Weiterleben ohne Lars #10 – Wieder daheim

In einer dieser vielen schlaflosen Nächte – einige Wochen nach meinem Besuch bei M. in Frankreich –, beschloss ich, Lars’ Zimmer zu meinem zu machen. Das bisherige Wohn- und Schlafzimmer meiner Zweieinhalbzimmerwohnung würde so zum Wohn- und Arbeitszimmer werden. Das Ganze war wie eine Mutprobe, denn ich musste alle Spielsachen und Kleider von Lars, die noch immer so, wie er sie verlassen hatte, im Zimmer herumlagen, in die Hand nehmen. Ich musste auch alle seine zuletzt benutzten Kleider waschen und sie verpacken.

Ich verstaute die Spielsachen in Kisten. Schrieb Lars’ Name oben drauf. Trug alles in den Keller. Füllte das nun leere Zimmer mit meinem Leben.

Ein Sakrileg? Ein Gebot der Stunde? Ich stürzte mich mitten in den Schmerz, wurde eins mit ihm und eins mit diesem unserem Raum. Sein Zimmer. Mein Zimmer. Wir waren und sind untrennbar miteinander verbunden.

In jener Zeit stellte sich eine neue Wahrnehmung ein: Ich konnte Menschen lesen. Fuhr ich mit dem vollen Bus in die Stadt, ertrug ich den Lärm kaum, den alle Gefühle und Gedanken der Mitfahrenden in mir produzierten. Es war mir im öffentlichen Raum zu laut geworden. Überall da, wo ich mit vielen anderen Menschen zusammen war. Doch es gelang mir nicht, mich diesem Lärm zu entziehen. Weder die äußeren noch die inneren Ohren konnte ich verschließen.

Kaum betrachtete ich einen Menschen, spürte ich, las ich, wie es ihm ging. Sowohl bei Bekannten lief das so als auch bei wildfremden. Obwohl ich natürlich bei Unbekannten nicht überprüfen konnte, ob meine Wahrnehmungen mit der realen Befindlichkeit dieser Menschen übereinstimmten. Bei Bekannten hingegen tat ich das schon immer mal wieder, doch es war unglaublich anstrengend. Und ich wollte das auch gar nicht. Ich wollte doch gar nicht so viel fühlen. Ich fühlte ja selbst schon genug. Alles überforderte mich. Ich konnte es aber nicht ändern und zog mich mehr und mehr zurück. Den öffentlichen Verkehr fing ich an zu meiden und bewegte mich fortan zu Fuß, per Fahrrad und mit dem Auto vorwärts.

Erstaunlich daran war, dass ich zwar das Leid mir unbekannter Menschen im Bus mitfühlte und geradezu mitlitt, doch die Freude jener, die fröhlich waren, erreichte mich nicht. Weil diese Wahrnehmungen nicht mehr aufhörten, auch nach den ersten Wochen nicht, mied ich nach und nach alle große Menschenansammlungen, besonders große Einkaufsläden. Ich reduzierte viele meiner Handlungen auf ein halbwegs erträgliches Mindestmaß und begann meine Wohnung immer mehr als Höhle, als mein Schneckenhaus, wahrzunehmen. Die Wohnung und der Wald wurden zu meinen Schutzräumen. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, dass es je wieder anders sein könnte.

Überleben tat ich in diesen ersten Monaten vor allem aus dem Grund, weil ich dachte, es Lars schuldig zu sein. Ich hatte schließlich das Drama überlebt, also musste ich doch nun irgendwie weiterleben. Die Alternative – Suizid – war denkbar und auch der Gedanke, abends für immer einschlafen zu dürfen, war oft da. Lebensüberdruss. Sterbesehnsucht. Nicht-mehr-Leiden-Sehnsucht. Tröstliche Gedanken. Weniger aktiv als passiv dachte ich damals über mögliche Wege des Sterbens nach. Falls ich mich eines Tages entscheiden sollte, selbst zu sterben, dann so würdig wie möglich, schwor ich mir damals. Suizid hatte ich nie grundsätzlich verurteilt. Nur den erweiterten Suizid, ja, den verurteilte ich zutiefst. So wie ich jegliche Form von Übergriffen auf die Leben anderer verurteile.

Ein klein bisschen wollte ich auch um meinetwillen leben, weiterleben – zwar noch ohne Plan und Perspektive –, denn da waren so viele liebe Menschen, die mein Leid mittrugen und die mir Halt gaben. Und die mich liebhatten.

Dank der Opferhilfe Bern und dank einer Anwältin, die sich um meine Rechte und Pflichten kümmerte, ließen sich viele Dinge ein klein bisschen leichter ertragen. So stellte mir die Opferhilfe die Mittel für eine Traumatherapie zur Verfügung und meine persönliche Opferhilfe-Beraterin vermittelte mir schließlich den Kontakt zu Nadja, die neun Monate vor mir ebenfalls ihren Sohn und ihren Mann an den Folgen eines erweiterten Suizids verloren hatte.

Wir verabredeten uns und besuchten gemeinsam die Gräber unserer Söhne. So entstand eine wichtige Schicksalsfreundschaft, die mir vieles in einem neuen Licht erscheinen ließ. Dank ihr kam ich erstmals auf die Idee, mit Hilfe eines Mediums mit Lars Kontakt aufzunehmen.

(Fortsetzung folgt)

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

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