Weiterleben ohne Lars – Teil 4

Schon seit Wochen war schönstes, heißestes Sommerwetter gewesen, doch am Tag der Abschiedsfeier, es war ein Mittwoch, hatte es nachts und am Morgen leicht geregnet. Und es war ein bisschen kühler geworden. Wir versammelten uns vor der Kapelle und obwohl ich mit meinen nächsten Menschen extra ein wenig früher dort angekommen war, standen bereits einige Freundinnen und Freunde da und erwarteten uns. Ich wurde von Arm zu Arm weitergereicht. Umarmung folgte auf Umarmung. So viel Trost, so viele Tränen. Wenig Worte, viel Gehaltensein.

Gemeinsam gingen wir ans Grab. Freund M. und mein Bruder P. trugen den Sarg die Treppe hinauf und legten ihn sorgfältig ins dunkle Loch. Hier wäre ich beinahe das erste Mal zusammengebrochen. Mir war schwindlig, schwarz vor den Augen. Die Endgültigkeit dieses Aktes raubte mir den Atem. Meine Freundinnen L. und C. hielten mich fest. Mit ihnen beiden an meiner Seite ging es.

Manche legten Blumen, manche Tannenzapfen auf den Sarg, manche standen einfach da und waren bewegt. Eine Freundin ließ Seifenblasen ins Grab hinab schweben. Was für eine herrliche Idee! Wunderbar schillernd tanzten die Blasen, bevor sie zerplatzten. Ich stellte mir vor, wie Lars kicherte.

In der Kapelle begrüßte B., meine Hebamme, die zahlreich erschienenen Freundinnen, Freunde und Verwandten. Eine Bekannte meiner Verwandten begleitete die Feier auf der Violine. Immer wieder setzte sie Punkte und Doppelpunkte, schloss ab, öffnete neue Türen.

Dazwischen betraten meine Gäste die Kanzel und erzählten von Erlebnissen mit Lars oder lasen Texte vor, die sie als Trost für mich und uns alle ausgewählt hatten. Ich erinnere mich an Texte von Gibran, Saint-Exupéry, Domin und anderen.

Das alles waren wunderbare, liebevolle Geschenke, die sich in meinem Herz wie Samen einnisteten. Das Gegenteil all dessen, was ich in den letzten Jahren an Ablehnung und Kritik erlebt hatte. Und obwohl es hier unpassend klingen muss, wurde mir leicht ums Herz.

Meine Freundin B. und mein Bruder P. haben diese Feier zu einem unglaublich feinen Gespinst aus Liebe und Geborgenheit gemacht – zusammen mit all denen, die dabei waren. Verrückt, wer alles gekommen war: Da waren Freundinnen aus meinem christlichen Leben von weither angereist, Freunde und Freundinnen aus meinen Zeiten in Frankreich und Zürich, daneben meinen eher bürgerlichen Verwandten. Und doch passte alles. Alles eins. Eins in der gemeinsamen Trauer. Eins aber auch in der Liebe zum Leben.

Nach dem letzten Musikstück wanderten wir nochmals gemeinsam zum Grab. Es war nun mit Erde gedeckt und wir schmückten es gemeinsam. Zum Glück war Lars’ Grab das erste eines neuen Grabfeldes, so konnten wir alle in mehreren Kreisen ums Grab stehen. Wer etwas beitragen wollte, trat zum Grab und legte es hin. Ein spontanes Abschiedsritual.

Auf einmal riss der wolkige Himmel auf. Ein Sonnenstrahl durchdrang die Wolkenwand. Viele Köpfe drehten sich gemeinsam zum Himmel und Freund H. sagte: Seht, ein Sonnenbrunnen!

Ja, Lars’ Sonnenbrunnen hatte uns gefunden.

Eine Freundin stimmte das Lied The river is flowing an und alle, die es kannten, sangen mit. Ich hatte mich längst hinknien müssen, denn mein Kreislauf war im Keller. Immer mehr Leute hatten sich inzwischen ebenfalls hingekniet.

Zum Abschluss spielte die Violinistin erneut Dona nobis pacem, wie schon vorher in der Kapelle sowie ganz am Anfang am offenen Grab. Wer oder was immer es ist, der, die oder das Frieden geben kann, in diesem Moment wurde er uns gegeben, dieser Frieden.

(Fortsetzung folgt)

Teil 1: → Hier klicken (Tag 1)
Teil 2: → Hier klicken (Tag 2.1)
Teil 3: → Hier klicken (Tag 2.2)
Teil 4: → Hier klicken (Tag 3.1)
Teil 5: → Hier klicken (Tag 3.2)
Teil 6: → Hier klicken (Weiterleben #1)
Teil 7: → Hier klicken (Weiterleben #2)
Teil 8: → Hier klicken (Weiterleben #3)

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Weiterleben ohne Lars – Teil 3

Am einen der ersten Nachmittage nach dem Unglück, als meine Freundin C. in meiner Küche von den Fahndern vernommen worden war, hatte ich mich kurz auf Lars’ Bett gelegt, um zur Ruhe zu kommen. Lars’ Zimmer war ein wunderbarer Raum. Ich lag da, das Fenster war offen. Draußen hörte ich Lars’ Kameradinnen und Kameraden spielen und lachen und ich lag einfach nur da.

Auf einmal sah ich wie in einem Film Lars’ Abschiedsfeier vor meinen inneren Augen. Ich sah den Ablauf, sah die Menschen, die in der Kapelle standen und den anderen etwas erzählten; etwas über das Leben, etwas über Lars.

Lars sollte im geschlossenen Sarg aufgebahrt werden, entschied ich. Seinen Anblick wollte ich niemandem zumuten, war ich mir ja selbst nicht sicher, ob ich ihn ein zweites Mal ertragen hätte. Und das nicht nur wegen all seiner Verletzungen. Nach der Aufbahrung, vor der Feier in der Kapelle, würden wir alle gemeinsam mit dem Sarg zum Grab gehen, den Sarg ins Grab begleiten, allenfalls etwas ins Grab zu legen.

Nach der Feier in der Kapelle würden wir alle nochmals ans inzwischen gedeckte Grab gehen. Der letzte Abschied mit der Möglichkeit, etwas auf dem Grab zu hinterlassen. Später würden wir im Wald das Weiterleben mit einem kleinen Imbiss willkommen heißen.

Mein innerer Film war sehr klar und schon kurze Zeit später erzählte ich dem Bestatter, den wir aus dem Telefonbuch gefischt hatten, von meinen Plänen für die Feier. Die Kapelle des ausgewählten Friedhofs buchten wir gleich doppelt so lange wie üblich. Eine sehr weise Entscheidung, wie sich später herausstellen würde.

(Fortsetzung folgt)

Teil 1: → Hier klicken (Tag 1)
Teil 2: → Hier klicken (Tag 2.1)
Teil 3: → Hier klicken (Tag 2.2)
Teil 4: → Hier klicken (Tag 3.1)
Teil 5: → Hier klicken (Tag 3.2)
Teil 6: → Hier klicken (Weiterleben #1)
Teil 7: → Hier klicken (Weiterleben #2)

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Weiterleben ohne Lars – Teil 2

Noch heute staune ich zuweilen über meine Reaktion in den ersten Tagen nach Lars’ Tod. Wie ruhig ich geblieben bin. Wie intensiv ich alles beobachtet, wahrgenommen und erlebt habe. Im tiefen Schmerz zwar, und zeitweilig starr und atemlos, dennoch sehr bewusst. Klar irgendwie. Ich lebte auf Autopilot und bezog meine Energie von einem Notstromaggregat, dessen Vorhandensein mir nicht bewusst gewesen war, bis ich es gebraucht hatte. Ich wusste von Anfang an, dass es irgendwann nicht mehr funktionieren würde, wenn es nicht wieder mit neuer Energie befüllt würde. Noch aber ging es. Ich hielt durch. Ich hielt mich aufrecht. Und ja, ich trauerte exzessiv. So intensiv und so bewusst, dass ich es noch heute, viele Jahre später, fast körperlich spüren kann, wenn ich mich auf die Erinnerungen an diese Zeit einlasse.

Die erste Woche nach Lars’ Tod verging mit den Vorbereitungen für die Beerdigung, mit dem Leeren des Briefkastens, der täglich übervoll mit Briefen und Karten voller Anteilnahmen waren – oft von fremden Menschen sogar –, mit Telefongesprächen und den Besuchen von Freunden und Freundinnen.

Der Verdacht, dass Antonio am Freitag vor der Explosion in einem örtlichen Fachhandel drei große Campinggasflaschen gekauft und sich ins Haus hatte bringen lassen, hatte sich schließlich bestätigt. Offenbar muss er den ganzen Tag über das Gas langsam ausströmen haben lassen. In der Absicht daran zu sterben. Zusammen mit Lars. Weil Campinggas nicht tödlich aber hochexplosiv ist, kam alles anders als er es gewollt hatte. Was immer er wirklich gewollt hatte. Ein ganz und gar anderes Leben vermutlich.

Ich auch. Inzwischen war ich unfreiwillig eine Art gläserner Mensch geworden. In den Zeitungen wurde über unsere Trennung berichtet, es wurde gemutmaßt und spekuliert und ich las das alles, ohne mich darin wirklich wiederzuerkennen. Niemand wusste wirklich, wie es gewesen war. Was wirklich geschehen war.

Mehr interessierte mich, wie ich das alles ertragen sollte. Und wie konnte wir eine Abschiedsfeier gestalten, die wirklich diesen Namen verdient hatte?

(Fortsetzung folgt)

Teil 1: → Hier klicken (Tag 1)
Teil 2: → Hier klicken (Tag 2.1)
Teil 3: → Hier klicken (Tag 2.2)
Teil 4: → Hier klicken (Tag 3.1)
Teil 5: → Hier klicken (Tag 3.2)
Teil 6: → Hier klicken (Weiterleben #1)

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Weiterleben ohne Lars – Teil 1

Mit jedem neuen Tag wird mir Lars’ Tod ein wenig wirklicher, dafür lässt der Schockschutzpanzer nach und der Schmerz ist oft unerträglich. Ich weine viel. Ich weine, wenn ich alleine bin und ich weine mit andern. Ich lasse meine Tränen zu und will im Grunde nur eins: Feststellen, dass das alles nicht wahr ist. Ich will Lars spüren, ich will mit ihm lachen. Ich will am Morgen erwachen und erkennen, dass es nur ein böser Traum war. Alles ist so verdammt verkehrt und so unglaublich anders. So verkehrt, dass ich keine Ahnung habe, wie ich das alles schaffen soll. Ich will, dass alles wieder normal ist. Und ich will auch nicht mehr von allen mit Samthandschuhen angefasst werden. Dennoch ist es ohne Frage das wirklich einzige Wohltuende, jetzt, in diesen Tagen, umsorgt zu werden, gehalten, getragen. Ich weiß mich geborgen in der freundschaftlichen Liebe meiner Freundinnen, Freunde und Verwandten.

Am Mittwoch erfahre ich aus der Zeitung, dass Antonio die drei großen Gasflaschen am Tag vor dem Knall gekauft habe. Er habe sie sich ins Haus liefern und den ganzen Samstag Gas in der Wohnung ausströmen lassen. Die Vermutung drängt sich auf, dass er sich und Lars vergasen wollte. Sanft einschlafen? Oder vielleicht doch lieber gefunden werden?

Vollkommene Gewissheit werden wir nie haben, doch ich bin sicher, dass Antonio nicht mit diesem Ausgang, dass er nicht mit der Explosion gerechnet hat. Immer wieder stelle ich mir vor, dass er bis zuletzt gehofft hat, gerettet zu werden. […]

Tage später, bei den Aufräumarbeiten, tauchen die Meerschweinchen der Nachbarskinder auf – höchst lebendig, was in diesem ganzen Chaos einem kleinen Wunder gleichkommt. […]

All die vielen Kleinigkeiten, die aus den Trümmern geborgen werden und die wir ehemaligen Nachbarinnen und Nachbarn eines Tages im Berner Zeughaus abholen dürfen: sie gleichen kleinen Fenstern in eine andere Welt, in eine unwiederbringlich vergangene Zeit.

Was für ein Spießrutenlauf für mich! Bei dieser Gelegenheit begegne ich den Eltern jener jungen Frau, die ebenfalls bei der Explosion gestorben ist. Wegen meines kranken Ex-Mannes. Wie leid sie mir tun! Und das, obwohl ich langsam begreife, dass das, was passiert ist, nicht meine Schuld ist. [Es ist Antonios Tat, nicht meine. Das musste ich mir damals immer wieder und das muss ich mir zuweilen auch heute noch in Erinnerung rufen.] Wir reden kurz miteinander. Aber trösten kann ich sie nicht. Zu gut verstehe ich ihre Not.

(Fortsetzung folgt)

Teil 1: → Hier klicken (Tag 1)
Teil 2: → Hier klicken (Tag 2.1)
Teil 3: → Hier klicken (Tag 2.2)
Teil 4: → Hier klicken (Tag 3.1)
Teil 5: → Hier klicken (Tag 3.2)

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Der dritte Tag ohne Lars – Teil 2

Der Nachmittag in der Stadt ist schlimm. Eine heftige Panikattacke überfällt mich, als ich im Copyshop auf die Bedienung warten muss. Es ist so laut und so wirr hier. Ich ertrage die vielen Leute nicht. Schwägerin C. begleitet mich nach draußen, wo ich mich auf eine Bank setze. Alles dreht sich vor meinen Augen. Die Welt kommt mir schief vor, laut und bunt. Obwohl doch in ihr etwas so Schreckliches passiert ist. Obwohl doch Lars nicht mehr da ist. Sie dreht sich einfach weiter, diese Welt, und ich sitze da und versuche, Luft zu bekommen und ruhig zu atmen. Schwägerin C. kauft derweil das ausgewählte Papier und die Umschläge und bringt das Bild von Lars zum Fotografen. Als wir in die Apotheke gehen, geht es mir wieder besser. Meine Ärztin hat mir ein sedierendes Psychopharmakon verschrieben und mir jede hilfreiche notwendige Unterstützung zugesagt.

Mit meinem Bruder P., meiner Schwägerin C. und Freund M., einem ehemaligen Wohngenossen, der inzwischen eingetroffen ist, fahren wir anschließend in den nahen Wald. Nach der Abdankung, die, wie wir inzwischen in Absprache mit dem Bestatter entschieden haben, auf dem nahen Friedhof S. in B. stattfinden wird, wollen wir einen kleinen Imbiss im Wald abhalten. Ein optimaler Platz ist schnell gefunden, denn hier kenne ich mich aus. Noch vor wenigen Tagen bin ich hier mit Lars vorbeispaziert. Und nun ist er tot. Und ich lebe. Ich lebe einfach weiter. Wir alle. Es ist nicht fair, dass Kinder sterben; es ist verdammt noch mal unfair, dieses Leben.

Aber dir, Lars, dir geht es gut. Ich spüre es. Ich weiß es. Ich vermisse dich dennoch. So sehr.

Mein Bruder P. sagt, dass meine Geschwister und eine Freundin von ihnen, die in der Gastronomie arbeitet, die Organisation des Imbisses nach der Abdankung übernehmen wollen. Ich bin dafür so dankbar. Ich erschrecke auf einmal über die Erkenntnis, wie froh ich darüber bin, dass meine Eltern das alles nicht mehr miterleben mussten. Wie hätten sie das gehandhabt? Meine Mutter? Hätte sie gesagt: Ich habe es dir ja gesagt?! (Anwendbar auf jede Kreuzung im Leben, die man rechts, links oder geradeaus fahren kann.)

Mit Freund M. zusammen, der heute bei uns auf dem Futon übernachtet, verpacke ich am Abend die Todesanzeigen, die ich auf das gelbe Papier ausgedruckt habe. Links ein Bild von Lars, darunter einige Zeilen aus dem kleinen Prinzen von Saint-Exupéry, die ich besonders tröstlich finde. Rechts einige Zeilen über Lars und darunter die Daten der Abschiedsfeier. Untypisch für eine Todesanzeige, aber typisch für mich. Und so wie es zu Lars und mir passt.

(Fortsetzung folgt)

Teil 1: → Hier klicken (Tag 1)
Teil 2: → Hier klicken (Tag 2.1)
Teil 3: → Hier klicken (Tag 2.2)
Teil 4: → Hier klicken (Tag 3.1)

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Der dritte Tag ohne Lars – Teil 1

Freundin C. hat mir für heute, Dienstagnachmittag, einen Notfalltermin bei meiner Hausärztin, die auch ihre Ärztin ist, organisiert. Heute wird mir meine Schwägerin C. tagsüber beistehen, da Freundin C. in ihrem Büro unentbehrlich ist. Meine Schwägerin C. und ich wollen nach dem Besuch bei der Ärztin zu einem Fotografen gehen, um für die Abschiedsfeier eine Vergrößerung eines Bildes von Lars abziehen zu lassen. Auch brauchen wir Papier für die Todesanzeigen. Das alles gibt es am Hauptbahnhof. Für den Vormittag steht allerdings ein erneuter Besuch bei der Polizei auf dem Programm, da wir am Vortag mit meinen Aussagen nicht fertig geworden sind. Nach der Identifikation von Lars in der Rechtsmedizin war ich zu erschöpft gewesen, um damit weiterzumachen. Dieser Dienstag würde ein voller Tag werden.

Erneut erwache ich, ohne mich vorerst an die Ereignisse der letzten Tage zu erinnern. Erst allmählich taucht alles wieder auf, es drückt mich von innen und ich bekomme kaum Luft. Nur langsam tauche ich an die Oberfläche, wo es nicht mehr ganz so weh tut und wo einzig das äußere Funktionieren zählt. Ich koche Tee und Kaffee. Gehe duschen. Ziehe mich an.

Im Briefkasten liegt die neue Ausgabe der Tageszeitung, die ich zur Probe abonniert habe. Im Briefkasten liegen auch, wie gestern schon, weitere Beileidskarten. Bereits im Treppenhaus springen mich die Schlagzeilen auf der Zeitung an. Selbst in meiner seriösen Zeitung stehen Dinge über mich, die ich nicht in meiner Tageszeitung lesen will. Obwohl es die sogenannten Fakten sind. »Familiendrama führte zu einem Akt erweiterten Suizids« steht da. Jedenfalls so ähnlich. Und so ähnlich steht es heute auch in allen anderen Schweizer Tageszeitungen. (Einzig das Boulevardblatt mit dem roten Namen nennt mich beim Namen. Meinen vollständigen Vornamen und den ersten Buchstaben meines Nachnamens. Außerdem berichtet es davon, wie ich vor Ort neben den Trümmern zusammengebrochen sei. Was so natürlich nicht stimmt. Diesen Zeitungsbericht sehe ich zum Glück erst später irgendwann.)

Nach den Schlagzeilen auf der Titelseite schaffe ich es nun kaum, die Treppe in den dritten Stock hochzusteigen. Mir ist schwarz vor Augen. Schwindlig. Kaum in der Wohnung lasse ich mich an die Wand gelehnt im Flur auf den Boden fallen, nicht mal ins Wohnzimmer schaffe ich es. Mein Blutdruck ist im Keller. Ich kann kaum atmen.

Nun wissen es alle!, fühle ich und denke ich. Nun wissen es alle, dass ich in meiner Ehe versagt habe. Dass ich meinen Mann verlassen habe. Aber, und das denke ich ebenfalls, aber das ist doch einfach nicht fair! Ich bin doch nicht die einzige Schuldige. Aber alle werden nun glauben, dass das alles nur deshalb passiert ist, weil ich böse Egoistin meinen armen, kranken Mann verlassen habe. Und dazu habe ich überlebt, statt hinzufahren und sie zu retten. Oder zumindest mit Antonio und Lars zu sterben.

Freundin C. hilft mir wieder auf die Beine und begleitet mich zum Bett. Ich lege mich nochmals kurz hin. Bald klingelt das Telefon. Bestimmt die Polizei! Oh, wir müssen los! Aber ich kann doch jetzt nicht …

Die beiden Polizisten sind in weiser Voraussicht, da sie ebenfalls Zeitung gelesen haben, direkt zu uns gekommen, statt mir die Fahrt zu ihnen zuzumuten. Darüber bin ich sehr froh. Auch dass Freundin B. noch immer da ist. Sie und Freundin C. beantworten dem einen Polizisten in der Küche dessen Fragen, während ich mit dem andern Polizisten in meinem Wohn- und Schlafzimmer sitze, ihm mehr aus meinem Leben mit Antonio erzähle und seine noch offenen Fragen beantworte. Auf einmal hält der Polizist inne und schaut mich mit diesem Blick an, den ich inzwischen schon oft bei ihm gesehen habe. Respekt?

Was mich erstaunt, Frau M., ist ja, dass Ihre Aussagen die objektivsten sind, die wir inzwischen bekommen haben. Niemand sonst hat so fair über Antonio gesprochen wie Sie. Und inzwischen sind schon ziemlich viele Aussagen zusammengekommen, glauben Sie mir. Dass Sie bei all diesem Schrecklichen trotzdem so nahe an den Fakten über ihren Mann reden können! Ich gestehe, dass Sie meinen ganzen Respekt dafür haben. Nun gut, machen wir weiter …

Die Aussageprotokolle drucken wir, damit ich alles gleich unterschreiben kann und nicht nochmals auf die Wache muss, gleich auf meinem Drucker aus. Wieder rauchen wir auf dem Balkon unsere rituelle Zigarette und zum Abschied verkaufe ich dem einen Polizisten, der auch Kinder hat, Lars’ letzte angebrochene Windelpackung. Er darf sie leider nicht als Geschenk annehmen und ich möchte eigentlich auch kein Geld annehmen, aber nun denn …

Erst an Lars’ Beerdigung sehe ich die beiden wieder und ein halbes Jahr später, zu Weihnachten, erhalte ich von den beiden eine sehr persönliche handgeschriebene Weihnachtskarte mit ihren allerbesten Wünschen.

(Fortsetzung folgt)

Teil 1: → Hier klicken
Teil 2: → Hier klicken
Teil 3: → Hier klicken

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Der zweite Tag ohne Lars – Teil 2

Anschließend fahren wir alle, eskortiert von den beiden Fahndern, ins Rechtsmedizinische Institut, wo ich Lars ein allerletztes Mal sehen werde. Nur mein Bruder, Freundin L. und ich gehen schlussendlich in den Raum. Die Fahnder, meine Schwägerin und Freundin C. bleiben draußen. Ich will und ich muss. Könnte ich heute, viele Jahre später, die Zeit zurückdrehen, würde ich anschließend an die Obduktion meinen Sohn mit nach Hause nehmen, im Sarg, und ihn berühren. Dazu bin ich damals jedoch nicht in der Lage. Nicht einmal, als mir K. N., jener sehr kompetente und herzliche Bestatter, den wir zufällig aus dem Telefonbuch gepickt haben, genau das vorschlägt.

Nur P., L. und ich betreten also den Raum, der so ganz anders ist als die kalten Aufbewahrungshallen, wie man sie aus Krimis kennt. Lars: hinter Glas, aufgebahrt und in Tücher gewickelt. An Farben erinnere ich mich nicht mehr. Aber hell war alles. Hell und liebevoll. Ich meine mich zu erinnern, dass der Raum etwas Sakrales ausstrahlte, Ein kleiner, abgedunkelter Raum mit indirektem Licht. Kerzen womöglich? Eine Art Terrarium also, in das wir blicken. Ein Stilleben; nature morte, die französische Übersetzung, trifft es besser, tote Natur. Unwirklich alles. Ich stehe neben mir. Lars’ Augen sind geschlossen, seine Wangen rot und zerkratzt, ansonsten sieht er beinahe unbeschadet aus. Liegt ruhig da, eine Blume auf seiner Brust; oder spielt mir meine Erinnerung einen Streich? P. und L. halten mich fest, ganz großer Bruder und liebe Freundin. Noch nie habe ich Menschen so sehr gebraucht wie in diesem Moment.

Es ist nur seine Hülle, sagt P.. Immer wieder sagt er es. Das ist nur seine irdische Hülle. Meine Knie werden weich. Können mich kaum aufrecht halten.

Ich sehe Lars. Alles was ich noch kann. Sehen. Ansonsten bin ich ganz und gar leer. Kann nicht denken. Kann nicht fühlen. Da ist nur Leere. Und dieser Schwindel. Es ist nur seine Hülle, sagt P. wieder. Eine Stimme aus dem Off fragt, ob das mein Sohn sei.

Ich fühle und sage: Das ist doch nicht mein Sohn! Denn nein, er ist es nicht, er ist es nicht mehr; nicht dieser Lars, den ich liebe. Den ich kannte. Den ich geboren habe.

Die Stimme fragt nun, ob ich sicher sei, dass das nicht mein Sohn sei. Fast ein wenig böse sage ich: Doch, natürlich ist er es. Er versteht ja doch nicht. Sinnlos also, ihn mit Rätseln, die niemand lösen kann, zu verwirren. Er kann ja nichts dafür, der Arzt, aber mir ist nicht nach Floskeln.

Auf einmal überflute ich. Da ist nur noch Hass. Wir gehen in den Flur zurück, wo C. und meine Schwägerin mit den beiden Fahndern warten. Ich stürze mich ans Fenster, bekomme kaum mehr Luft, reiße das Fenster auf, schreie: Ich hasse dich, ich hasse dich, hörst du, ich hasse dich … Ich bin so außer mir wie noch nie. Ich weiß, ich werde explodieren, wenn ich diesen Hass jetzt nicht herausschreien kann.

Und auf einmal ist es wieder vorbei. Mein innerer Vulkan ist eruptiert, die heiße Lava namens Hass hat sich ergossen und in mir ist wieder nur noch Leere. Ich will nichts mehr. Hoffe nichts mehr. Fühle nichts mehr. Bin taub.

Freundin L., Bruder P. und seine Frau C. fahren nach Hause, Freundin C. kommt wieder mit zu mir, in unsere temporäre WG. Später kommen Ca. und B. Ca. ist meine allererste Yogalehrerin gewesen, B. meine Hebamme und ebenfalls Yogini. Wir vier Frauen sitzen am Tisch. Irgendeine hat gekocht, glaube ich, und wir tauschen Erinnerungen an Lars aus. Eine war neulich auf dem Friedhof in Br., einem wunderschönen Platz. Wir beschließen spontan, mit meinem Auto dorthin zu fahren und ihn uns anzuschauen. Vielleicht könnten wir Lars ja dort beisetzen?

Der Ort ist wunderbar magisch, still, und strahlt viel Geborgenheit aus. Wir setzen uns in die Kirche und auf einmal singen wir Mantren. Später, zurück bei mir, texten wir die Todesanzeige. Ich habe schon am Nachmittag, mit L. zusammen, damit angefangen. Nun gestalte ich die Karte auf dem Laptop fertig und wir überlegen, welche Papierfarbe dazu passen könnte. Hellgelb, blaßgelb, entscheiden wir.

Diese Nacht schlafen wir zu dritt in meiner kleinen Wohnung. Das neue Futonsofa kommt das erste Mal zum Einsatz. B. weiht es ein. Ich nehme wieder eine Schlaftablette.

Teil 1: → Hier klicken
Teil 2: → Hier klicken

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Der zweite Tag ohne Lars – Teil 1

Der nächste Morgen findet mich verkatert. Das Schlafmittel hat mich regelrecht ausgeknockt. Ich habe so tief geschlafen, dass ich eine ganze Weile brauche, bis mir alles wieder einfällt. Ich koche Kaffee für meine Freundin und Tee für mich und ziehe viel Kraft aus diesen banalen Handlungen. Auch das Duschen tut gut. Obwohl ich im Grunde überhaupt nichts gut finde. Nicht jedenfalls, was passiert ist. Nichts davon kann ich wirklich verstehen, noch immer weiß ich nicht, was die Explosion verursacht hat, noch wie Antonio damit zusammenhängt. Und dennoch ist in allem Unbegreiflichen drin etwas, was im Grunde noch viel unbegreiflicher ist. Worte wie Frieden, Ruhe oder Trost für das, was mich erfüllt, klingen banal. Treffen nicht den Kern.

Doch sie ist da, diese neue Ruhe. Hat dem ständigen Lärm, diesen allgegenwärtigen inneren, emotional aufwühlenden Wörterlärm, dieses Kopfkino in mir, abgelöst. Es ist ja nicht so, dass ich Stimmen gehört habe, das nicht, doch bin ich kaum mehr in der Lage gewesen, in ganzen Sätzen, zusammenhängend, zu denken. Wie lange das schon gedauert hat, vermag ich hinterher nicht mehr zu sagen. Schreibend denken habe ich immer gekonnt, doch konzentriert und ruhig zu denken, habe ich nach und nach verlernt. Am Samstagabend, es muss um die Zeit herum gewesen sein, als Antonio starb, ging ein Plopp durch meine Innenräume und löste den Wörtersalat, den Wörterlärm, auf. Und nun: Einfach Ruhe. Neben aller Sorge, Ungewissheit, Tausenden von Fragen und all der vielen sinnlosen Erklärungsversuche. In mir drin war diese neue Ruhe. Wieder nur noch ich mit meinen eigenen Gedanken. Mit meiner eigenen Art zu denken. Ich habe Antonios Kraftfeld endlich verlassen.

Später kommen mein Lieblingsbruder und seine Frau. Auch Freundin L. kommt wieder, und wir treffen Entscheidungen. Was zu tun ist. Die Bestattung. Wo. Was. Wer. Die Karten. Wer übernimmt was? Ein familiäres Miteinander. Solidarität, die mehr ist als ein Wort.

Am Nachmittag fahren wir zum Polizeiposten, wo ich weitere Aussagen machen soll. Über Antonio, wie er war, was er tat, was er sagte. Auch alle seine nahen Freunde, Verwandten und Bekannten würden vernommen, sagen meine zwei Polizisten. Sinn und Zweck sei es zu ermitteln, was hinter der Tat stecke. Was er getan habe. Ob er zurechnungsfähig gewesen sei. Und natürlich: War Antonio wirklich der Täter gewesen und wie? Womit? Was hat es mit den leeren Campinggas-Flaschen auf sich, die man in den Trümmern gefunden hat?

(Fortsetzung folgt)

Teil 1: → Hier klicken

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Der erste Tag ohne Lars

Ständig klingelt das Telefon. JournalistInnen wollen mich interviewen. Meine Freundin C. wimmelt alle ab. Weitere Freundinnen und Freunde kommen spontan vorbei und trauern mit uns. Der Tag vergeht in einer Art Rausch. Trauerrausch. Ich weine so viel, dass mein Kopf schmerzt. Auch weil ich so müde bin. Mir ist schwindlig. Irgendjemand kocht etwas. Vermute ich. Niemand kann sich erklären, wie das alles passieren konnte. Was auch immer überhaupt passiert ist.

Irgendwann ruft der oberste Chef der Polizei an, bittet mich persönlich an den Apparat und spricht mir persönlich sein Beileid aus. Die Obduktion sei für morgen, Montagvormittag, angesetzt; ob ich am Nachmittag meinen Sohn identifizieren wolle; ob ich das persönlich machen wolle oder jemanden schicken. Ich sage, dass ich ihn auf jeden Fall sehen will. Sehen muss. Nein, A., Lars’ Vater, will ich nicht sehen. Niemand will das. Nicht mal die Eltern, wie ich höre. Er sehe schrecklich aus. Ich will mit ihm und seiner Familie nichts mehr zu tun haben. Nie mehr. Auch nichts mit A.s Beerdigung. Nichts. Nie mehr.

Ich bin Wut. Ich bin Tränen. Ich könnte alles kaputtschlagen, doch da ist so viel Liebe. Ich werde umarmt, gehalten, darf lachen, wenn ich an Lars’ schlaue Sätze denken muss, darf weinen, flennen, seufzen. Darf trauern, wie es gerade kommt. L. übergibt mir ihr Geburtstagsgeschenk für Lars, den allerherzigsten kleinen Bären, den ich je gesehen habe, und der noch heute oft in meinem Bett schlafen darf und mir das Herz wärmt.

C. geht zwischendurch kurz nach Hause, holt Wechselkleider, meldet sich bei ihrer Arbeitsstelle für die ganze Woche ab und kommt wieder. Im Gepäck saubere Kleider, neue Zigaretten und ein rezeptfreies Schlafmittel.

Irgendwann sind wir wieder allein, wir zwei. Ich bin so müde. Ich will einfach nur schlafen und vergessen. C. ist einfach da. Sie ist ein Netz, das mich trägt.

Ich bin ihr ewig dankbar, dass sie da war, als ich sie am allermeisten gebraucht habe.

(Fortsetzung folgt)

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Ohne-Kind-Eltern oder Wenn Einzelkinder sterben

Ich kenne kaum andere Mütter, andere Eltern, die, wie ich, ihr einziges Kind verloren haben. Kein Tod lässt sich mit einem andere Tod vergleichen. Kein Verlust lässt sich mit dem Verlust, den andere erleben und erlebt haben, vergleichen. Leid lässt sich nicht vergleichen. Stirbt jedoch das einzige Kind, zerbricht mit seinem Tod auch die vorherige Familienstruktur. Der Tod eines Einzelkindes verwandelt Eltern zurück in Paare und Einelternfamilien in alleinstehende Menschen.

+++

Zusätzlich zum Verlust meines Sohnes, zur Trauer um mein einziges Kind, habe ich damals auch um den Verlust meines Familiengefüges getrauert. Meinen Sohn zu begleiten war vom Moment an, wo ich erkannt hatte, dass ich schwanger war bis zu seinem Tod beglückend und dazu eine sehr nährende Lebensperspektive für mich gewesen, zumal ich leidenschaftlich gerne Mutter bin war bin.

Im Laufe meines Trauerprozesses habe ich die eine oder andere Trauergruppe besucht und dabei, auch virtuell, andere trauernde Eltern kennenlernen dürfen. Zwei Gruppen musste ich wieder verlassen, weil ich nach einer gewissen Zeit erlebte, wie die anderen Teilnehmenden zunehmend um ganz andere Themen kreisten als ich. Während ich noch intensiv um meinen einzigen Sohn trauerte, sprachen andere bereits wieder über Stillprobleme, durchwachte Nächte und die Vor- und Nachteile von diesen oder jenen Kinderautositzen. Natürlich trauerten sie noch immer, doch ihre Trauer war an eine andere Stelle gerückt. Für mich war das, ohne Frage, oft sehr problematisch, sehr schmerzhaft. Wie gerne wäre doch auch ich nochmals Mutter geworden. Dass es nicht geklappt hat, hatte vielerlei Gründe.

Ich verabschiede mich darum seit Jahren immer wieder ein Stück mehr von meinem Familienwunsch. Ganz abgeschlossen ist dieser Prozess aber noch nicht.

Wie es wohl anderen Einzelkindeltern ergangen ist und ergeht? Gerne können mir andere Mütter oder Väter, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, schreiben.

[Bitte über Kontakt oder Info-Mailadresse dieser Webseite.]

Interview mit Jana D.

Wie hast du dich in den ersten Tagen/Wochen/Monaten nach dem Tod deines Sohnes gefühlt?

Nach dem erweiterten Suizid, den mein getrennt lebender Mann sich und unserem dreijährigen Sohn Lars angetan hatte, lebte ich eine ganze Weile wie hinter Glas. Und als wäre ich selbst aus Glas. Die ersten Tage bis zur Beerdigung war ich ständig umgeben von lieben Freundinnen und Freunden und zum Teil auch von den nächsten Verwandten. Zum einen war ich unbeschreiblich traurig, fühlte mich verlassen und einsam, doch andererseits fühlte ich mich sehr aufgehoben und geborgen. Dass sich das nicht ausschließen muss, war eine Erkenntnis, die ich danach noch oft an mir beobachten konnte.

Da ich sowohl körperlich als auch psychisch sehr angeschlagen war, Kreislaufprobleme und Panikattacken hatte, war ich von Anfang in ärztlicher Behandlung. Das Beruhigungsmittel, das ich verschrieben bekommen hatte, setzte ich allerdings nach ein paar Tagen wieder ab, weil es mir das Träumen verunmöglichte. Doch gerade zu träumen war damals extrem wichtig für mich. In den Träumen konnte ich Lars begegnen, mit ihm Erlebtes erneut erleben und von ihm Abschied nehmen. Träumen bedeutet für mich in erster Linie verdauen und verarbeiten. Erstaunlicherweise konnte ich damals ziemlich gut schlafen, obwohl ich sonst keine sehr gute Schläferin bin. Wenn ich allerdings am Morgen oder in der Nacht erwachte, war der Schock lange Zeit sofort wieder da. Zuerst fühlte ich mich normal, doch dann fiel mir – buchstäblich schlagartig – alles sofort wieder ein. Ich habe sehr viel geweint damals, allein oder mit anderen, doch ich empfand das Weinen fast immer als tröstlich, als notwendig, als hilfreich.

Was hat dir geholfen, mit dem Verlust umzugehen?

Reden und Weinen haben mir sehr gut getan, doch vor allem war es das Schreiben. Das Schreiben über meine Erlebnisse, Erfahrungen, über den Schmerz, die Trauer, den Verlust. Fühlen und Schreiben, Schreiben und Fühlen – diese zwei Begriffe wurden nach und nach untrennbar für mich.

Was bedeutet das Schreiben für dich, in Bezug zu deiner Trauer?

Schon als ich mit Lars schwanger war, habe ich ihm Briefe geschrieben; ebenso in den ersten zwei Jahren seines Lebens. Irgendwann habe ich statt der Briefe wieder mehr Tagebuch zu schreiben angefangen, nicht zuletzt, weil sich die Beziehung zu Lars‘ Vater stetig verschlechtert hatte. Seine psychische Erkrankung wurde für uns beide immer mehr zu einer Sackgasse. Vor allem, weil er nicht einsah, dass er Hilfe gebraucht hätte. Nach dem gemeinsamen Tod der beiden habe ich wieder angefangen, Lars Briefe zu schreiben. Keine Briefe mehr diesmal, die einem Kind die Welt, in welcher er groß wurde, beschrieben, eher Briefe, in dem ich über meine Trauer und meinen Alltag schrieb. Das Schreiben ist im Laufe der Zeit so wichtig wie Atmen für mich geworden und ich habe mich später auch nebenberuflich in Richtung Schreiben weiterentwickelt.

Welche Reaktionen hast du nach dem Tod deines Sohnes von deiner Umwelt erfahren? Was hättest du dir von den Menschen in deiner Umgebung gewünscht?

Da der erweiterter Suizid, der zum Tod meines Sohnes und meines damals schon getrennt lebenden Mannes geführt hatte, große Wellen in der Öffentlichkeit geschlagen hatte, habe ich von Seiten der Umwelt sehr viel Mitgefühl, ehrliches Mitgefühl erfahren. Sogar mir fremde Menschen haben irgendwie meine Adresse herausgefunden und mir Briefe und Karten geschrieben. Zum einen hat mich das sehr berührt und auch viel Trost gespendet, doch zum anderen fühlte ich mich auch sehr nackt und unter Beobachtung. Ob meine Veranlagung, nicht auffallen zu wollen oder dieser vermeintliche Beobachtungsdruck dazu geführt hatten, weiß ich nicht, doch ich setzte mich selbst sehr unter Druck, möglichst bald wieder einigermaßen funktionsfähig zu sein.

Inwieweit beeinflusst der Glaube/Nichtglaube deine Sicht auf den Tod?

Ich verstehe das Leben als etwas Übergeordnetes, Großes, mit dem Tod untrennbar Zusammenhängendes. Zwar glaube ich nicht an die Bibel und den christlichen Gott, doch in meinem Weltbild ist das Bewusstsein, dass Leben und Tod Teil eines zusammengehörenden Ganzen sind, verankert. Auch hege ich die Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist. Dass es entweder eine Art Himmel oder Paradies gibt, in der wir die vor uns Verstorbenen wieder sehen werden oder aber dass die Seelen in einer anderen Person wieder auf die Erde kommen. Dogmatisch bin ich diesbezüglich nicht, aber ich traue meinen Erfahrungen, die ich diesbezüglich gemacht habe. Die Erlebnisse nach Lars‘ Tod, einige berührende Begegnungen mit ihm, waren sehr eindrücklich. Und selbst wenn ich sie mir nur eingebildet haben sollte, ist es für mich so, dass aus dem Gedanken, dass das Leben mit dem Tod nicht zu Ende ist, mehr Trost zu schöpfen ist als aus jenem, dass mit dem Tod alles aus ist. Zwar glaube ich nicht an eine Hölle, doch glaube ich, dass wir leben, um Erfahrungen zu sammeln und uns weiterzuentwickeln. Liebevoller zu werden.

Lars war einer der liebevollsten Menschen, den ich je kennenlernen durfte. Mir vorzustellen, dass er mehr geliebt hat als manche viel ältere Menschen, ist für mich sehr tröstlich. Er hat so viele Menschen mit seiner Liebe berührt, dass es vermutlich für ein Leben genug war. Solche Gedanken trösten mich noch heute, wenn ich ihn vermisse.

Wie hat sich deine Trauer mit der Zeit verändert?

Ich habe sie in meinen Alltag integriert und dieser ist, was er ist. Ich weiß nicht, wie ich geworden, mich weiterentwickelt hätte, wenn Lars noch leben würde. Anders auf jeden Fall. Irgendwie merke ich, dass ich mir ein Leben ohne die latente Trauer, die ich heute als ‚mein großes Vermissen‘ beschreiben würde, als Phantomschmerz vielleicht auch oder als Noch-immer-Leere, nicht vorstellen kann. Ja, ein Leben ohne den physisch anwesenden Lars kann ich mir inzwischen vorstellen. Weil ich es erlebe. Aber ein Leben ohne ihn gekannt zu haben und ohne ihn noch immer zu vermissen, nein, das geht noch nicht. Auch nach mehr als dreizehn Jahren nicht. Ob das gut oder schlecht ist? Diese Frage stelle ich mir nicht. Es ist, wie es ist.

Wie geht es dir heute damit? Welche Themen/Fragen/Ängste beschäftigen dich aktuell? Wie hat der Tod dein Leben verändert?

Ich lebe noch immer wie auf einem Grat, mal gibt es helle Phasen, mal leide ich am Leben. (Die Depression ist schon seit meiner Pubertät meine Begleiterin. Vielleicht kann ich irgendwann besser mit ihr leben.) Zwar habe ich, dank meiner Freundinnen und Freunde und dank meines neuen Lebenspartners, den ich nun schon seit über sieben Jahren als Wegbegleiter kennen und lieben darf, neue Wege gefunden, mich dem Leben zu öffnen. Doch es gab immer wieder sehr schwere Zeiten. Da ich keine andere Kinder habe, war mit dem Tod meines Sohnes von heute auf morgen alles anders. Ich habe keine Nachkommen und je älter ich werde, wird mir zum Beispiel bewusst, dass ich nie Großmutter sein werde. Ich habe keine Familie – etwas, das ich mir schon in jungen Jahren sehr gewünscht hatte. Diese Leerstelle ist noch immer eine Art Wunde, die je nach Tagesform mehr oder weniger weh tut. Angst macht mir auch meine Zukunft, weil ich aus gesundheitlichen Gründen ziemlich eingeschränkt in meiner Belastbarkeit bin. Dennoch habe ich in meinem Leben vieles, das mich froh macht: Liebe Menschen wie meinen Partner und die Beziehungen zu Freundinnen, Freunden und Verwandten, das Schreiben, das Sein in der Natur, Wanderungen …

Gibt es etwas, was du durch den Tod gelernt hast?

Der Tod lehrt mich, seit ich als Kind den ersten Goldhamster beerdigt habe, seine Botschaft. Die der Vorläufigkeit und Vergänglichkeit. Alles ist endlich. Alles ist abschiedlich. Alles ist provisorisch. Jeder Zustand wechselt irgendwann in einen nächsten. Der Tod – und ja, auch das Leben – lehrt mich loszulassen. Es klingt so einfach und tut doch immer wieder neu so weh. Ich weiß nicht, ob ich das Loslassen wirklich schon gelernt habe.