zu sehr an das verstorbene Kind erinnern?

Ich schaue seitdem bei Beerdigungen nicht mehr in das offene Grab hinein. Nicht, weil es mich zu sehr an meine Schwester erinnert, aber eben weil es mich zu sehr an die Beerdigung meiner Schwester erinnert, und an den Schmerz, das Zu-weit-weg-Sein.

Was hättest du gebraucht, aber nicht bekommen, als das Kind gestorben ist?

Ich habe mich sehr allein gefühlt, als meine Schwester starb, vielleicht so, als wäre gerade nicht nur meine Schwester gestorben, sondern auch meine Eltern und irgendwie alles, woran ich geglaubt hatte, alles, was ich für sicher gehalten hatte, alle meine Pläne, alles, woran ich Freude gehabt hatte.

Ich war sehr geschockt, weil ich nie gedacht hatte, dass meine Schwester sterben könnte. Vielleicht hätte man mich darauf vorbereiten können, mit mir im Vorfeld darüber sprechen können (die Erwachsenen wussten schon seit unserer Geburt, dass meine Schwester nicht lange überleben würde).

Ich hätte mir Begleitung gewünscht, dass jemand mich gehalten hätte, mir beigestanden hätte, mit mir gesprochen und mich verstanden hätte, an dem Tag, an dem meine Schwester starb, an den Tagen danach, an ihrer Beerdigung. Vielleicht sind Eltern, die gerade eines ihrer Kinder verloren haben, nicht in der Lage für so etwas, aber vielleicht sollte es irgendjemand geben, der das übernimmt.

Ich hätte mir Erinnerungsstücke gewünscht, dass mir jemand irgendwas aufgehoben hätte von ihr. Ich habe nur sehr wenige Erinnerungen an sie. Es gibt nur wenige Fotos und keine persönlichen Gegenstände mehr von ihr. Unter den Fotos ist zum Beispiel kein Foto, auf dem einfach nur wir zwei drauf sind, immer sind mehr Menschen darauf oder nur sie allein, aber so ein richtiges Zwillingsfoto habe ich nicht, das finde ich traurig. Ich war zu klein, um etwas aufzuheben oder gar die Tragweite zu verstehen, ich war zu klein, um mich bewusst von ihr zu verabschieden. Vielleicht fühle ich mich deshalb ein wenig so, als wäre ich um den Abschied und auch um meine Trauer betrogen worden.

Ich hätte mir gewünscht, dass nach dem Tod meiner Schwester über sie gesprochen wird, dass man hätte Fragen stellen und zuhören können, dass ich hätte erzählen können von meinen Empfindungen, auch zehn Jahre später noch. „Du kannst immer fragen“, sagten meine Eltern, aber ich habe selten Fragen gestellt, nie viel über sie geredet, weil auch niemand anderes Fragen stellte und über sie redete.

Ich hätte mich gefreut, wenn sich irgendwann jemand für sie interessiert hätte oder so etwas gesagt hätte: „Ich vermisse sie auch sehr.“ Wenn ich nicht so allein in der Trauer gewesen wäre. Stattdessen hörte ich so etwas wie: „Jetzt muss sie nicht mehr leiden“, und das stimmt vielleicht auch, aber das nimmt meiner Trauer doch nicht ihre Berechtigung.

Und dann die Zeit, ich hatte oft das Gefühl, es gibt eine gewisse Zeitspanne, in der du vielleicht noch traurig sein darfst, und wenn diese Zeit vorbei ist, ist es genug, egal, wie du dich fühlst

Was fandest du im Kontext mit deiner Trauerarbeit besonders erschwerend (z. B. Verhalten bestimmter Menschen) und was besonders hilfreich?

Als erschwerend empfinde ich im Kontext der Trauerarbeit, dass ich ein Kind war, und wenig eigene Entscheidungen treffen konnte. Als Kind kann man nicht einfach entscheiden, dass man jetzt erst mal nicht mehr in den Kindergarten gehen will oder dass es auf der Beerdigung rote Luftballons geben soll oder wie der Grabstein aussehen soll. Für manche Dinge hat man noch gar keine Worte. Man kann sich nur sehr begrenzt Hilfe holen, man ist einfach auf die Personen in seinem Umfeld angewiesen, dass die die richtigen Entscheidungen für einen treffen und einen verstehen. Schwierig war außerdem für mich, dass ich oft erfuhr, dass der Tod meiner Schwester „nicht so schlimm“ war, da sie ja schließlich schwerstbehindert gewesen war. Für mich war es jedoch sehr schlimm, dass sie tot war, und das unabhängig von ihrer Behinderung.
Hilfreich war immer das Schreiben für mich. Ich habe schon früher immer sehr viel geschrieben, und dass ich jetzt viele Sachen auch auf meinem Blog aufschreiben kann, ist großes Glück für mich. Dass ich heute frei trauern kann ist sehr wertvoll für mich.

Bist du zuweilen wütend auf das verstorbene Kind? Wenn ja, wie gehst du damit um?

Nein, ich war und bin nicht wütend auf meine Schwester. Ich war manchmal sehr wütend auf den Tod und auf das Leben. Teilweise war ich sehr wütend auf mich selbst, weil ich nicht tot war, und weil das mir wie Verrat an meiner Schwester vorkam.

Wie geht es dir heute, wenn du über den Tod des Kindes nachdenkst?

Es ist immer noch ein sehr komischer Gedanke für mich, dass meine Schwester tot ist und ich lebe. Ich glaube, wenn die Zwillingsschwester stirbt, dann ist das so haarscharf an einem vorbei, so dicht. Dann weiß man, ich hätte auch sterben können, und das ist ein sehr krasses Gefühl, besonders dann, wenn man noch ein Kind ist.

Ich habe das Gefühl, meine Schwester und ihren Tod immer mit mir herumzutragen, egal, wo ich bin und was ich mache. Das macht den Körper manchmal schwer und traurig, und manchmal will ich lieber leichter sein. Aber es ist auch schön, eine Zwillingsschwester zu haben, auch wenn das bedeutet, dass man immer Sehnsucht nach ihr hat. Ich bin okay mit ihrem Tod, ich kann damit leben. Trotzdem gibt es noch ein Gefühl der Trauer, weil sie tot ist, klar, und vielleicht trauere ich ein bisschen auch um das Kind, das ich mal war, vor ihrem Tod, und das ich danach nie wieder sein konnte. Ich denke manchmal darüber nach, wie mein Leben ohne den Tod meiner Schwester verlaufen wäre.

Ich danke dir herzlich dafür, dass du dir Zeit genommen hast, diese Fragen so persönlich zu beantworten.


* Claudia Möller bloggt auf Meineschwestertotundichhier. Sie fasst dort ihre Trauer aus der Sicht des Kindes, das sie damals war, in Worte.

Ohne Uns

Vierzig Wochen plus drei und als der Zeitpunkt gekommen war, dich Fremden übergeben, in einer Sporttasche fortgetragen. Während die Stunden ohne dich mir im Sekundentakt die Haut vom lebendigen Leib zogen und ich durch die Kälte auf den Friedhof eilte, war ich nur noch rohgefühltes Fleisch. Als ich dich dort ein letztes Mal wiedersah. Das Tuch ein letztes Mal von deinem Gesicht zog, als würde ich daran mit dir ersticken. Ließen wir dich Stück für Stück in die Tiefe, gaben dich für immer auf diesen Grund. Endlos die Erde, die nach und nach in die Tiefe fiel, nicht rieselte, auf dein fliederfarbenes Tuch. Während ich mir den Bauch hielt, aus dem mich deine Leere nun ununterbrochen anschrie. Wollte ich mir die Ohren zuhalten und hielt mir den Bauch. Weil wir uns auf namenlosem Boden verloren hatten, statt uns zu halten. Kannten wir uns nicht mehr, sein Blick meinem fremd. Erlebten wir dasselbe, voneinander getrennt. Und fragten uns dennoch, ob die Götter besänftigt, uns vielleicht verschont hatten. Und wir sahen genauer hin, und wir fanden uns nicht wieder. Wir war nicht mehr das alte und wir fanden kein neues. Weil wir uns nicht an zwei erinnern konnten, nachdem Wir einmal drei war. Bleibt ein Fehlen, bleibt ein Anderes, ein Zwischen Sein, ein Ohne Uns.

Quelle: Lilium Rubellum (Seite 70) von Kathrin Schadt (siehe  Medientipps)

Interview mit Jana D.

Wie hast du dich in den ersten Tagen/Wochen/Monaten nach dem Tod deines Sohnes gefühlt?

Nach dem erweiterten Suizid, den mein getrennt lebender Mann sich und unserem dreijährigen Sohn Lars angetan hatte, lebte ich eine ganze Weile wie hinter Glas. Und als wäre ich selbst aus Glas. Die ersten Tage bis zur Beerdigung war ich ständig umgeben von lieben Freundinnen und Freunden und zum Teil auch von den nächsten Verwandten. Zum einen war ich unbeschreiblich traurig, fühlte mich verlassen und einsam, doch andererseits fühlte ich mich sehr aufgehoben und geborgen. Dass sich das nicht ausschließen muss, war eine Erkenntnis, die ich danach noch oft an mir beobachten konnte.

Da ich sowohl körperlich als auch psychisch sehr angeschlagen war, Kreislaufprobleme und Panikattacken hatte, war ich von Anfang in ärztlicher Behandlung. Das Beruhigungsmittel, das ich verschrieben bekommen hatte, setzte ich allerdings nach ein paar Tagen wieder ab, weil es mir das Träumen verunmöglichte. Doch gerade zu träumen war damals extrem wichtig für mich. In den Träumen konnte ich Lars begegnen, mit ihm Erlebtes erneut erleben und von ihm Abschied nehmen. Träumen bedeutet für mich in erster Linie verdauen und verarbeiten. Erstaunlicherweise konnte ich damals ziemlich gut schlafen, obwohl ich sonst keine sehr gute Schläferin bin. Wenn ich allerdings am Morgen oder in der Nacht erwachte, war der Schock lange Zeit sofort wieder da. Zuerst fühlte ich mich normal, doch dann fiel mir – buchstäblich schlagartig – alles sofort wieder ein. Ich habe sehr viel geweint damals, allein oder mit anderen, doch ich empfand das Weinen fast immer als tröstlich, als notwendig, als hilfreich.

Was hat dir geholfen, mit dem Verlust umzugehen?

Reden und Weinen haben mir sehr gut getan, doch vor allem war es das Schreiben. Das Schreiben über meine Erlebnisse, Erfahrungen, über den Schmerz, die Trauer, den Verlust. Fühlen und Schreiben, Schreiben und Fühlen – diese zwei Begriffe wurden nach und nach untrennbar für mich.

Was bedeutet das Schreiben für dich, in Bezug zu deiner Trauer?

Schon als ich mit Lars schwanger war, habe ich ihm Briefe geschrieben; ebenso in den ersten zwei Jahren seines Lebens. Irgendwann habe ich statt der Briefe wieder mehr Tagebuch zu schreiben angefangen, nicht zuletzt, weil sich die Beziehung zu Lars‘ Vater stetig verschlechtert hatte. Seine psychische Erkrankung wurde für uns beide immer mehr zu einer Sackgasse. Vor allem, weil er nicht einsah, dass er Hilfe gebraucht hätte. Nach dem gemeinsamen Tod der beiden habe ich wieder angefangen, Lars Briefe zu schreiben. Keine Briefe mehr diesmal, die einem Kind die Welt, in welcher er groß wurde, beschrieben, eher Briefe, in dem ich über meine Trauer und meinen Alltag schrieb. Das Schreiben ist im Laufe der Zeit so wichtig wie Atmen für mich geworden und ich habe mich später auch nebenberuflich in Richtung Schreiben weiterentwickelt.

Welche Reaktionen hast du nach dem Tod deines Sohnes von deiner Umwelt erfahren? Was hättest du dir von den Menschen in deiner Umgebung gewünscht?

Da der erweiterter Suizid, der zum Tod meines Sohnes und meines damals schon getrennt lebenden Mannes geführt hatte, große Wellen in der Öffentlichkeit geschlagen hatte, habe ich von Seiten der Umwelt sehr viel Mitgefühl, ehrliches Mitgefühl erfahren. Sogar mir fremde Menschen haben irgendwie meine Adresse herausgefunden und mir Briefe und Karten geschrieben. Zum einen hat mich das sehr berührt und auch viel Trost gespendet, doch zum anderen fühlte ich mich auch sehr nackt und unter Beobachtung. Ob meine Veranlagung, nicht auffallen zu wollen oder dieser vermeintliche Beobachtungsdruck dazu geführt hatten, weiß ich nicht, doch ich setzte mich selbst sehr unter Druck, möglichst bald wieder einigermaßen funktionsfähig zu sein.

Inwieweit beeinflusst der Glaube/Nichtglaube deine Sicht auf den Tod?

Ich verstehe das Leben als etwas Übergeordnetes, Großes, mit dem Tod untrennbar Zusammenhängendes. Zwar glaube ich nicht an die Bibel und den christlichen Gott, doch in meinem Weltbild ist das Bewusstsein, dass Leben und Tod Teil eines zusammengehörenden Ganzen sind, verankert. Auch hege ich die Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist. Dass es entweder eine Art Himmel oder Paradies gibt, in der wir die vor uns Verstorbenen wieder sehen werden oder aber dass die Seelen in einer anderen Person wieder auf die Erde kommen. Dogmatisch bin ich diesbezüglich nicht, aber ich traue meinen Erfahrungen, die ich diesbezüglich gemacht habe. Die Erlebnisse nach Lars‘ Tod, einige berührende Begegnungen mit ihm, waren sehr eindrücklich. Und selbst wenn ich sie mir nur eingebildet haben sollte, ist es für mich so, dass aus dem Gedanken, dass das Leben mit dem Tod nicht zu Ende ist, mehr Trost zu schöpfen ist als aus jenem, dass mit dem Tod alles aus ist. Zwar glaube ich nicht an eine Hölle, doch glaube ich, dass wir leben, um Erfahrungen zu sammeln und uns weiterzuentwickeln. Liebevoller zu werden.

Lars war einer der liebevollsten Menschen, den ich je kennenlernen durfte. Mir vorzustellen, dass er mehr geliebt hat als manche viel ältere Menschen, ist für mich sehr tröstlich. Er hat so viele Menschen mit seiner Liebe berührt, dass es vermutlich für ein Leben genug war. Solche Gedanken trösten mich noch heute, wenn ich ihn vermisse.

Wie hat sich deine Trauer mit der Zeit verändert?

Ich habe sie in meinen Alltag integriert und dieser ist, was er ist. Ich weiß nicht, wie ich geworden, mich weiterentwickelt hätte, wenn Lars noch leben würde. Anders auf jeden Fall. Irgendwie merke ich, dass ich mir ein Leben ohne die latente Trauer, die ich heute als ‚mein großes Vermissen‘ beschreiben würde, als Phantomschmerz vielleicht auch oder als Noch-immer-Leere, nicht vorstellen kann. Ja, ein Leben ohne den physisch anwesenden Lars kann ich mir inzwischen vorstellen. Weil ich es erlebe. Aber ein Leben ohne ihn gekannt zu haben und ohne ihn noch immer zu vermissen, nein, das geht noch nicht. Auch nach mehr als dreizehn Jahren nicht. Ob das gut oder schlecht ist? Diese Frage stelle ich mir nicht. Es ist, wie es ist.

Wie geht es dir heute damit? Welche Themen/Fragen/Ängste beschäftigen dich aktuell? Wie hat der Tod dein Leben verändert?

Ich lebe noch immer wie auf einem Grat, mal gibt es helle Phasen, mal leide ich am Leben. (Die Depression ist schon seit meiner Pubertät meine Begleiterin. Vielleicht kann ich irgendwann besser mit ihr leben.) Zwar habe ich, dank meiner Freundinnen und Freunde und dank meines neuen Lebenspartners, den ich nun schon seit über sieben Jahren als Wegbegleiter kennen und lieben darf, neue Wege gefunden, mich dem Leben zu öffnen. Doch es gab immer wieder sehr schwere Zeiten. Da ich keine andere Kinder habe, war mit dem Tod meines Sohnes von heute auf morgen alles anders. Ich habe keine Nachkommen und je älter ich werde, wird mir zum Beispiel bewusst, dass ich nie Großmutter sein werde. Ich habe keine Familie – etwas, das ich mir schon in jungen Jahren sehr gewünscht hatte. Diese Leerstelle ist noch immer eine Art Wunde, die je nach Tagesform mehr oder weniger weh tut. Angst macht mir auch meine Zukunft, weil ich aus gesundheitlichen Gründen ziemlich eingeschränkt in meiner Belastbarkeit bin. Dennoch habe ich in meinem Leben vieles, das mich froh macht: Liebe Menschen wie meinen Partner und die Beziehungen zu Freundinnen, Freunden und Verwandten, das Schreiben, das Sein in der Natur, Wanderungen …

Gibt es etwas, was du durch den Tod gelernt hast?

Der Tod lehrt mich, seit ich als Kind den ersten Goldhamster beerdigt habe, seine Botschaft. Die der Vorläufigkeit und Vergänglichkeit. Alles ist endlich. Alles ist abschiedlich. Alles ist provisorisch. Jeder Zustand wechselt irgendwann in einen nächsten. Der Tod – und ja, auch das Leben – lehrt mich loszulassen. Es klingt so einfach und tut doch immer wieder neu so weh. Ich weiß nicht, ob ich das Loslassen wirklich schon gelernt habe.

Trauern im Alltag

Im letzten Artikel haben wir unsere neue Idee vorgestellt, hier sporadisch über die Trauerarbeit im Alltag zu berichten. Darum haben wir inzwischen einige Fragen formuliert, die dir zum einen dabei helfen sollen, dich deiner Trauer bewusst zu stellen. Zum anderen aber wollen wir dich auch ermutigen, deinen Gedanken und Gefühlen Worte zu verleihen, denn aus Erfahrung hilft Selbstausdruck dabei, bewusster zu trauern.

Wenn du willst, kannst du uns deinen Text zuschicken, damit wir ihn hier veröffentlichen. Maile ihn bitte an info[ät]elterntreffpunkt-girasol[dot]ch.

Hier findest du unsere Fragen als PDF und hier als Textdokument.

Diese Fragen sind selbstverständlich unverbindlich, können dir aber dabei helfen, klarer zu sehen. Falls du Hilfe auf deinem Trauerweg brauchst, scheue dich nicht, dich bei uns zu melden. Bitte beachte dazu auch unsere Links, insbesondere unser ehrenamtliches Angebot.

Erinnern

Mit diesem Relaunch der alten Girasol-Seite wollen wir dem Thema Wenn Kinder sterben einen neuen Raum geben. Raum für ihr Leben und ihr Sterben; und Raum für ihren Tod und unseren Umgang mit ihm.

Hier – im dynamischen Teil, im Blog – hat es Platz für eure, für Ihre, für deine Texte.

Das können Erinnerungen sein und Briefe an dein, Ihr, euer Kind, doch auch Essays zum Tod von Kindern, Berichte zum Tod von Geschwistern, Fragen, Diskussionen sollen hier angesprochen werden.

Berichte, Mails und Fragen bitte an info[ät]elterntreffpunkt-girasol[dot]ch.

Liebesbrief an Lars Andreas

geboren am 12. Juli 2000, gestorben am 12. Juli 2003

geliebter engel lars andreas

februar 04. draussen liegt schnee. dein grab ist zugeschneit, hat eine weisse decke bekommen. als ich heute auf dem friedhof war und an unsere gemeinsame zeit dachte, sind wieder so viele schöne erinnerungen in meinem herzen erwacht. letztes jahr sind wir viel zusammen geschlittelt und du konntest nicht genug bekommen von diesem weissen element. wir haben schneemenschen gebaut, sie jeden tag besucht und die weggeschmolzenen teile wieder aufgebaut. brotbaecker_lars3dann erinnere ich mich an unsere gemeinsamen zeiten in der küche, wenn wir kochten oder zusammen brot gebacken haben und du deinen teig immer und immer wieder mit hingabe und konzentration ausgerollt und wieder zusammengeknetet hast.

ich erinnere mich so gerne an unsere unzähligen waldspaziergänge. und immer wieder erinnere ich mich an episödchen aus unserem leben … so ‚weisst du noch?’-geschichten.

als wir, es war dein dritter herbst, mal bei freunden waren, gab es eine ganz feine currysauce mit kokosmilch drin, so, wie du es am liebsten hattest: du hast mit deinen knapp zweieinhalb jahren zugelangt, zwei teller voll … die freunde waren ganz glücklich und wünschten sich, dass ihre beiden kinder doch auch so appetit hätten …

oder deine wortspiele und -kreationen: der schneeschnüüzerraupebagger mitohni rädli dranne, oder all die anderen fahrzeuge, die du dir ausgedacht hast … und die wir dir dann zeichnen oder aus lego bauen sollten … alle diese verrückten mobilés, die du erschaffen hast…

… und wie oft denke ich bei einem missgeschick an deinen (von mir geklauten und umgewandelten) satz: „das muess dänk eigentlich eifach eso sii, mama …“

auf meinem spiegel steht ein satz. dein satz! einen monat bevor du gestorben bist, bist du singend aus deinem zimmer, wo du mit legos und steinen gespielt hast, zu mir gekommen. ich habe das bad geputzt. du hast dich vor mich hingestellt und mir deine liebeserklärung vorgesungen. „mama, ich han dich ganz fescht gärn!“ deine lieder, wie ich sie geliebt habe! du hast nicht ‚unsere’ fertigen lieder gesungen, sondern deine ideen musikalisch unterlegt…, so richtig aus dem bauch raus!

weisst du noch, wie wir an deinem letzten sonntag auf dieser welt mit freunden am klingnauer stausee spaziert sind? wir haben da den fröschen, jungen schwänen und enten gelauscht und uns beim spazieren durch den wald am licht- und schattenspiel erfreut. plötzlich war da dieses wort, das ich zuerst nicht verstand. ich fragte nach: „was hast du gesagt?“ du sagtest, dass das der sonnenbrunnen sei, da, über uns. und zeigtest durch die blätterdecke, wo das licht so reinblinzelte. wir haben dich zuerst nicht verstanden, weil uns das wort ja nicht vertraut war. doch als wir es dann endlich begriffen, hast du mit der sonne um die wette gestrahlt!

an deiner beerdigung haben wir uns daran erinnert. am morgen hatte es, nach einer gewittrigen nacht, noch geregnet. am nachmittag dann war es trocken, verhängt, und der himmel grau. ganz am schluss, als wir alle miteinander dein grab geschmückt und zusammen noch „the river is flowing“ gesungen haben, ging die dunkle himmelswand auf und der sonnenbrunnen (du!!!!) hat gestrahlt, überirdisches tröstliches licht!

heute habe ich versucht, mir mal die welt und einen normalen sommertag aus deiner sicht vorzustellen….

*****

„die vögel singen. draussen vor dem fenster. das sonnenlicht glitzert durch die ritzen der storen und malt muster an die gegenüberliegende wand. ich sehe die blätter, die sich im wind wiegen und stelle mir vor, dass sie einen reigen tanzen zur musik der vögel. wenn ich in der nacht das sommerland besuche, sehe ich, dass da viel mehr möglich ist, als wenn es tag ist. mama hat mir erzählt, dass das sommerland auch am tag da ist, aber dass wir verlernt haben, dieses mit unseren tagaugen zu sehen. was ‚verlernt’ heisst, verstehe ich nicht ganz.

manchmal, wenn wir spazieren gehen, sagt sie, dass sie mit ihren augen nicht mehr die zwerge sehen kann unter den bäumen, oder die elfen und nymphen im wasser. das tut mir dann leid für sie, denn die sind ganz besonders schön. am liebsten setze ich mich unter die tannen und singe ihnen mein lied vor, das ich in mir drin immer singe. manchmal kommt mama auch unter die tannen und dann singen wir gemeinsam. sie hat ein anderes lied und ich glaube, sie hat es bereits ein bisschen vergessen. aber das ist halt schwierig mit den grossen leuten, die müssen an viel denken. sie müssen weg, aus dem haus, und dann haben sie dafür ‚geld’ und mit dem geld gehen wir dann ins coop oder auf den markt und tauschen es gegen äpfel, birnen und penne, oder andere feine sachen.

mama kommt ins zimmer. ‚guten morgen, mein lieber goldspatz, du singst ja schöner als die vögel draussen …’ sagt sie. sie sagt oft so schöne und liebe sachen zu mir. ich habe mama ganz fest lieb!! ich lache sie an und freue mich… während sie das fenster schliesst und die rolläden hochkurbelt, fragt sie, ob es im sommerland schön gewesen sei. ja, sage ich, heute habe ich meine rote frau gesehen. sie hat mich begrüsst und mir viele früchte gegeben. wir haben zusammen auf einer wiese gespielt. sie heisst lanti, hat sie gesagt. mama strahlt mich an. ihr kann ich alles erzählen, sie weiss, dass es wahr ist. aber sie hat auch gesagt, dass viele leute nicht mehr träumen können. und denen solle ich nicht vom sommerland erzählen, weil sie es nicht verstehen.

wir gehen in die wohnküche und ich trinke am tisch einen becher feinen fencheltee. den mag ich am liebsten. beim frühstück beschliessen wir, heute picknicken zu gehen, auf dem weissenstein, weil ich ‚luftgondel’ fahren möchte. wir bereiten auf dem tisch vor, was wir mitnehmen wollen. ich hole meinen kleinen rucksack aus dem zimmer. aber zuerst muss ich ihn noch ausräumen, denn gestern habe ich meine schönen steine hineingesteckt. ich liebe steine und packe sie ein und aus, manchmal stibitze ich auch mamas edelsteine. am liebsten habe ich den brasilianischen rosenquarz, weil der so viele verschiedene farben hat. oder auch den kleinen amethysten. ich nehme mein lieblingsbüchlein mit, das von den beiden hasen, die sich so lieb haben….

auf der gondel ist es kühl, ich sitze auf mamas schoss und wir kuscheln uns in die wolldecke ein, die uns der mann gegeben hat. er hat das wägeli auf die nächste gondel gepackt und ich schaue immer, ob das wägeli auch wirklich kommt. mama sagt, dass ich keine angst haben muss wegen dem wägeli. hoffentlich hat sie recht. oben auf dem weissenstein ist es viel kühler als unten. mama zieht mir die jacke an. wir machen einen schönen spaziergang und dann setzen wir uns in die wiese. wir haben brot und käse mitgenommen, äpfel und vollkornguetzli. und ein sojajoghurt, das ich so gerne mag. aber jetzt ist es kühl und er wind bläst uns um die ohren. „mama, gehen wir wieder heim?“ frage ich. mama ist ein bisschen traurig, weil es nicht so warm ist, wie sie gedacht hat. wir gehen zurück zum bähnli. dann sehen wir, dass auf dem spielplatz ein karussel steht. „ich möchte dorthin“, sage ich zu mama. es hat auch ein klettergestell, aber sobald das karussell anhält, möchte ich mitfahren. mama hilft mir beim einsteigen. auch andere kinder steigen ein und dann wirft mama einen batzen in den schlitz und los geht’s! es ist soooooooo schön. larsaufkarussell2 die ganze welt fliegt vorbei. und da fliegt der sonnenhut des mädchens vor mir in die luft, wirbelt und tanzt und fällt auf den boden. wie lustig es aussieht. wir müssen alle lachen!!!! ich darf sitzen bleiben als das karussell anhält, weil nun eine andere mama und später noch ein grosspapa und später noch eine andere mama geld in den schlitz werfen. die ganze welt wirbelt und dreht sich. es ist wunderschön. ich lache und singe.

später gehen wir zu den kinder-eisenbahnen. das kann ich zwar noch nicht so gut alleine, aber manchmal hilft mir mama oder dann darf ich bei den anderen kindern mitfahren. mama ist zu gross dafür. sie reibt sich den rücken! wie gut ich es doch habe, dass ich noch klein bin!

dann fahren wir mit der gondel wieder abwärts. das wägeli fährt auch mit. im wald machen wir noch einen spaziergang und sehen viele zwerge unter den tannen. und schliesslich fahren wir wieder nach hause. es ist so heiss, dass ich müde im kindersitzli einschlafe.

zuhause packen wir dann die sachen wieder aus und waschen zusammen das geschirr ab. ich stehe auf dem stuhl am spültrog und rubble mit dem schwamm die plastikteller sauber. mama sagt, dass ich das schon gut mache. sie küsst mich auf die backen und sagt, dass sie mich sehrsehr gerne hat.

als ich ihm bett liege und nur noch mit halbem ohr der geschichte und nachher dem lied, dass sie singt, lausche, spüre ich die liebe und geborgenheit, die mich umgibt.“

*****

ob du dich so gefühlt hast? ich glaube, trotz der schwierigkeiten, die dein papa und ich hatten, warst du ein glückliches kind! was haben wir gelacht, getanzt und gesungen, büchlein angeschaut, steine gesammelt und uns mit blättern vollgeworfen im herbst. oder sind auf dem hosenboden den wald runter gesaust. ich bin durch dich eingetaucht in die welt des lachens, der übermut und der unbeschwerheit. auch wenn du nicht mehr hier bist, bei mir, physisch meine ich, so bin ich doch noch immer mit dir verbunden und merke, dass du mir so viel geschenkt hast. das kann mir niemand weg nehmen. ich bin durch zeiten tiefster trauer gegangen, wut, verzweiflung, hilfeschreie, vermissen bis zur hoffnungslosigkeit, viele tränen habe ich geweint, aber deine liebe ist immer da gewesen. wie sehr ich dich liebe! immer lieben werde! danke, dass deine liebe mir zu leben hilft!

geliebter sohn, danke für alles, immer wieder!

deine erdenmama“

© dm/by girasol-team

wenn sie hier klicken, können sie einen ausschnitt davon lesen, was lars uns in der zeit meiner schwangerschaft mitgeteilt hat …

Zur Erinnerung an Lars Andreas

geboren am 12. Juli 2000, gestorben am 12. Juli 2003

Mein Sohn Lars ist im Alter von drei Jahren, genau an seinem dritten Geburtstag, gestorben.

geborgen in mamas schoss2  auf dem weissenstein2

Wenn mich Kinder fragen, weshalb er gestorben ist, und dies geschieht meistens in einer einfachen, natürlichen, nicht von Tabus verstopften Atmosphäre, erzähle ich es so: „Weißt du, der Papa von Lars hat ein ganz krankes, trauriges Herz gehabt. Er hat nicht gerne auf dieser Welt gelebt!“ Spätestens hier schauen mich die Kinder fragend an. „Wie kann ein Mensch denn nicht gerne leben?“ scheinen sie fragen zu wollen, vor allem dann, wenn sie noch jünger sind und noch nichts Gravierendes, Tragisches erlebt haben. Oder selbst wenn… „Ja, und als ich dann nicht mehr mit dem Papa zusammenleben mochte, weil es so schwierig wurde und er immer noch trauriger geworden ist, bin ich weggezügelt. Ich habe gehofft, dass jetzt der Papa sagt: „Okay, jetzt gilt’s ernst. Jetzt packe ich mein Leben wieder!“ Aber der Papa war schon so fest krank im Herz, dass er nur noch sterben wollte. Und weil er es nicht ausgehalten hat, sich von unserem Sohn Lars zu trennen und Lars hier auf dieser für ihn so bösen Welt zu lassen, hat er ihn mitgenommen! Das ist für mich ganz schlimm und ich vermisse ihn ganz fest!“

„Dein Tod ist für mich noch immer ein grosser Schock. Dein Vater, den ich eins so sehr liebte, hat es nicht geschafft, das Leben, das er hatte, so zu leben, dass er glücklich sein konnte. Er fand das Leben so schlimm, dass er es sogar dir, Lars, ersparen wollte … und hat euch beide umgebracht. Du bist Lachen, dein Strahlen hat alle berührt, deine Kreativität mit Steinen, Sand, Wasser oder Lego und anderen Spielsachen war genial. Deine Sprache war so kreativ! Wie viele Wörter du geschaffen hast! Mit dir Baden, Tanzen, Kuscheln, Bücher erzählen, Spielen, Backen, Kochen … war für mich soooo schön!“ (Nov. 03)

Was ich den Kindern nicht erzähle, ist, wie schwierig das Zusammenleben mit einem psychisch kranken Menschen ist. Wie sehr ich gelitten habe und wie sehr ich Angst um Lars hatte und um dessen emotionale Sicherheit. Der Tod meines Sohnes war das schreckliche Ende einer schwierigen Zeit und der Beginn einer wiederum sehr schwierigen Zeit. Nach der Zeit der ersten Trauer und des Schockes, der Zeit der Wut und der Verzweiflung fand ich einen Weg, mit der Trauer besser umzugehen. Auf meinem Weg bin ich auf andere Eltern gestossen, die Kinder loslassen mussten. Da ist sogar wieder Lachen und Lebensfreude möglich geworden. Dadurch, dass ich persönlich an ein Weiterleben nach dem Tod glaube, kann ich auch die Begegnungen mit Lars nach dessen Tod als Realitäten, und seine Ermutigungen an meine Adresse als Bestärkung für mein Leben annehmen.

Ich bin dankbar für all die schönen Stunden mit meinem Sohn Lars, auch wenn es nur drei Jahre waren, so ist doch sein Lachen für mich das schönste Geschenk meines Lebens.

dm/frühling 04/ © by girasol-team

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Am 17. April 04  im ‚Bund‘
(Berner Tageszeitung)


In der Wochenendbeilage ‚Kleiner Bund‘ beschreibt die freie Journalistin Regula Tanner, selbst Mutter zweier Kinder, die Trauerarbeit einer Mutter, die ihr Kind verloren hat.

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Zum ersten Todestag von Nils

geboren am 12. Dezember 2001, gestorben am 21.Juni 2003

Lieber Nils

Nun ist es schon ein Jahr her, dass Du von uns ‚gegangen‘ bist. Auf dem Kalender schon ein Jahr, im Herzen aber kommt es mir vor, als ob es eben erst geschehen ist. Mit jedem Tag, der näher an Deinen Todestag kam, kamen auch die Erinnerungen und der Schmerz!

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Wir haben alles vorbereitet für die Ferien, Du warst so zufrieden, hast noch geschlafen im Auto, es war eine gute Fahrt!

Ich sehe immer wieder Dein Gesicht vor mir, wie Du mit Deinen paar Zähnen strahlst , eben wie ein kleines Schlitzohr, Du warst immer so fröhlich und konntest alle um Deine Fingerchen wickeln. Du wolltest immer in den Armen von Deinem Papi oder mir sein, Du warst ein Schmuser. Dann aber kommen mir wieder die weniger schönen Erinnerungen; Der Unfall; als das Rad Dich überrollt hat, die Benachrichtigung an all Deine Verwandten, der Abschied von Dir, als Du schon in den Sarg gebettet warst und dann noch die Beerdigung!

Obwohl das auch Bilder von Dir sind und ebenfalls zur Erinnerung gehören, würde ich gerne genau diese Bilder aus meinen Gedanken streichen!

Mein kleiner Schatz, ich stehe jeden Abend am Fenster und schaue nach den Sternen und beim hellsten Stern bleibe ich „hängen“ und denke, der wärst Du!

Ich spreche mit Dir und bete mir Dir, schicke Dir tausend Küsse und tausend ‚Drückeli‘ wie Du sie auch so gerne gabst. Ich hoffe sehr, dass es Dir gut geht und Du jemanden gefunden hast, der Dich in die Arme nimmt!

Dein Bruder Sven hat mir einmal am Morgen von einem Licht in seinem Zimmer erzählt, von dem er wach wurde  und das weg ging als er nachschaute! Ich bin mir sicher: Du warst da!  Ich hoffe sehr, dass es noch mehr von diesen Momenten in unserem Leben gibt.

Und egal wie lange es noch geht, ich freue mich auf unser Wiedersehen!

Wir lieben und  vermissen Dich und drücken Dich in Gedanken ganz fest an uns!!

Mami, Papi & Sven

© by br/juni 04/© by girasol-team

Zur Erinnerung an Matthias

geboren am 1. September 1974, gestorben am 30. Juni 1996

matthias1Der Tag an dem Matthias starb, war ein Sonntag. Der dreißigste Juni 1996. Sein letzter Tag begann morgens um elf Uhr. Es war höchste Zeit, denn wir – das waren mein Mann, Markus, Matthias und ich – feierten mit Tanten, Onkels, Neffen, Cousins und Freunden den 75. Geburtstag der Oma, meiner Mutter. Sie hatte die ganze Verwandtschaft zum Mittagessen eingeladen und wir waren zum ersten Mal seit Stephans Beerdigung wieder in dieser Runde beisammen.

Ich war überrascht und glücklich, wie Matthias sich mit seinem Bruder und seinen Cousins unterhielt. So fröhlich und gutgelaunt hatte ich ihn schon seit langem nicht mehr gesehen.

Die letzten drei Jahre waren für uns alle schwer und ich machte mir vor allem um Matthias grosse Sorgen. Zwei Wochen vor dem Tod des Bruders hatte er einen Unfall, bei dem er schwere Verletzungen davon trug. Er hatte diese Schmerzen, die Angst und den Schock nie richtig verarbeiten können, weil die Trauer um den Bruder alles verdrängte. Unser Jüngster wurde still und wortkarg, lachte selten und sprach nie über dieses Geschehen. Zum Glück hatte er gute Freunde, die ihn immer wieder besuchten oder ihn mitnahmen. An diesen Sonntag aber war er fast wie früher und ich schaute immer wieder meine fröhlichen Söhne an. Es schien, als ob wir das Schlimmste überstanden hatten.

Alle drei Brüder hatten Motorräder und obwohl Stephan bei einem Motorradunfall ums Leben kam, hatte Matthias mit großem Eifer eine alte „Maschine“ restauriert. Ich war froh, dass er überhaupt an irgend etwas Freude hatte und hoffte gleichzeitig, dass er nie damit fahren würde. Zwei Wochen vor diesem Sonntag war er damit fertig und zeigte mir voller Stolz sein Prachtstück. Natürlich waren mein Mann und ich voller Sorge, aber als ich von meiner Abneigung gegen die Motorräder davon Markus erzählte, fragte er mich: „ Wenn Stephan mit dem Auto verunglückt wäre, würdest du dann sagen, dass wir nicht mehr Auto fahren sollen…?“

Außerdem – ES würde – konnte – durfte – nicht noch einmal passieren….

Matthias besuchte an diesem Abend seinen Freund Achim und wollte spätestens um 22 Uhr 30 zu Hause sein. Im Fernsehen wurde die Fußballeuropameisterschaft übertragen und Deutschland gewann. Man hörte das Jubeln, Schreien und Autohupen bis ins Haus. Um 23 Uhr wurde ich unruhig – er wollte doch schon da sein!

Markus und Manfred beruhigten mich: „Die Freunde feiern halt ein bisschen…“ Aber ich hatte Angst, große Angst und ich wußte jede Minute mehr, dass etwas fürchterliches, dass ES wieder geschehen war. Mein Kopf, mein Körper, mein Herz, meine Seele – sie waren gelähmt von diesem Wissen.

Um 23 Uhr 30 hörte ich Autotüren zuschlagen, ich hörte Schritte und sah eine Taschenlampe, die das Namensschild an unserer Tür suchte. Mir wurde eiskalt, ich wollte diese Menschen nicht sehen und schon gar nicht hören. Ich wußte ja, was sie mir sagen würden: MATTHIAS IST TOT…

Und sie sagten es – Matthias ist tot.

Ich wollte wissen – wie – wann – wo – warum – und verstand nichts, in mir war Totenstille. Ich wollte weinen und war stumm – ich suchte Trost und wollte trösten – ich wollte allein sein und klammerte mich an Markus und Manfred. Irgendwann würde ich aus diesem Alptraum erwachen – bestimmt und alles wäre wie zuvor. Das konnte doch nicht sein, wir können das nicht noch einmal aushalten! Mein Bruder und seine Frau kamen und Freunde. Alle versuchten zu trösten und zu verstehen – und alle waren fassungslos.

Er war doch erst doch erst vor ein paar Stunden winkend weggefahren – und sollte nie mehr nach Hause kommen – wie Stephan?

Ich wollte wissen, wie Matthias starb und ein Polizist berichtete uns:

  • Matthias war auf der Straße nach Hause.
  • ein LKW-Fahrer übersah ihn und er schleifte ihn auf dem Motorrad 35 m mit.
  • Das Motorrad fing Feuer.
  • Matthias verbrannte unter dem LKW.

Keiner aus der Familie durfte ihn noch einmal sehen, niemand hat ihn gestreichelt und einen letzte Kuss gegeben. Keiner hat ihm Liebesworte ins Ohr geflüstert oder etwas mitgegeben auf seinem letzten Weg. Auch Markus konnte sich von seinem Bruder nicht mehr verabschieden.

Ich weiß nicht, was Matthias dachte und fühlte, ob er Todesangst hatte oder Schmerzen. Wusste er, dass er jetzt sterben würde und dachte er da an uns?Meine Vorstellung übertrifft wahrscheinlich die Wirklichkeit.

Als diese endlose Nacht vorbei war, sind wir an die Stelle gefahren, wo Matthias starb. Wir sahen die 35 m lange Schleifspur und den geschmolzenen Asphalt, wo er verbrannte. Wir fanden Kleiderfetzen, Scherben, Splitter und seinen Haare – Büschel verbrannter Haare, sie lagen im Gulli und am Straßenrand…! Die Taschenuhr, das letzte Weihnachtsgeschenk zeigte unter dem gesprungenen Glas die Uhrzeit an: Es war 22 Uhr 30 als Matthias letzter Tag zu Ende war.

Er wurde 21 Jahre und 10 Monate alt.

© Monika Peter © by girasol-team

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Monika Peter hat ihre Trauer schriftlich verarbeitet und dabei das unten vorgestellte Buch geschrieben:
„Das Leben geht weiter … sagen sie …“

cover_daslebengehtweiter

für mehr Infos hier klicken:
http://www.e-stories.de/buecher-detail.phtml?id=78

Erschienen 2005 – Roch Druck GmbH
104 Seiten (16,5 x 16,5 cm Hardcover) – ISBN: 3000118772
Preis: EUR 15,90

Zur Erinnerung an Stephan

geboren am 11. September 1967, gestorben am 2. Juli 1993

stephanStephans letzter Tag war ein Freitag, der 2. Juli 1993, und Stephan kam wie jedes Wochenende um ca. 19 Uhr nach Hause. Er studierte und wohnte in Ulm und wir sahen uns an diesem Abend nur 2 ½ Stunden, aber ich kann mich noch an jedes Wort erinnern, das wir gesprochen haben.

Es war ein wichtiger Tag für ihn: Er hatte sich endlich entschlossen, das Studium für Elektrotechnik zu beenden und Sozialpädagogik zu studieren.

Stephan wollte mit seiner Freundin nach Eichstätt ziehen. Die Bestätigung für den Studienplatz hatte er an diesem Tag bekommen. Das alles erzählte er uns im „Schnelldurchlauf“, genaueres sollte am Sonntag besprochen werden.

Markus, sein jüngerer Bruder, war Zivi beim BRK und nur Matthias, unser Jüngster (er war Lehrling), kam  täglich heim.Am Wochenende aber war die Familie  komplett, mindestens bei den Mittagessen waren alle da. Abends waren die Brüder natürlich unterwegs, über das wo, wann und wie wurde immer ausgiebig und fröhlich diskutiert.

An diesem Freitag war die Stimmung nicht so locker: Unsere Familie hatte nämlich zwei schlimme Wochen hinter sich. Matthias war mit seinem Motorrad schwer verunglückt, es musste sogar ein Finger amputiert werden. Aber über das Wochenende durften wir ihn nach Hause holen. Die beiden Brüder wollten das am nächsten Tag übernehmen.

Warum Stephan trotzdem einen Brief an Matthias schrieb und ihn noch am selben Tag im Krankenhaus abgab, ist allen ein großes Rätsel. Ahnte er, dass er seinen jüngsten Bruder nie mehr sehen würde? Er wollte sich an diesem Abend mit Freunden treffen und hatte sich dort mit seiner Freundin verabredet. Markus war bei einer Geburtstagsfeier eingeladen. Es herrschte das übliche Suchen nach Schlüsseln, Geldbörsen, Jacken, Schuhen usw… Es war eigentlich wie immer.

Trotzdem war meine Stimmung gedrückt, nicht “nur“ wegen Matthias. Mir ging ein Traum nicht aus dem Kopf, den ich in der Nacht vor diesem Unfall hatte:Ich war im Friedhof und sah zwei Arbeitern zu, die ein Grab schaufelten. Nach einigen Minuten hörten sie auf und wollten weggehen. Ich fragte sie, warum sie nicht weitermachten. Einer der Männer drehte sich um und sagte:„Wir sind zu früh dran – er kommt erst in zwei Wochen…“

Ich wachte voll Entsetzen auf und erzählte alles meinem Mann. Er versuchte mich zu beruhigen, aber ich war außer mir vor Angst. Am nächsten Morgen verunglückte dann Matthias auf dem Weg zur Arbeit. Obwohl ich wußte, dass er trotz der schlimmen Verletzungen wieder gesund werden würde, gingen mir diese Traumbilder nicht mehr aus dem Kopf. Den Jungs hatte ich nichts erzählt, wahrscheinlich hätten sie gelächelt: „Ja, ja, die Mam mit ihrer Angst…“

Als an diesem Freitag Stephan auf das Motorrad stieg und ich ihm einen Kuss gab, sagte er zu mir: „Du bist die beste Mam der Welt – wir sehen uns morgen Mittag!“

Ich sah ihn wirklich am nächsten Mittag: Er lag aufgebahrt in einem Sarg. Sehr blass, sehr kalt und sehr weit weg von mir… Markus und Matthias seine fassungslosen Brüder, Gise, seine Freundin mit der er zusammenziehen wollte, viele seiner Freunde, mein Mann und ich standen weinend und schluchzend bei ihm, streichelten ihn und stammelnden Kosenamen in sein Ohr. Jeder gab ihm etwas mit von sich: Still und zärtlich legten wir Ringe, Halsketten, Fotos, Haarlocken, Zigaretten, Briefe und unzählige Blumen auf und neben ihn. Immer wieder hielt ich seine starren Hände und küsste die kalten Lippen. Gise schnitt ihm ein paar Haarsträhnen ab und das ist das letzte, was von seinem Körper bei uns ist. Solange ich lebe, werden diese letzten Minuten und die letzten Berührungen bei meinem Sohn unvergänglich und unvergesslich sein.Stephan starb um 22 Uhr 10, wie genau der Unfall passierte, weiß man nicht. Es gab keine direkten Zeugen. Er ist in einer langgezogenen Kurve mit dem Motorrad gestürzt und mit dem Rücken an die Leitplanke geprallt. Seine Halswirbelsäule ist gebrochen und er war sofort tot…

DER UNFALL GESCHAH ZWEI WOCHEN NACH MEINEM TRAUM.

© Monika Peter © by girasol-team

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Monika Peter hat ihre Trauer schriftlich verarbeitet und dabei das unten vorgestellte Buch geschrieben:
„Das Leben geht weiter … sagen sie …“

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für mehr Infos hier klicken:
http://www.e-stories.de/buecher-detail.phtml?id=78

Erschienen 2005 – Roch Druck GmbH
104 Seiten (16,5 x 16,5 cm Hardcover) – ISBN: 3000118772
Preis: EUR 15,90

Zur Erinnerung an Jörg und Frank

geboren und gestorben am 23. november 1972

„… und Liebe ist unendlich …“

Schon immer wünschte ich mir eine große Familie und träumte von fünf Kindern, aber weil ich als Baby an Rachitis und später an Kinderlähmung erkrankte, sollte das wohl ein Traum bleiben. Diese Diagnose sagten die Ärzte damals meinen Eltern und später auch mir. Ich wollte  das aber nie glauben und hatte damit auch recht:

Am 11. September 1967 bekamen mein Mann und ich Stephan, unseren ersten Sohn. Fast drei Jahre später war Markus da und ich war die glücklichste Mama der Welt.

Im Sommer 1972 erfuhr ich, dass ich wieder schwanger war. Dieses Mal war „es“ nicht geplant, weil wir gerade ein Haus bauten, aber wir freuten uns trotzdem.

Mein Mann wünschte sich ein Mädchen, aber ich war überzeugt, dass es wieder ein Junge würde. Die Schwangerschaft war von Anfang „anders“: Ich war im dritten Monat schon so dick, wie die anderen Schwangeren im fünften Monat. Damals gab es nur in Universitätskliniken Ultraschallgeräte und die waren natürlich noch im Entwicklungsstadium. Ich musste in die Uni Ulm und dort stellten die Ärzte fest, dass ich schon fast 10 Liter Fruchtwasser in der Gebärmutter hatte. Ich litt unter Atemnot und musste immer liegen.

Stephan und Markus wurden bei den Großeltern untergebracht.

Ich hatte Sehnsucht nach meiner Familie und machte mir große Sorgen.

Mein Bauch wurde immer dicker und die Ärzte immer ratloser. Mein Baby machte dauernd Turnübungen, so was hatte ich bei den anderen Schwangerschaften nicht erlebt. Als sie mich einmal fragten, wie es mir geht sagte ich: „Jetzt weiß ich wie sich der Wolf fühlte, als er die sieben Geißlein im Bauch hatte!“

Aber die Ärzte versicherte  mir, dass ich „nur eines drin“ hätte.

Schließlich wurde eine Drainage in die Gebärmutter gelegt, damit das überschüssige Wasser ablaufen konnte und ich wusste jetzt auch, wie die „Krankheit“ hieß, an der ich mit meinem Baby litt: „Hydramnion“…, damit konnte ich aber nichts anfangen und niemand klärte mich richtig auf.

Mir ging es immer schlechter, obwohl Tag und Nacht Wasser durch einen dünnen Plastikschlauch aus meinem Bauch floss. Ich bemerkte voller Angst, dass die Kindsbewegungen ruhiger wurden, aber die Ärzte beruhigten mich – alles normal…

Am 22. November wurde ich auf die Intensivstation gebracht. Inzwischen war ich Anfang siebtem Monat und ich wusste, dass mein Kind nicht überleben konnte, wenn es jetzt geboren würde. Damals hatten so kleine Frühchen keine Chance. Ich sprach mit ihm und flehte es an, noch ein bisschen auszuhalten……

Irgendwann in der Nacht bekam ich starke Wehen und innerhalb weniger Minuten spülte das Wasser ein winziges Baby aus mir heraus. Ich erwartete, dass es mir gezeigt wurde, aber es wurde zur Seite gelegt. „Es ist ein Junge und er ist tot…“, sagte jemand. Natürlich glaubte ich das nicht und bestand weinend darauf es zu sehen.

Sie hielten es mir vor die Augen und ich sah ein kleines dunkelblau angelaufenes Kindchen mit schwarzen Haaren und fest zugekniffenen Äuglein. Ich regte mich furchtbar auf und wollte wissen, warum und weshalb… Aber niemand gab mir eine Antwort, ich bekam eine Spritze und wie durch einen Nebel bemerkte ich, dass ich noch ein Kind gebären würde. Es war noch ein kleiner Junge und ich sah, dass er eine rosige Haut hatte – aber auch er war tot! Ich wollte nach ihm greifen und in streicheln, ich weinte und schrie…

Als ich nach Stunden wieder zu mir kam, saß mein Mann bei mir und sagte leise und traurig, dass ich eineiige Zwillinge geboren hatte. Zwei kleine Buben, die nicht lebensfähig waren. Natürlich wollte ich sie sehen, aber sie waren „weg“! Sie wogen „nur“ 620 Gramm und 520 Gramm, deshalb wurden sie nicht beerdigt. Ich erfuhr, dass man solche Kinder „beilegt“. Was das genau hieß, sagten sie nicht. Das war auch besser so… Heute weiß ich es!

Erst auf mein hartnäckiges Nachfragen wurde mir der Obduktionsbericht gezeigt:

Meine Babies starben nicht, weil ich an „Hydramnion“ litt, sondern weil der Schlauch in meinem Bauch eines davon so schwer verletzte, dass es starb. Deshalb bekam ich eine „Leichenvergiftung“(!) und daran starb auch sein Brüderchen.

Kein Arzt hatte bemerkt, dass ich Zwillinge erwartete!

Ich lebte wochenlang wie unter Betäubung und konnte es nicht fassen, dass ich kein Kind mit nach Hause nehmen konnte. Ich fühlte mich schuldig… ich hatte als Mutter versagt.

Als ich endlich wieder bei meiner Familie war, erzählte ich meinen Buben von ihren kleinen Brüdern Frank und Jörg. Sie waren enttäuscht dass ich ohne das versprochene Geschwisterchen heimgekommen war. Da sagte ich ihnen, dass die beiden lieber auf einem Sternchen wohnten und immer bei uns sein würden, egal wohin wir auch gingen.

Zwei Jahre später bekamen wir zu unserer großen Freude noch einmal ein Kind. Es war wieder ein Junge, Matthias. Er versöhnte mich etwas mit dem Schicksal.

Die Namen der beiden kleinen Buben stehen nirgends geschrieben. Sie bekamen keine Grabstätte, keine Geburtsurkunde und keine Sterbeurkunde. Sie wurden nicht einmal getauft…

In meiner Verwandtschaft wurden sie nie erwähnt, sogar mein Mann hat noch immer große Probleme über sie zu reden.

Niemand außer mir, hat sie gesehen…

In jeder sternenklaren Nacht suche ich ein blinkendes Sternchen und grüße meine geliebten Sternenkinder.

Und an jedem 23. November zünde ich zwei Geburtstagskerzen an.

Fast 21 Jahre später verunglückte Stephan tödlich – und drei Jahre später auch noch Matthias.

Erst seit dem Tod der großen Brüder haben Frank und Jörg einen „sichtbaren“ Platz bekommen:

Am Grabstein der Großen lehnt ein kleiner Findling und über der Aufschrift:
„… und Liebe ist unendlich …“ glitzern zwei goldenen Sterne.

© Monika Peter © by girasol-team

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Monika Peter hat ihre Trauer schriftlich verarbeitet und dabei das unten vorgestellte Buch geschrieben:
„Das Leben geht weiter … sagen sie …“

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http://www.e-stories.de/buecher-detail.phtml?id=78

Erschienen 2005 – Roch Druck GmbH
104 Seiten (16,5 x 16,5 cm Hardcover) – ISBN: 3000118772
Preis: EUR 15,90