Weiterleben ohne Lars #11 – Die andere Seite hören

Auch andere Freundinnen ermutigten mich dazu, zu versuchen, mit meinen Verstorbenen in Kontakt zu treten. Schließlich meldete ich mich bei einem als sehr seriös bekannten Medium an. C. wollte im Voraus keinerlei Informationen über mich und meine Geschichte. (Dass ich jene Frau war, über die die Zeitungen im Juli berichtet hatten, konnte sie ja nicht wissen, da ich dort nicht mit Namen genannt worden war.) C. vermied so, von mir Gehörtes oder Gelesenes mit medial wahrgenommenen Eindrücken zu vermischen.

Was genau sind mediale Botschaften? Ich verstehe sie als sinnliche Eindrücke, die uns von medial begabten Menschen überbracht werden. Menschen, die fühlen und wahrnehmen können, was sich unserem Tagesbewusstsein normalerweise nicht zeigt. Menschen, die die unsichtbare Welt wahrnehmen können. (Im Grunde etwas, dass – je nach Affinität – viele von uns könnten, wenn wir es uns nicht abgewöhnt hätten.) Ein Medium empfängt also, wenn es sich auf die unsichtbare Welt einlässt, ganz verschiedene Eindrücke auf unterschiedlichen sinnlichen Kanälen. Die Kunst besteht nun darin, diese Eindrücke in unsere Wortsprache zu transformieren. (Somit kann also jede mediale Botschaft richtig oder falsch interpretiert werden. Und ja, natürlich wird hier auch viel Schindluderei betrieben.)

Dank meiner Vorab-Recherche hatte ich also C. gefunden, die sehr seriös und sehr sensibel arbeitet. Kaum hatte ich Platz genommen, als ich an meinem rechten Knie eine kleine Hand spürte. In mir war es ruhig und ich fühlte mich geborgen und getröstet. Auch C. nach die Hand auf meinem Knie wahr, obwohl ich nichts gesagt hatte. Nicht nur die Hand nahm sie wahr, sie sah vor ihrem inneren Auge Lars neben mir stehen und beschrieb ihn als goldlockigen Buben, der seine Hand auf mein Bein gelegt habe. Und da sei ein Mann bei mir, auf meiner anderen Seite, der mich unbedingt wissen lassen wolle, dass es gut gewesen sei, dass ich damals nicht gekommen sei.

Nur ganz kurz musste ich nachdenken, was das bedeuten sollte. Doch dann erinnerte ich mich, wie ich damals, am 12. Juli, kurz überlegt hatte, mit dem Auto zu Antonio zu fahren. Eigentlich und Göttinseidank hatte mich einzig die Tatsache, dass ich auf Ch. gewartet hatte, davon abgehalten. Ch. wollte uns ja besuchen, um mit mir und Lars dessen Geburtstag zu feiern. Auch der Umstand natürlich, dass Antonio das Telefon nicht abgenommen und die Nachbarin gesagt hatte, der Kinderwagen stehe nicht im Treppenhaus. Die beiden wären ja eh nicht im Haus gewesen, hatte ich gedacht, und war darum daheim geblieben. Wohin hätte ich auch fahren sollen? Ja, hinterher, in der allerersten Zeit, hatte ich es bereut, nicht doch hingefahren zu sein, um das Schreckliche womöglich vereiteln zu können. Nun also das: Gut, dass du nicht gekommen bist!

Weitere Aussagen, die C. machte, waren ähnlich konkret und präzise, weitab von Allgemeinplätzen, die ich auf jede Situation hätte umdeuten können. Ich war nach diesem Gespräch mit Antonio und Lars sehr froh darüber, dass ich mir dieses Channeling, gegönnt hatte.

Monate später hatte ich mit einem weiteren Medium aus Norddeutschland ein Telefonchanneling. Jene Frau hatte die Gabe, sich auf eine Art Zeitreise einlassen und vergangene Zeiten wie in einem Film betrachten zu können. Sie erzählte mir, was Lars und Antonio am letzten Tag getan haben. In ihrem Fall konnte ich gewisse Dinge nicht direkt, aber ein paar Monate später – nach dem alle polizeilichen Untersuchungen abgeschlossen worden waren – anhand von Fundgegenständen und dem Obduktionsbericht verifizieren. Tatsächlich war ein Brief Antonios aus den Trümmern geborgen worden, den sie erwähnt hatte. Er konnte sogar rekonstruiert werden und legte die Vermutung sehr nahe, dass Antonio – wie das Medium gesagt hatte – schriftlich über verschiedene Lösungswege nachgedacht hatte. Weiter hatte er, ganz am Schluss vor seinem Tod und obwohl er länger clean gewesen war, einen Joint geraucht, zumindest ein paar Züge. Auch das hatte mir das Medium geschildert. Ich hatte daraufhin ihr gegenüber behauptet, dass er ganz bestimmt  clean gewesen sei.

Fast ungläubig lese ich heute in meinem Tagebuch über jene Zeit. Über jenes zweite Channeling. Auch was sie damals über meinen späteren Beruf und mein zukünfiges Liebesleben sagte, haut mich heute, im Rückblick, fast um. Beruflich werde ich mehr im kreativen und kommunikativen Bereich arbeiten und viel Freude an meiner beruflichen Herausforderung haben. Ich kann mich dabei selbst entfalten. Allenfalls werde ich sogar wieder mit Kindern arbeiten können, an einer Schule womöglich? Und ja, ich werde wieder eine Partnerschaft haben. Mein Partner ist ein stabiler, weltoffener Mensch, der beruflich viel reist und unterwegs ist. Ein treuer Mensch, der sehr gut zu mir passt. (Oh, wie exakt das zutrifft!)

Ich bin mir bewusst, wie seltsam solche Erfahrungen für Außenstehende klingen mögen. Mir war damals zum einen jedes Mittel recht, das ein wenig Trost und Hoffnung versprach, doch andererseits habe ich diese Menschen, diese Medien, sorgfältig ausgewählt, habe mich vorher nach ihnen erkundigt, habe recherchiert, Referenzen eingeholt, denn ich weiß, dass in diesen sensiblen menschlichen Zwischenräumen viel Unfug getrieben und viel Schaden angerichtet wird.

Die von mir ausgewählten Medien hatten die besondere Fähigkeit oder Gabe, sich im Zustand tiefer Entspannung in eine Art geistiges Internet einzuloggen und Einblick in Geschehnisse zu bekommen, die sich unsern Augen im Wachzustand entziehen. Da ich selbst auf meinem spirituellen Weg, insbesondere auf schamanischen Reisen, ähnliches erlebt habe, bin ich davon überzeugt, dass es eine unsichtbare Wirklichkeit gibt, parallel zur sichtbaren, die mit den klassischen Mitteln nicht wahrnehmbar ist. Eine Ebene, für die wir zwar Rezeptoren hätten, normalerweise jedoch nicht geübt darin sind, diese auch einzusetzen. In diesem Zustand der Trance, der vielen Menschen suspekt ist, obwohl wir ihn ganz natürlicherweise – meistens vor dem Einschlafen oder nach dem Aufwachen – alle immer mal wieder durchschreiten, nehmen wir Dinge anders wahr, betrachten die Welt aus einer anderen Sicht. In diesem Zustand greifen die üblichen Kontrollmechanismen nicht. Darum sehen und verstehen wir so auf einmal Zusammenhänge, die außerhalb unseren bewussten Seins liegen.

Was ich bei den Medien gesucht habe? Eigentlich nur eins: Ich wollte verstehen. Nicht nur, warum Antonio das alles getan hatte. Nicht nur, was Lars erlebt hatte. Ich wollte auch verstehen, warum das alles, in einem größeren Kontext betrachtet, geschehen ist. Vielleicht entwickelte sich ja doch ein Sinn aus allem, was geschehen ist.

Nun ja, ich glaube ja nicht, dass etwas Schlimmes geschieht, damit wir ihm später einen Sinn verleihen. Eher denke ich, dass es einen Versuch wert ist, zu  versuchen das Schlimme zu integrieren, ihm quasi im Nachhinein einen Platz und einen Sinn zu verleihen. Ich glaube nicht an endgültige Antworten. Auf alle meine Fragen fand ich immer nur vorläufige. Manchmal fand ich Trost, manchmal siegte die Verzweiflung.

Damals fuhr ich sehr oft auf Autopilot durch mein Leben. Schleicht sich der Schmerz an, erstarre ich zuweilen, versuche jedenfalls mich so wenig wie möglich zu rühren. Insbesondere wenn ich mich in einem halbwegs erträglichen Zustand mit halbwegs befriedigenden Antworten eingefunden hatte.

Die Lücke, die Lars in meinem Leben hinterlassen hatte, schien manchmal ein bisschen kleiner geworden zu sein, oft allerdings nur, um am nächsten Tag umso größer und schmerzhafter zu sein.

(Fortsetzung folgt)

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

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