Der Tod – das grosse Tabu?

Der Übergangstag, wie ich den Todestag  meines jüngeren Sohnes nenne, ist vorbei. Es ist wieder Alltag eingekehrt. Viele Leute haben mir an diesem Tag geschrieben, dass sie an mich dächten, dass sie an meinen Sohn dächten, an meine Familie, und es waren sehr schöne Gedanken, die sie mir geschrieben und ich möchte mich bei ihnen allen von Herzen bedanken.

Und ähnlich wie nach Weihnachten, wo irgendwann mal der Tannenbaum der warmen Stube weichen muss, weil er unangenehm viele Nadeln fallen lässt, seine Zeit vorbei ist, weicht auch das Thema aus den Köpfen der Menschen, die nicht zu den direkt Verlusterfahrenen gehören. Das Wissen, dass da doch vor ein paar Jahren noch jemand war, an der Seite des Verlusterfahrenen, verflüchtigt sich, das Leben geht wieder seinen normalen Gang, bis es sich dann jährt, das Ereignis, das so ziemlich alles verändert …

Wer das Glück hat, noch nie einem solchen Ereignis namens ’Tod eines geliebten Menschen’ begegnet zu sein, der kann nicht erahnen, wie tief die Einsamkeit Verlusterfahrener sich anfühlt, nicht annähernd.

Man könnte sie vergleichen mit der Einsamkeit, die sich ausbreiten würde, wenn ein geliebter Mensch aus irgendwelchen Gründen seine Identität vertuschen müsste: Wenn er einen anderen Pass bekäme, wenn man ihm einen anderen Namen verpassen würde, wenn man ihn ausser Lande schicken würde, auf dass er im eigenen in Vergessenheit gerät, weil unbequem, weil unschön die Beschäftigung mit ihm, weil störend im Alltag, weil untragbar in diesem Lande. Und man selbst, als Vater oder Mutter oder Tochter oder Sohn oder Freundin oder Freund dieses geliebten Menschen wüsste jedoch ganz genau, dass er noch da ist, dass er lebt, dass man mit ihm Kontakt aufnehmen kann, wenn auch heimlich natürlich, denn davon zu reden würde bei anderen Irritation auslösen, würde bei anderen Ängste auslösen, würde die anderen daran erinnern, dass jederzeit wieder geschehen könnte, was mit diesem geliebten Menschen geschehen ist, und man möchte nicht ständig daran erinnert werden, dass man in einem Lande lebt, in dem solche Ereignisse an der Tagesordnung sind, dass tagtäglich ein Mensch einfach so verschwindet, ausser Sichtweite, auf quasi Nimmerwiedersehen.

Und ja, es gibt solche Länder, wo solches geschieht – in Tat und Wirklichkeit. Länder, in denen geliebte Menschen aus dem eigenen wegziehen müssen. Aber dieses Thema möchte ich heute nicht vertiefen, ich will nur versuchen aufzuzeigen, womit man die Einsamkeit eines Verlusterfahrenen vergleichen könnte: mit dem Erlebniswissen eines jeden Einzelnen von uns nämlich.

Vergleiche zu ziehen ist heikel, das ist mir bewusst, denn wenn man diesen Verlust nicht erfahren hat, kann man ihn wie bereits erwähnt kaum nachvollziehen, aber man kann sich in eine ähnliche Situation hineindenken. Und auch wenn diese obige drastisch geschildert ist, gibt sie vielleicht ein wenig das Gefühl wieder, das Verlusterfahrene tagtäglich 24 Stunden am Tag haben … Einsamkeit, tiefste tiefste Einsamkeit … Denn auch in unseren Ländern ist selten die Rede vom Thema das uns alle angeht – und man sagt solchen Themen Tabuthemen.

Dazu ein paar Gedanken in Dialogform:

»Kennt jeder, weiss jeder, braucht nun also hier nicht noch extra erwähnt zu werden, und überhaupt! Dieser Vergleich hinkt und stinkt zum Himmel! Denn hier in unseren Landen wird zwar auf Biegen und Brechen gestorben, ja, das mag sein, aber das Thema ’Tod’ ist doch kein Tabu! Man kann doch jederzeit mit jedem darüber reden! Und wir anderen nehmen doch Anteil am Leid des anderen, also wirklich. Wir wissen doch wie schlimm das ist und wir wissen doch, dass es ihn gibt, diesen Tod, und dass er das Allerallerschlimmste überhaupt ist, was einen Menschen treffen kann, und deshalb nehmen wir doch Rücksicht auf die Opfer dieses Todes und wir kümmern uns doch um sie und wir bieten ihnen Therapien an, wo sie sich ausheulen können; und wir bieten ihnen Pharmaka an, die ihnen helfen, und wir tun doch alles, damit diese Opfer des Todes wieder halbwegs ein normales Leben führen können! Also echt jetzt, das nervt so einigermassen, wie wir da durch den Schlamm gezogen werden, wie wenn wir hier in unseren Landen das Thema Tod zum Tabu erklärt hätten!«

… die tiefste aller Einsamkeiten hat nichts damit zu tun, dass wir als Verlusterfahrene nicht umsorgt würden, dass man uns keine Therapien anbietet, dass wir keine Tabletten bekommen täten vom Arzte eines jeden Hauses … Die tiefste aller Einsamkeiten hat vielmehr damit zu tun, dass der geliebte Mensch, weil ausser Sichtweite, weil mit den physischen Sinnen nicht mehr wahrnehmbar, wie lebendig begraben wurde … Wenn nicht gerade der ’Todestag’ ansteht, wenn nicht gerade Weihnachten ist und auffällt, dass da einer fehlt unter dem Baum, dann geht für die meisten der Alltag wie gehabt weiter …

»Ja meine Güte, was erwartest du denn von uns?! Sollen wir des Tages und des Nachts dein Händchen halten und dich betrauern und dir sagen wie unendlich leid uns das tut, dass der Tod gerade DICH erwischt hat? Also weisst du, wir haben auch noch anderes zu tun, und hinzukommt, dass du ja bei Weitem nicht die Einzige bist, die so etwas erlebt, und weshalb gehst du denn nicht endlich mal in diese Trauergruppe, die es doch da überall gibt, extra für Menschen wie dich und Deinesgleichen?!«

… die tiefste aller Einsamkeiten hat auch damit nichts zu tun, dass man nicht auf andere sogenannt „Trauernde“ stossen würde, wenn man sich auf die Suche nach ihnen macht. Und interessanterweise ist die Zahl derer, die sogenannt „Opfer des Todes“ geworden sind höher, als man sich vorstellen kann. Nein, noch höher. So hoch ist da diese Zahl von Menschen bei denen der Tod an die Haustür geklopft hat dass es jegliches Vorstellungsvermögen übersteigt. Es sind mehrere Zehntausende, verteilt auf mehrere Gruppen in den Ländern Schweiz, Deutschland und Österreich – mehrere zehntausend Menschen die von dieser tiefsten aller Einsamkeiten betroffen sind …

»Na also! Wer sagt’s denn. Dann ist’s ja gut, was soll also das Gejammer, dann tu dich halt zusammen mit denen und dann ist aus die Maus mit Einsamkeit!«

… die tiefste aller Einsamkeiten hat auch damit nichts zu tun. Es hilft kein Sich-zusammen-tun, es lindert höchstens für den Moment ein wenig den Verlustschmerz, wenn man sieht, dass man nicht das einzige ’Opfer’ ist, dass es da noch andere gibt – Zehntausende andere …

»Ok, was genau ist es dann?! Kannst du mir das jetzt nicht einmal abschliessend erklären? Was genau erwartest du denn von mir, von uns anderen? Was sollen wir deiner Meinung nach tun, um deine Einsamkeit zu lindern? Denn wenn ich wüsste, was ich machen könnte, um dich aus dieser Isolation heraus zu holen, dann würde ich das tun, das weisst du doch!«

… die tiefste aller Einsamkeiten hat damit zu tun, dass der ’Tod’ unter uns allen ein Tabuthema ist. Dass nicht offen darüber gesprochen wird. Und wenn, dann gerne und öfters und lieber nur in privaten Fernsehsendern oder in Büchern, die von denjenigen gelesen werden, die sich bereits gelöst haben von der alten materialistischen Sichtweise, die da noch immer überall gelehrt wird an den Schulen und die man mit der Muttermilch aufgesogen hat und die dann zum Tragen kommt, wenn ein ’Todesfall’ in der nahen Umgebung eintritt, so dass man eingeladen wird dem ’Verstorbenen’ die letzte Ehre zu erweisen.

»Oh, dein geliebter Mensch ist tot … das tut mir so unendlich leid … ja, die Vorstellung, dass er doch gerade eben noch da war und nun stehen wir da an seinem Grabe und betrachten die Erde mit den schönen Blumen, die ihm da unten sicherlich ein wenig Trost spenden wenn er da so aschenmässig vor sich hin ruht.«

… die tiefste aller Einsamkeiten hat mit der Sichtweise und der eingeschränkten Perspektive des materialistischen Weltbildes zu tun und damit, dass für die meisten Menschen die Erde noch immer eine Scheibe ist und dass der geliebte Mensch nun leider von dieser gestürzt ist, was zwar hochtragisch, aber leider nicht zu ändern ist. Und das Leben geht doch weiter, und schau wie schön die Sonne, und schau wie schön der Mond, und du bist doch so eine Träumerin, dann träum dir doch dein Leben wie es wäre, wenn es anders wäre …

… und so kommen in meinen Träumen plötzlich Menschen, die behaupten, dass sie mit dem Abgestürzten Kontakt aufnehmen können; und dann kommen da Menschen, die behaupten, dass sie ausserhalb ihres Körper wunderschöne Erfahrungen gemacht hätten und dass sie von ihren Liebsten abgeholt worden seien; und dann kommen da Menschen die studiert haben und lange Jahre an der Universität waren und alles gelernt haben was das materialistische Weltbild hergibt; und dann ist das denen zu wenig und sie forschen weiter; und dann gibt es so Studien und so Forschungszweige und dann sagt in meinen Träumen so ein Forscher namens Pim van Lommel:

»Das Problem ist nicht, dass wir nicht herausgefunden haben wie das genau ist mit dem sogenannten ’Tod’ – das Problem ist, dass es nicht allen bekannt ist, denn der Tod ist noch immer ein grosses Tabu!«

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… die tiefste aller Einsamkeiten – und wer befreit?

Über meinen Befreiungsweg erzähle ich im ’trosthandbuch – Wegweiser aus der Trauer’, welches vor kurzem in der 3. Auflage mit einem Nachwort von Gabi Laszinger, der Gründerin von www.happy-children.de, an deren Kinderhilfswerk der gesamte Erlös des Buches geht, erschienen ist.

Geboren wird täglich, gestorben auch. Und deshalb erübrigt sich eigentlich die Frage, für wen dieser Themenbereich von Belang wäre … auch auf meiner öffentlichen Facebookseite zum Buch erzähle ich davon. Dazu bitte → hier klicken.

Weitere Infos gibt es hier: www.barbarawalti.ch und auf diesem Blog unter folgendem Link: elterntreffpunkt-girasol.ch/author/barbara-w/

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