Weiterleben ohne Lars – Teil 7

Antonio hatte unzählige Gelegenheiten gehabt, neue Werkzeuge kennenzulernen, reflektieren zu lernen, genauer hinzuschauen, Hilfe anzunehmen. Auch wenn seine Wut aufs Leben, dieses Nicht-leben-können seine Ursprünge in seiner Kindheit und Jugend gehabt hatte.

Und ja, ich verurteile Antonios Tat. Ich finde es auch heute noch schrecklich, was er getan hat. Unsäglich. Aber heute verurteile ich Antonio nicht mehr. Vermutlich habe ich ihm verziehen. Losgelassen. Mir zuliebe.

P. begleitete uns drei anschließend zum Bahnhof. Er war vollkommen neben der Spur. Er hatte seinen Bruder geliebt. Und er hatte Lars geliebt. Ich versuchte ihm zu sagen, wie viel Trost und Kraft ich zurzeit aus Lars’ Vermächtnis ziehe, aus Lars’ Lachen und seiner Lebensfreude. Dass Lars will, dass wir weitergehen. Dass er will, dass es uns gut geht. P. war, anders als sein Vater, nicht an Schuldzuweisungen interessiert, aber er war verzweifelt, voller Fragen, ohne Antworten. Er hatte von uns allen seinen Bruder vermutlich am besten gekannt. Und wohl auch am unmittelbarsten geliebt.

An diesem Wochenende besuchte mich Antonio. Ich hatte mich für eine kleine Siesta aufs Bett gelegt, nachdem ich die ganze Wohnung geputzt und das Innenzelt, das noch immer in Lars’ Zimmer aufgebaut gewesen war, abgebaut hatte. Im Zustand einer tiefen Entspannung, in den ich mich wieder besser, fast so wie früher, fallen lassen konnte, sah ich Antonio. Er kam zur Tür herein, auf dem Rücken einen ledernen Rucksack. Er trug ein ärmelloses Shirt und wirkte ruhig und zugleich zerknirscht.

Was machst du hier?, sagte ich, laut, weil das alles so wirklich war.
Es tut mir so leid, sagte er, kannst du mir verzeihen?
Ja, sagte ich. Eines Tages schon. Nicht jetzt. Später …

Als ich später mit meiner ehemalige Nachbarin S. telefonierte, die ja am Tag vor der Explosion von ihrer inneren Stimme gesagt bekommen hatte, dass sie baldmöglichst das Haus verlassen solle, erzählte ich ihr von meiner Begegnung mit Antonio. Antonio hatte sie offenbar ebenfalls besucht. Und auch sie hatte er um Verzeihung gebeten. Er hatte sie zudem gefragt, wie er frei werden könne. Da sie, als Buddhistin, einiges über diese letzten Wege wusste, erklärte sie ihm den Weg. Er habe sich bedankt und sich verabschiedet. Später hörte ich noch von anderen Freundinnen und Freunden, die ähnliche Begegnungen mit ihm gehabt hatten.

Auch Lars sah ich immer mal wieder. Einmal sagte er, wie lieb er mich habe. Ein anderes Mal bat er mich dringend, das Buch zu schreiben. Erst heute ahne ich, dass er dieses Buch hier gemeint hatte. Nun denn … jetzt tue ich es. Für mich, für ihn.

(Fortsetzung folgt)

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Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

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