Meine erste Work

Ich hatte also festgestellt, dass ich nichts zu verlieren hatte. Rein gar nichts. Und ich hatte Zeit. Viel Zeit. Mich schreckte auch so schnell nichts mehr ab und schon gar nicht etwas, das sich «einfach» anhörte – denn Schwieriges hatte ich genug zu bewältigen und gegen ein Wunder hätte ich nichts einzuwenden gehabt.

Meine Gefühlslage war ebenfalls glasklar. Ich war schlicht und ergreifend traurig. Todtraurig. Und ich wusste nicht, ob ich jemals wieder nicht traurig sein würde und dies belastete mich unbeschreiblich. Denn wenn ich nie mehr ohne diese Traurigkeit, ohne dieses Mich-schuldig-Fühlen sein würde, dann würde ich nie mehr dieselbe sein wie vor dem Tod von Julian. Ich würde das Leben dann nie wieder geniessen können und mich nie wieder freuen können ob all dem Schönen, das da noch immer sein könnte in meinem Leben. Und das machte mir Angst. Also öffnete ich meinen Laptop und machte im November 2014 die erste Work meines Lebens.

Die vier Fragen mit meinem Ausgangssatz

«Ich werde nie mehr dieselbe sein wie vorher.»

1. Frage: Ist das wahr?
«Ja, das ist wahr.»

2. Frage: Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?
«Ja, das kann ich.»

3. Frage: Wie reagierst du, was passiert, wenn du diesen Gedanken glaubst?
«Es macht mich noch trauriger als ich schon bin. Es zieht mich runter. Ich fühle meine alte Kraft nicht mehr. Ich habe Angst, dass ich nicht mehr beziehungsfähig bin, dass meine Partnerschaft zerbricht. Ich kann mir nicht vorstellen, je wieder arbeiten zu gehen. Ich fühle mich unendlich schuldig meinem älteren Sohn gegenüber, weil ich nicht mehr dieselbe lebensfrohe Mama für ihn sein werde wie vorher.»

4. Frage: Wer wärst du ohne diesen Gedanken?
«Ohne diesen Gedanken? Also wenn ich diesen Gedanken einfach gar nicht denken könnte? Tja, dann … Also wenn 
ich diesen Gedanken nicht hätte, dann wäre ich entlasteter, dann wäre ich etwas unbeschwerter, dann würde ich mich freier fühlen und auch ein wenig mehr wieder in meiner Kraft. Ich würde daran glauben können, dass es mit der Zeit wieder anders wird, besser, dass ich dieselbe sein werde, trotz meiner schmerzvollen Erfahrung. Dieselbe von meiner Wesensart und von meinem Lebenswillen, meiner Lebensfreude her. Ja, diese Zuversicht hätte ich, würde ich diesen Gedanken gar nicht denken können.»

Während ich mir dies alles aufschrieb, geschah etwas Sonderbares. Das Gefühl folgte meinen eingetippten Gedanken auf dem Bildschirm. Ich konnte es geradezu körperlich spüren. Als ich bei der 3. Frage aufschrieb, was mit mir passiert, wenn ich diesen Gedanken glaube, bekam ich Magenschmerzen, wie so oft in dieser Zeit. Und als ich bei der 4. Frage alles aufschrieb, was mir in den Sinn kam, wenn dieser Gedanke einfach gar nicht in meinem Kopf existieren würde, da fühlte ich mich besser, irgendwie befreiter. Ich merkte, dass ich schneller schrieb, sich alles leichter anfühlte und ich vor lauter Aufregung an den Händen zu schwitzen begann.

Und obwohl ich mir damals noch nicht die Zeit genommen hatte, um mit den vier Fragen in die Stille zu gehen und mir auch nicht bewusst war, dass The Work im Grunde genommen eine Meditation ist, habe ich dennoch eine erste intensive Erfahrung mit der befreienden Wirkungsweise von The Work machen können.

Die drei Umkehrungen mit meinem Ausgangssatz: «Ich werde nie mehr dieselbe sein wie vorher.»

Nun ging es noch darum, zu jeder dieser drei Umkehrungen Beispiele zu suchen, die sich für mich genauso wahr anfühlen würden wie der ursprüngliche Ausgangssatz selbst.

Umkehrung ins Gegenteil

«Ich werde wieder dieselbe sein wie vorher.»

1. Beispiel: «Ich werde wieder dieselbe sein wie vorher, wenn die erste Trauerphase vorbei ist. Das sagt man doch so, Zeit heilt Wunden, oder nicht?»

2. Beispiel: «Ich werde wieder dieselbe sein wie vorher, wenn ich mir ganz fest Mühe gebe. Wenn ich es einfach ganz fest will. Ja, dann könnte es sein, dass ich es schaffen werde.»

3. Beispiel: «Ich werde wieder dieselbe sein wie vorher, wenn es mir gelingen würde, mich mit Hilfe von The Work von all meinen belastenden Gedanken zu befreien. Mich zu befreien von all den verzweifelten Gedanken, die sich um meine Schuld drehen und mich zu befreien von all den schmerzvollen Gedanken, die mich von morgens bis abends in Beschlag nehmen. Ja, wenn mir dies gelingen sollte, dann könnte es vielleicht sein, dass ich schon bald wieder dieselbe sein würde wie vorher und nicht erst nach einer langen, langen Trauerphase.»

Umkehrung zum anderen

«Ich werde zu den anderen nie wieder dieselbe sein wie vorher.»

1. Beispiel: «Ja, auch das könnte wahr sein und zwar dann, wenn ich mich vollkommen in mich selbst zurückziehen würde, mich von den anderen abschotten würde und niemanden mehr an mich herankommen lassen würde.»

2. Beispiel: «Oder, wenn ich eben nicht mehr beziehungsfähig wäre, wenn es mir nicht mehr möglich wäre, mich meinem Partner gegenüber zu öffnen.»

3. Beispiel: «Und ja, wenn ich in der Trauer ertrinken würde, dann wäre ich über Jahre hinweg nicht mehr dieselbe Mama, Partnerin, Freundin – ich würde zu den anderen nie mehr dieselbe liebevolle Beziehung haben können, weil ich innerlich mitgestorben wäre mit Julian.»

Umkehrung zu mir selbst

«Ich werde zu mir nie wieder dieselbe sein wie vorher.»

1. Beispiel: «Ja, das ist insofern sehr wahr, als dass ich zu mir nie wieder dieselbe sein würde, wenn ich mich in meinen Schuldgefühlen verlieren würde. Ich würde dann mit einem aggressiven Unterton mir selbst gegenüber leben müssen, weil ich es mir nie verzeihen könnte, dass ich nicht gut genug zu meinem Sohn geschaut habe. Ja, ich wäre dann tatsächlich nie mehr dieselbe zu mir wie vorher.»

2. Beispiel: «Und ja, auch das ist wahr: Wenn ich mich ein Leben lang schuldig fühlen würde für den Tod meines jüngeren Sohnes, dann hätte ich auch kein Vertrauen mehr in mich, dass ich es mit dem älteren Sohn gut machen würde. Dann würde ich an mir als Mutter zweifeln, ich hätte kein Vertrauen mehr in mich.»

3. Beispiel: «Und ich würde zu mir insofern nie mehr dieselbe sein, als dass ich, wegen meines mangelnden Vertrauens in mich als Mutter, überaus ängstlich würde und meinem älteren Sohn nichts mehr zutrauen würde und so würde ich mir selbst immer fremder werden.»

Das wollte ich nicht. Ich wollte mir nicht selbst fremd werden. Ich wollte auch nicht auf den Faktor Zeit bauen, denn aufgrund meiner Erfahrung, die ich im Zusammenhang mit der Trauer meiner Eltern um ihren Sohn gemacht hatte, wusste ich, dass Zeit nicht automatisch Wunden heilt und auch nicht wirklich die Trauer schmälert.

Was ich mir jedoch zutiefst wünschte, war, mich von meinen verzweifelt traurigen Gedanken befreien zu können und dank dieser ersten Work hatte ich die wegweisende Erfahrung machen dürfen, dass dies auch in meiner Situation möglich war. Und so nahm ich die Lektüre von Boerners Buch wieder auf, überflog kurz das Inhaltsverzeichnis, um dann beim achten Kapitel Das Ende des Leidens weiter zu lesen. Auf diesen 15 Seiten hat Moritz Boerner eine einstündige Tonbandaufnahme von Byron Katie Wort für Wort niedergeschrieben. Inhaltlich ist der Text sehr dicht, intensiv, radikal. Ich las und las, verschmolz mit den Worten, meine Gedanken standen still. Plötzlich ging es ums Sterben.

Byron Katie sagt: «Wir sterben nicht. Tod ist gar nicht möglich! Unsere Gedanken über den Tod sind völlig verdreht und funktionieren nicht. […] Der Mensch versucht seinen Körper zu schützen, weil er denkt, er sei der Körper. Dass er ein auf Erden wandelndes spirituelles Wesen ist, hat er vergessen. Er hat sein ewiges Leben vergessen. Wann immer du angstvoll an den Tod denkst, kannst du sicher sein, dass dies ein verdrehtes Denken ist. Menschen, die Nahtoderlebenisse hatten, berichten von grosser Schönheit, Ekstase und Frieden … ich bin einer dieser Menschen. […] Es gibt nur einen wirklichen Tod, den Tod eines Glaubenssatzes.»

Dieses achte Kapitel beeindruckte mich tief und meine Ahnung verstärkte sich, dass es ihn gab, diesen Weg, welcher mich aus all meinen Schuldgefühlen und meinen verzweifelt traurigen Gefühlen hinaus führen würde, und so bestellte ich sämtliche auf Deutsch erschienen Bücher von Byron Katie, unter anderen auch ihr Grundlagenwerk Lieben was ist. Nach der Lektüre dieses wundervollen Buches meldete ich mich für den Ausbildungsgang Coach für The Work nach Byron Katie an, welchen ich im Sommer 2015 abgeschlossen habe.

(Fortsetzung folgt)

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Quelle: trosthandbuch, Barbara Walti, Selbstverlag 2016 (siehe  Medientipps und www.barbarawalti.ch
Siehe auch: Der Tod und was danach kommt (in diesem Blog)

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