Zur Erinnerung an Stephan

geboren am 11. September 1967, gestorben am 2. Juli 1993

stephanStephans letzter Tag war ein Freitag, der 2. Juli 1993, und Stephan kam wie jedes Wochenende um ca. 19 Uhr nach Hause. Er studierte und wohnte in Ulm und wir sahen uns an diesem Abend nur 2 ½ Stunden, aber ich kann mich noch an jedes Wort erinnern, das wir gesprochen haben.

Es war ein wichtiger Tag für ihn: Er hatte sich endlich entschlossen, das Studium für Elektrotechnik zu beenden und Sozialpädagogik zu studieren.

Stephan wollte mit seiner Freundin nach Eichstätt ziehen. Die Bestätigung für den Studienplatz hatte er an diesem Tag bekommen. Das alles erzählte er uns im „Schnelldurchlauf“, genaueres sollte am Sonntag besprochen werden.

Markus, sein jüngerer Bruder, war Zivi beim BRK und nur Matthias, unser Jüngster (er war Lehrling), kam  täglich heim.Am Wochenende aber war die Familie  komplett, mindestens bei den Mittagessen waren alle da. Abends waren die Brüder natürlich unterwegs, über das wo, wann und wie wurde immer ausgiebig und fröhlich diskutiert.

An diesem Freitag war die Stimmung nicht so locker: Unsere Familie hatte nämlich zwei schlimme Wochen hinter sich. Matthias war mit seinem Motorrad schwer verunglückt, es musste sogar ein Finger amputiert werden. Aber über das Wochenende durften wir ihn nach Hause holen. Die beiden Brüder wollten das am nächsten Tag übernehmen.

Warum Stephan trotzdem einen Brief an Matthias schrieb und ihn noch am selben Tag im Krankenhaus abgab, ist allen ein großes Rätsel. Ahnte er, dass er seinen jüngsten Bruder nie mehr sehen würde? Er wollte sich an diesem Abend mit Freunden treffen und hatte sich dort mit seiner Freundin verabredet. Markus war bei einer Geburtstagsfeier eingeladen. Es herrschte das übliche Suchen nach Schlüsseln, Geldbörsen, Jacken, Schuhen usw… Es war eigentlich wie immer.

Trotzdem war meine Stimmung gedrückt, nicht “nur“ wegen Matthias. Mir ging ein Traum nicht aus dem Kopf, den ich in der Nacht vor diesem Unfall hatte:Ich war im Friedhof und sah zwei Arbeitern zu, die ein Grab schaufelten. Nach einigen Minuten hörten sie auf und wollten weggehen. Ich fragte sie, warum sie nicht weitermachten. Einer der Männer drehte sich um und sagte:„Wir sind zu früh dran – er kommt erst in zwei Wochen…“

Ich wachte voll Entsetzen auf und erzählte alles meinem Mann. Er versuchte mich zu beruhigen, aber ich war außer mir vor Angst. Am nächsten Morgen verunglückte dann Matthias auf dem Weg zur Arbeit. Obwohl ich wußte, dass er trotz der schlimmen Verletzungen wieder gesund werden würde, gingen mir diese Traumbilder nicht mehr aus dem Kopf. Den Jungs hatte ich nichts erzählt, wahrscheinlich hätten sie gelächelt: „Ja, ja, die Mam mit ihrer Angst…“

Als an diesem Freitag Stephan auf das Motorrad stieg und ich ihm einen Kuss gab, sagte er zu mir: „Du bist die beste Mam der Welt – wir sehen uns morgen Mittag!“

Ich sah ihn wirklich am nächsten Mittag: Er lag aufgebahrt in einem Sarg. Sehr blass, sehr kalt und sehr weit weg von mir… Markus und Matthias seine fassungslosen Brüder, Gise, seine Freundin mit der er zusammenziehen wollte, viele seiner Freunde, mein Mann und ich standen weinend und schluchzend bei ihm, streichelten ihn und stammelnden Kosenamen in sein Ohr. Jeder gab ihm etwas mit von sich: Still und zärtlich legten wir Ringe, Halsketten, Fotos, Haarlocken, Zigaretten, Briefe und unzählige Blumen auf und neben ihn. Immer wieder hielt ich seine starren Hände und küsste die kalten Lippen. Gise schnitt ihm ein paar Haarsträhnen ab und das ist das letzte, was von seinem Körper bei uns ist. Solange ich lebe, werden diese letzten Minuten und die letzten Berührungen bei meinem Sohn unvergänglich und unvergesslich sein.Stephan starb um 22 Uhr 10, wie genau der Unfall passierte, weiß man nicht. Es gab keine direkten Zeugen. Er ist in einer langgezogenen Kurve mit dem Motorrad gestürzt und mit dem Rücken an die Leitplanke geprallt. Seine Halswirbelsäule ist gebrochen und er war sofort tot…

DER UNFALL GESCHAH ZWEI WOCHEN NACH MEINEM TRAUM.

© Monika Peter © by girasol-team

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Monika Peter hat ihre Trauer schriftlich verarbeitet und dabei das unten vorgestellte Buch geschrieben:
„Das Leben geht weiter … sagen sie …“

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für mehr Infos hier klicken:
http://www.e-stories.de/buecher-detail.phtml?id=78

Erschienen 2005 – Roch Druck GmbH
104 Seiten (16,5 x 16,5 cm Hardcover) – ISBN: 3000118772
Preis: EUR 15,90

Zur Erinnerung an Jörg und Frank

geboren und gestorben am 23. november 1972

„… und Liebe ist unendlich …“

Schon immer wünschte ich mir eine große Familie und träumte von fünf Kindern, aber weil ich als Baby an Rachitis und später an Kinderlähmung erkrankte, sollte das wohl ein Traum bleiben. Diese Diagnose sagten die Ärzte damals meinen Eltern und später auch mir. Ich wollte  das aber nie glauben und hatte damit auch recht:

Am 11. September 1967 bekamen mein Mann und ich Stephan, unseren ersten Sohn. Fast drei Jahre später war Markus da und ich war die glücklichste Mama der Welt.

Im Sommer 1972 erfuhr ich, dass ich wieder schwanger war. Dieses Mal war „es“ nicht geplant, weil wir gerade ein Haus bauten, aber wir freuten uns trotzdem.

Mein Mann wünschte sich ein Mädchen, aber ich war überzeugt, dass es wieder ein Junge würde. Die Schwangerschaft war von Anfang „anders“: Ich war im dritten Monat schon so dick, wie die anderen Schwangeren im fünften Monat. Damals gab es nur in Universitätskliniken Ultraschallgeräte und die waren natürlich noch im Entwicklungsstadium. Ich musste in die Uni Ulm und dort stellten die Ärzte fest, dass ich schon fast 10 Liter Fruchtwasser in der Gebärmutter hatte. Ich litt unter Atemnot und musste immer liegen.

Stephan und Markus wurden bei den Großeltern untergebracht.

Ich hatte Sehnsucht nach meiner Familie und machte mir große Sorgen.

Mein Bauch wurde immer dicker und die Ärzte immer ratloser. Mein Baby machte dauernd Turnübungen, so was hatte ich bei den anderen Schwangerschaften nicht erlebt. Als sie mich einmal fragten, wie es mir geht sagte ich: „Jetzt weiß ich wie sich der Wolf fühlte, als er die sieben Geißlein im Bauch hatte!“

Aber die Ärzte versicherte  mir, dass ich „nur eines drin“ hätte.

Schließlich wurde eine Drainage in die Gebärmutter gelegt, damit das überschüssige Wasser ablaufen konnte und ich wusste jetzt auch, wie die „Krankheit“ hieß, an der ich mit meinem Baby litt: „Hydramnion“…, damit konnte ich aber nichts anfangen und niemand klärte mich richtig auf.

Mir ging es immer schlechter, obwohl Tag und Nacht Wasser durch einen dünnen Plastikschlauch aus meinem Bauch floss. Ich bemerkte voller Angst, dass die Kindsbewegungen ruhiger wurden, aber die Ärzte beruhigten mich – alles normal…

Am 22. November wurde ich auf die Intensivstation gebracht. Inzwischen war ich Anfang siebtem Monat und ich wusste, dass mein Kind nicht überleben konnte, wenn es jetzt geboren würde. Damals hatten so kleine Frühchen keine Chance. Ich sprach mit ihm und flehte es an, noch ein bisschen auszuhalten……

Irgendwann in der Nacht bekam ich starke Wehen und innerhalb weniger Minuten spülte das Wasser ein winziges Baby aus mir heraus. Ich erwartete, dass es mir gezeigt wurde, aber es wurde zur Seite gelegt. „Es ist ein Junge und er ist tot…“, sagte jemand. Natürlich glaubte ich das nicht und bestand weinend darauf es zu sehen.

Sie hielten es mir vor die Augen und ich sah ein kleines dunkelblau angelaufenes Kindchen mit schwarzen Haaren und fest zugekniffenen Äuglein. Ich regte mich furchtbar auf und wollte wissen, warum und weshalb… Aber niemand gab mir eine Antwort, ich bekam eine Spritze und wie durch einen Nebel bemerkte ich, dass ich noch ein Kind gebären würde. Es war noch ein kleiner Junge und ich sah, dass er eine rosige Haut hatte – aber auch er war tot! Ich wollte nach ihm greifen und in streicheln, ich weinte und schrie…

Als ich nach Stunden wieder zu mir kam, saß mein Mann bei mir und sagte leise und traurig, dass ich eineiige Zwillinge geboren hatte. Zwei kleine Buben, die nicht lebensfähig waren. Natürlich wollte ich sie sehen, aber sie waren „weg“! Sie wogen „nur“ 620 Gramm und 520 Gramm, deshalb wurden sie nicht beerdigt. Ich erfuhr, dass man solche Kinder „beilegt“. Was das genau hieß, sagten sie nicht. Das war auch besser so… Heute weiß ich es!

Erst auf mein hartnäckiges Nachfragen wurde mir der Obduktionsbericht gezeigt:

Meine Babies starben nicht, weil ich an „Hydramnion“ litt, sondern weil der Schlauch in meinem Bauch eines davon so schwer verletzte, dass es starb. Deshalb bekam ich eine „Leichenvergiftung“(!) und daran starb auch sein Brüderchen.

Kein Arzt hatte bemerkt, dass ich Zwillinge erwartete!

Ich lebte wochenlang wie unter Betäubung und konnte es nicht fassen, dass ich kein Kind mit nach Hause nehmen konnte. Ich fühlte mich schuldig… ich hatte als Mutter versagt.

Als ich endlich wieder bei meiner Familie war, erzählte ich meinen Buben von ihren kleinen Brüdern Frank und Jörg. Sie waren enttäuscht dass ich ohne das versprochene Geschwisterchen heimgekommen war. Da sagte ich ihnen, dass die beiden lieber auf einem Sternchen wohnten und immer bei uns sein würden, egal wohin wir auch gingen.

Zwei Jahre später bekamen wir zu unserer großen Freude noch einmal ein Kind. Es war wieder ein Junge, Matthias. Er versöhnte mich etwas mit dem Schicksal.

Die Namen der beiden kleinen Buben stehen nirgends geschrieben. Sie bekamen keine Grabstätte, keine Geburtsurkunde und keine Sterbeurkunde. Sie wurden nicht einmal getauft…

In meiner Verwandtschaft wurden sie nie erwähnt, sogar mein Mann hat noch immer große Probleme über sie zu reden.

Niemand außer mir, hat sie gesehen…

In jeder sternenklaren Nacht suche ich ein blinkendes Sternchen und grüße meine geliebten Sternenkinder.

Und an jedem 23. November zünde ich zwei Geburtstagskerzen an.

Fast 21 Jahre später verunglückte Stephan tödlich – und drei Jahre später auch noch Matthias.

Erst seit dem Tod der großen Brüder haben Frank und Jörg einen „sichtbaren“ Platz bekommen:

Am Grabstein der Großen lehnt ein kleiner Findling und über der Aufschrift:
„… und Liebe ist unendlich …“ glitzern zwei goldenen Sterne.

© Monika Peter © by girasol-team

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Monika Peter hat ihre Trauer schriftlich verarbeitet und dabei das unten vorgestellte Buch geschrieben:
„Das Leben geht weiter … sagen sie …“

cover_daslebengehtweiter

für mehr Infos hier klicken:
http://www.e-stories.de/buecher-detail.phtml?id=78

Erschienen 2005 – Roch Druck GmbH
104 Seiten (16,5 x 16,5 cm Hardcover) – ISBN: 3000118772
Preis: EUR 15,90