Die ersten Tage danach

Wer schon einmal erlebt hat wie das ist, wenn einem die Nachricht überbracht wird «dein geliebter Mensch ist tot» der weiss, wie es sich für mich angefühlt haben muss, als mein älterer Sohn Basil mir die Nachricht überbrachte, mein jüngerer Sohn Julian sei gestorben.

Wer das Glück hat, so etwas noch nie erlebt zu haben, der kann sicherlich erahnen, wie es sich anfühlt, wenn ihm so etwas widerfährt.

Meine Geschichte könnte nun derart weitergehen, dass ich ausführlich über meine Gefühlslage der ersten Tage oder gar des ersten Jahres danach berichten würde. Dann jedoch wäre es nicht dasjenige Buch, das zu schreiben mir vorschwebt. Ich möchte deshalb meine Geschichte auf eine etwas andere Art und Weise weiter führen, indem ich so chronologisch wie möglich von denjenigen Erfahrungen erzähle, die ich in der Zeit danach gemacht habe.

Die Zeitungsberichte

Eine dieser Erfahrungen war diejenige, die ich mit der Berichterstattung in der Presse gemacht habe. So schrieb zum Beispiel die in tausendfacher Auflage überall herumliegende Gratiszeitung 20 Minuten bereits am Montagmorgen, was sich in der Nacht auf Sonntag alles zugetragen hatte:

«Julian W. hatte LSD im Blut
Der am Sonntag im Büschiwald in Köniz leblos aufgefundene Julian W. stand unter Drogeneinfluss. Gegen seine Kollegen läuft nun ein Verfahren wegen unterlassener Nothilfe.»

Wäre ich damals auf Seiten der Leserschaft gestanden, wäre mein erster Gedanke mit Bestimmtheit gewesen: Zum Glück hat mein Kind bei dieser Waldparty nicht mitgemacht! Ich stand jedoch auf der anderen Seite und eines meiner Kinder hatte mit- gemacht und war gestorben. So habe ich die Zeitungsartikel mit ganz anderen Augen gelesen und immer wiederkehrend war da dieser eine Gedanke: Warum gerade er? Ich las von dieser Nacht, sah den Namen meines Sohnes, sah die Bilder dieses Waldes und meine tiefe Trauer wurde durch die ausführliche Berichterstattung noch einmal in unbeschreiblicher Weise verstärkt:

Wie kann es sein, dass ich in dieser Nacht von der Not meines Sohnes nichts gefühlt habe?
Wie ist es möglich, dass mein Sohn stundenlang im Wald am Boden gelegen hat und ganz alleine sterben musste, wo er doch in der Nacht zuvor noch friedlich in unserer Ferienwohnung geschlafen hatte?
Was ist geschehen in dieser kurzen Zwischenzeit?
Und wie kann es sein, dass ich gerade noch unzählige Bilder von im Meer herumtollenden Julian mit meinem iPhone aufgenommen habe und mir nun heute Zeitungsfotos anschauen muss, die von einer ganz anderen Wirklichkeit erzählen?

Täglich wurden die Berichte in den Zeitungen aktualisiert. Ich hatte sogar Verständnis dafür, genauso wie alle anderen wollte auch ich wissen, was genau geschehen war an dieser Waldparty, bei der plötzlich LSD im Spiel war.
Von wem?
Wen kann man dafür zur Verantwortung ziehen?
Wer waren letztlich die Schuldigen?
Was muss getan werden, damit sich ein solcher Vorfall nie wieder ereignen wird?
Und vor allem: Inwiefern kann ich meine Kinder schützen, damit ihnen so etwas nie geschieht?!

Ja, mit Bestimmtheit hätte auch ich alle diese Zeitungsartikel gelesen und mich ein wenig gewundert, dass Fachleute berichteten, an LSD sei noch kein einziger Mensch gestorben. Ich hätte die darauffolgenden Artikel interessiert mitverfolgt und immer wäre da im Hintergrund dieses unendlich dankbare Gefühl gewesen, dass dieser Kelch noch einmal an mir vorbeigegangen ist.

Nun las ich die Berichterstattungen zum Fall «Büschiwald/Köniz» aus einer ganz anderen Perspektive, denn der Kelch blieb an mir hängen und der Gedanke «hätte ich doch» nahm so viel Raum in meinem Kopf ein, dass ich die Antwort für die Schuldfrage längst gefunden hatte.

Mein Sohn war gestorben und in meinen Augen trug ich die alleinige Verantwortung dafür, denn ich war seine Mama, ich hatte ihn neun Monate in mir heranwachsen gefühlt, und ich hatte meinen beiden Kindern bei ihrer Geburt versprochen, dass ich alles für sie tun und immer für sie da sein würde.

(Fortsetzung folgt)

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Weiterleben ohne Lars – Teil 3

Am einen der ersten Nachmittage nach dem Unglück, als meine Freundin C. in meiner Küche von den Fahndern vernommen worden war, hatte ich mich kurz auf Lars’ Bett gelegt, um zur Ruhe zu kommen. Lars’ Zimmer war ein wunderbarer Raum. Ich lag da, das Fenster war offen. Draußen hörte ich Lars’ Kameradinnen und Kameraden spielen und lachen und ich lag einfach nur da.

Auf einmal sah ich wie in einem Film Lars’ Abschiedsfeier vor meinen inneren Augen. Ich sah den Ablauf, sah die Menschen, die in der Kapelle standen und den anderen etwas erzählten; etwas über das Leben, etwas über Lars.

Lars sollte im geschlossenen Sarg aufgebahrt werden, entschied ich. Seinen Anblick wollte ich niemandem zumuten, war ich mir ja selbst nicht sicher, ob ich ihn ein zweites Mal ertragen hätte. Und das nicht nur wegen all seiner Verletzungen. Nach der Aufbahrung, vor der Feier in der Kapelle, würden wir alle gemeinsam mit dem Sarg zum Grab gehen, den Sarg ins Grab begleiten, allenfalls etwas ins Grab zu legen.

Nach der Feier in der Kapelle würden wir alle nochmals ans inzwischen gedeckte Grab gehen. Der letzte Abschied mit der Möglichkeit, etwas auf dem Grab zu hinterlassen. Später würden wir im Wald das Weiterleben mit einem kleinen Imbiss willkommen heißen.

Mein innerer Film war sehr klar und schon kurze Zeit später erzählte ich dem Bestatter, den wir aus dem Telefonbuch gefischt hatten, von meinen Plänen für die Feier. Die Kapelle des ausgewählten Friedhofs buchten wir gleich doppelt so lange wie üblich. Eine sehr weise Entscheidung, wie sich später herausstellen würde.

(Fortsetzung folgt)

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Die Beratungszeit

Endlich waren die Sommerferien vorbei und ich konnte mit Julian zur Fachstelle «Berner Gesundheit» gehen. Die Beratung war sehr professionell und umfassend. Julian wurde darüber aufgeklärt, dass Cannabis nicht einfach harmlos sei, sondern sich auf vielerlei Arten nachteilig auf die Gesundheit und die Psyche auswirken könne. Dank der grossen Auswahl an Büchern und DVDs, die man in der Fachstelle ausleihen konnte, wusste Julian bald einmal auch sehr gut über die Wirkungen aller anderen Drogen Bescheid, die derzeit im Umlauf waren. Wir schauten viele Videos gemeinsam an und so erfuhren wir unter anderem, dass LSD eine bewusstseinsverändernde Droge ist, alles andere als harmlos, jedoch direkt keine tödlichen Folgen hat, ganz im Gegensatz zu Heroin oder der neusten Droge Crystal Meth, von welcher man weiss, dass sie bereits nach dem Erstkonsum tödliche Folgen nach sich ziehen kann. Ich sprach mit Julian auch sehr offen über meine Ängste, dass Cannabis für ihn zu einer Einstiegsdroge werden könnte und so trafen wir im Rahmen der Beratung ein paar Vereinbarungen.

Zielvereinbarungen

Julian wünschte sich, dass ich ihm vertraue und ihn nicht mehr so stark kontrolliere und anerkenne, dass er nun mit 15 Jahren kein kleiner Junge mehr sei. Als Gegenleistung dazu erwartete ich von ihm, dass er sich an unsere jeweiligen Abmachungen halte, so dass ich Schritt für Schritt Vertrauen aufbauen könne. Ich erklärte ihm, dass meine Geschichte mit meinem Bruder mir halt noch immer tief in den Knochen sitze.

So kamen wir darin überein, dass wir einander auf diesem Weg gegenseitig unterstützen wollten. Mein Ziel jedoch blieb dasselbe und das deklarierte ich auch klipp und klar: Ich wollte, dass sich Julian bis Ende des Jahres endgültig vom Cannabiskonsum verabschiedete, sah aber ein, dass es sich dabei um einen Prozess handelte, den man nicht einfach so abkürzen konnte. So klärten wir beim letzten Termin auf der Fachstelle vor den Herbstferien noch ab, wie der Prozess im Detail ablaufen würde. Allen war klar, dass wir uns nach den Ferien wiedersehen würden, um ihn voranzubringen. Doch es sollte anders kommen, ganz anders.

(Fortsetzung folgt)

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Weiterleben ohne Lars – Teil 2

Noch heute staune ich zuweilen über meine Reaktion in den ersten Tagen nach Lars’ Tod. Wie ruhig ich geblieben bin. Wie intensiv ich alles beobachtet, wahrgenommen und erlebt habe. Im tiefen Schmerz zwar, und zeitweilig starr und atemlos, dennoch sehr bewusst. Klar irgendwie. Ich lebte auf Autopilot und bezog meine Energie von einem Notstromaggregat, dessen Vorhandensein mir nicht bewusst gewesen war, bis ich es gebraucht hatte. Ich wusste von Anfang an, dass es irgendwann nicht mehr funktionieren würde, wenn es nicht wieder mit neuer Energie befüllt würde. Noch aber ging es. Ich hielt durch. Ich hielt mich aufrecht. Und ja, ich trauerte exzessiv. So intensiv und so bewusst, dass ich es noch heute, viele Jahre später, fast körperlich spüren kann, wenn ich mich auf die Erinnerungen an diese Zeit einlasse.

Die erste Woche nach Lars’ Tod verging mit den Vorbereitungen für die Beerdigung, mit dem Leeren des Briefkastens, der täglich übervoll mit Briefen und Karten voller Anteilnahmen waren – oft von fremden Menschen sogar –, mit Telefongesprächen und den Besuchen von Freunden und Freundinnen.

Der Verdacht, dass Antonio am Freitag vor der Explosion in einem örtlichen Fachhandel drei große Campinggasflaschen gekauft und sich ins Haus hatte bringen lassen, hatte sich schließlich bestätigt. Offenbar muss er den ganzen Tag über das Gas langsam ausströmen haben lassen. In der Absicht daran zu sterben. Zusammen mit Lars. Weil Campinggas nicht tödlich aber hochexplosiv ist, kam alles anders als er es gewollt hatte. Was immer er wirklich gewollt hatte. Ein ganz und gar anderes Leben vermutlich.

Ich auch. Inzwischen war ich unfreiwillig eine Art gläserner Mensch geworden. In den Zeitungen wurde über unsere Trennung berichtet, es wurde gemutmaßt und spekuliert und ich las das alles, ohne mich darin wirklich wiederzuerkennen. Niemand wusste wirklich, wie es gewesen war. Was wirklich geschehen war.

Mehr interessierte mich, wie ich das alles ertragen sollte. Und wie konnte wir eine Abschiedsfeier gestalten, die wirklich diesen Namen verdient hatte?

(Fortsetzung folgt)

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Julian hört zu

Am Abend nach der Beerdigung sprach ich zum ersten Mal mit Julian über die Geistige Welt. Ich versuchte ihm so gut als möglich zu erklären, dass Dora nun dort lebe und dass es ihr gut gehe. Ich wisse das, weil ich darüber viele Bücher gelesen hatte und weil mein Bruder auch in der Geistigen Welt sei. Und ich erzählte ihm von meinen Erfahrungen.

«Zusammen mit deiner Grossmutter bin ich schon mehrmals bei einem Medium gewesen und dank ihnen haben wir mit Lukas ‹sprechen› können. Lukas hat Sachen von sich erzählt und das Medium hat alles in unsere Sprache übersetzt. Weisst du Julian, wenn wir gestorben sind, dann schlüpfen wir einfach aus unserem schweren und müde gewordenen Körper hinaus und gehen in die Geistige Welt. Dort sehen wir alle Verstorbenen unserer Familie wieder. Und dank guter Medien können wir schon heute Kontakt mit ihnen aufnehmen, wenn wir wollen.»

Julian lernt Pascal Voggenhuber kennen

Um Julian zu zeigen, dass es diese Medien auch wirklich gibt, holte ich einige meiner Lieblingsbücher hervor. Auf einem dieser Bücher waren die Augen eines jungen Mediums abgebildet und ich sagte zu Julian, dies sei Pascal Voggenhuber. Da Julian mehr über diesen Pascal Voggenhuber wissen wollte, setzten wir uns an meinen Computer und schauten gemeinsam auf dem ein paar Kurzfilme an, in denen Pascal Voggenhuber über seine Arbeit als Medium spricht und plötzlich sagte Julian: «Mama, ich weiss jetzt, was ich einmal werden möchte. Ich möchte das werden, was Pascal Voggenhuber ist. Kann man das werden?»

Ich erinnere mich noch sehr genau an diese Worte, auch daran, wo ich sass und was ich Julian geantwortet habe. Für mich war dies ein eindrücklicher Moment; zu sehen, wie Julian in kindlicher Naivität glaubte, man könne den Beruf eines Mediums genauso leicht erlernen wie irgendeinen anderen Beruf.

Ich liess ihn in dem Glauben und versprach ihm, alles daran zu setzen, dass er diese Ausbildung bei Pascal Voggenhuber machen könne. Für mich dachte ich, dass sich dieser Berufswunsch wohl kaum einmal erfüllen würde. Zum einen war Julian zu dieser Zeit noch sehr jung und da verändern sich die Berufswünsche schneller als die Jahreszei- ten. Zum anderen wusste ich, dass man ein Minimum an Begabung mitbringen musste, wollte man ein gutes Medium werden. So freute ich mich einfach darüber, dass Julian sich mit dem Wissen über die Geistige Welt ein wenig vertraut gemacht hatte, und dass dieses Wenige mitgeholfen hatte, ihn zu trösten.

Die Kinder werden älter

Im Laufe der nächsten Jahre stand die Schule im Zentrum unserer Aufmerksamkeit und es galt, beide Kinder in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken und sie bestmöglich zu begleiten. Dann geschah etwas Sonderbares. Je näher mein älterer Sohn Basil der Pubertät kam, desto mehr glich er meinem Bruder wie aus dem Gesicht geschnitten und da kam auf leisen Sohlen wieder mein Glaubenssatz angeschlichen, um raumfüllend mein Denken in Beschlag zu nehmen: Das Schlimmste, was mir je passieren könnte, wäre, mein Kind zu verlieren.

Mein Glaubenssatz bewahrheitete sich jedoch nicht, denn Basil überlebte die Zeit der Pubertät schadlos, auch wenn es Phasen gab, in denen ich sehr gelitten hatte unter meinen Befürchtungen. Er wurde immer erwachsener und bald schon erinnerte er mich nicht mehr an meinen Bruder und alles schien wieder eitel Sonnenschein zu sein, bis zu dem Zeitpunkt, als der jüngere Sohn Julian plötzlich auf sich aufmerksam machte, indem er nun in die Pubertät und somit in die Phase des «Alles-Ausprobierens» kam.
Dies sei eine Zeit, in der das Gehirn wie auf einer Baustelle vor sich hin improvisiere, liess ich mir von Fachleuten erklären und wo sonst Grenzen wirksam seien, würden viele Jugendliche nur Möglichkeiten sehen, die auf ihre Wirkungen hin ausgetestet werden müssten.

Als bei mir anfangs Juni 2014 der Verdacht aufkam, Julian würde Cannabis ausprobieren, kaufte ich THC-Teststreifen und führte in unregelmässigen Abständen Kontrollen durch. Julian war meistens «sauber», unter anderem auch deshalb, weil er oftmals schlauer war als ich und mich austrickste. Ich merkte bald einmal, dass uns dieser Weg nicht weiterbrachte und so rief ich bei der Beratungsstelle «Berner Gesundheit» an. Weil mittlerweile bereits die Sommerferien vor der Tür standen, einigten wir uns auf einen Termin in der ersten Schulwoche des Herbstquartals. In der Zwischenzeit versuchte ich so gut es ging, meine immer grösser werdenden Ängste in Schach zu halten. Ich redete mir ein, dass ja viele Jugendliche in diesem Alter Cannabis ausprobierten, dass dies überhaupt nichts Schlimmes zu bedeuten habe, und dass ich ja alles in die Wege geleitet hätte, um durch fachliche Hilfe dem Problem beizukommen.

Das alte Fotoalbum

Während dieser Sommerferien entdeckte ich eines Tages ein altes Fotoalbum meines Bruders. Als ich abends für mich alleine war, schaute ich mir die Fotos noch einmal ganz genau an und da kam eine Welle des Schmerzes über mich, wie ich sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr erlebt hatte. Ich weinte lange, war vollkommen verzweifelt und geriet in Panik – wusste aber nicht weshalb. Anderntags zeigte ich Julian die Fotos und erzählte ihm von meiner Angst um ihn. Julian umarmte mich und wollte mich beruhigen mit den Worten: «Ach Mama, du machst dir immer so viele Sorgen um nichts!»

Seine Worte halfen nicht, meine Sorgen blieben und mein alter Glaubenssatz besetzte erneut mein ganzes Denken: Das Schlimmste, was mir je passieren könnte, wäre, mein Kind zu verlieren.

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Weiterleben ohne Lars – Teil 1

Mit jedem neuen Tag wird mir Lars’ Tod ein wenig wirklicher, dafür lässt der Schockschutzpanzer nach und der Schmerz ist oft unerträglich. Ich weine viel. Ich weine, wenn ich alleine bin und ich weine mit andern. Ich lasse meine Tränen zu und will im Grunde nur eins: Feststellen, dass das alles nicht wahr ist. Ich will Lars spüren, ich will mit ihm lachen. Ich will am Morgen erwachen und erkennen, dass es nur ein böser Traum war. Alles ist so verdammt verkehrt und so unglaublich anders. So verkehrt, dass ich keine Ahnung habe, wie ich das alles schaffen soll. Ich will, dass alles wieder normal ist. Und ich will auch nicht mehr von allen mit Samthandschuhen angefasst werden. Dennoch ist es ohne Frage das wirklich einzige Wohltuende, jetzt, in diesen Tagen, umsorgt zu werden, gehalten, getragen. Ich weiß mich geborgen in der freundschaftlichen Liebe meiner Freundinnen, Freunde und Verwandten.

Am Mittwoch erfahre ich aus der Zeitung, dass Antonio die drei großen Gasflaschen am Tag vor dem Knall gekauft habe. Er habe sie sich ins Haus liefern und den ganzen Samstag Gas in der Wohnung ausströmen lassen. Die Vermutung drängt sich auf, dass er sich und Lars vergasen wollte. Sanft einschlafen? Oder vielleicht doch lieber gefunden werden?

Vollkommene Gewissheit werden wir nie haben, doch ich bin sicher, dass Antonio nicht mit diesem Ausgang, dass er nicht mit der Explosion gerechnet hat. Immer wieder stelle ich mir vor, dass er bis zuletzt gehofft hat, gerettet zu werden. […]

Tage später, bei den Aufräumarbeiten, tauchen die Meerschweinchen der Nachbarskinder auf – höchst lebendig, was in diesem ganzen Chaos einem kleinen Wunder gleichkommt. […]

All die vielen Kleinigkeiten, die aus den Trümmern geborgen werden und die wir ehemaligen Nachbarinnen und Nachbarn eines Tages im Berner Zeughaus abholen dürfen: sie gleichen kleinen Fenstern in eine andere Welt, in eine unwiederbringlich vergangene Zeit.

Was für ein Spießrutenlauf für mich! Bei dieser Gelegenheit begegne ich den Eltern jener jungen Frau, die ebenfalls bei der Explosion gestorben ist. Wegen meines kranken Ex-Mannes. Wie leid sie mir tun! Und das, obwohl ich langsam begreife, dass das, was passiert ist, nicht meine Schuld ist. [Es ist Antonios Tat, nicht meine. Das musste ich mir damals immer wieder und das muss ich mir zuweilen auch heute noch in Erinnerung rufen.] Wir reden kurz miteinander. Aber trösten kann ich sie nicht. Zu gut verstehe ich ihre Not.

(Fortsetzung folgt)

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Der dritte Tag ohne Lars – Teil 2

Der Nachmittag in der Stadt ist schlimm. Eine heftige Panikattacke überfällt mich, als ich im Copyshop auf die Bedienung warten muss. Es ist so laut und so wirr hier. Ich ertrage die vielen Leute nicht. Schwägerin C. begleitet mich nach draußen, wo ich mich auf eine Bank setze. Alles dreht sich vor meinen Augen. Die Welt kommt mir schief vor, laut und bunt. Obwohl doch in ihr etwas so Schreckliches passiert ist. Obwohl doch Lars nicht mehr da ist. Sie dreht sich einfach weiter, diese Welt, und ich sitze da und versuche, Luft zu bekommen und ruhig zu atmen. Schwägerin C. kauft derweil das ausgewählte Papier und die Umschläge und bringt das Bild von Lars zum Fotografen. Als wir in die Apotheke gehen, geht es mir wieder besser. Meine Ärztin hat mir ein sedierendes Psychopharmakon verschrieben und mir jede hilfreiche notwendige Unterstützung zugesagt.

Mit meinem Bruder P., meiner Schwägerin C. und Freund M., einem ehemaligen Wohngenossen, der inzwischen eingetroffen ist, fahren wir anschließend in den nahen Wald. Nach der Abdankung, die, wie wir inzwischen in Absprache mit dem Bestatter entschieden haben, auf dem nahen Friedhof S. in B. stattfinden wird, wollen wir einen kleinen Imbiss im Wald abhalten. Ein optimaler Platz ist schnell gefunden, denn hier kenne ich mich aus. Noch vor wenigen Tagen bin ich hier mit Lars vorbeispaziert. Und nun ist er tot. Und ich lebe. Ich lebe einfach weiter. Wir alle. Es ist nicht fair, dass Kinder sterben; es ist verdammt noch mal unfair, dieses Leben.

Aber dir, Lars, dir geht es gut. Ich spüre es. Ich weiß es. Ich vermisse dich dennoch. So sehr.

Mein Bruder P. sagt, dass meine Geschwister und eine Freundin von ihnen, die in der Gastronomie arbeitet, die Organisation des Imbisses nach der Abdankung übernehmen wollen. Ich bin dafür so dankbar. Ich erschrecke auf einmal über die Erkenntnis, wie froh ich darüber bin, dass meine Eltern das alles nicht mehr miterleben mussten. Wie hätten sie das gehandhabt? Meine Mutter? Hätte sie gesagt: Ich habe es dir ja gesagt?! (Anwendbar auf jede Kreuzung im Leben, die man rechts, links oder geradeaus fahren kann.)

Mit Freund M. zusammen, der heute bei uns auf dem Futon übernachtet, verpacke ich am Abend die Todesanzeigen, die ich auf das gelbe Papier ausgedruckt habe. Links ein Bild von Lars, darunter einige Zeilen aus dem kleinen Prinzen von Saint-Exupéry, die ich besonders tröstlich finde. Rechts einige Zeilen über Lars und darunter die Daten der Abschiedsfeier. Untypisch für eine Todesanzeige, aber typisch für mich. Und so wie es zu Lars und mir passt.

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Der dritte Tag ohne Lars – Teil 1

Freundin C. hat mir für heute, Dienstagnachmittag, einen Notfalltermin bei meiner Hausärztin, die auch ihre Ärztin ist, organisiert. Heute wird mir meine Schwägerin C. tagsüber beistehen, da Freundin C. in ihrem Büro unentbehrlich ist. Meine Schwägerin C. und ich wollen nach dem Besuch bei der Ärztin zu einem Fotografen gehen, um für die Abschiedsfeier eine Vergrößerung eines Bildes von Lars abziehen zu lassen. Auch brauchen wir Papier für die Todesanzeigen. Das alles gibt es am Hauptbahnhof. Für den Vormittag steht allerdings ein erneuter Besuch bei der Polizei auf dem Programm, da wir am Vortag mit meinen Aussagen nicht fertig geworden sind. Nach der Identifikation von Lars in der Rechtsmedizin war ich zu erschöpft gewesen, um damit weiterzumachen. Dieser Dienstag würde ein voller Tag werden.

Erneut erwache ich, ohne mich vorerst an die Ereignisse der letzten Tage zu erinnern. Erst allmählich taucht alles wieder auf, es drückt mich von innen und ich bekomme kaum Luft. Nur langsam tauche ich an die Oberfläche, wo es nicht mehr ganz so weh tut und wo einzig das äußere Funktionieren zählt. Ich koche Tee und Kaffee. Gehe duschen. Ziehe mich an.

Im Briefkasten liegt die neue Ausgabe der Tageszeitung, die ich zur Probe abonniert habe. Im Briefkasten liegen auch, wie gestern schon, weitere Beileidskarten. Bereits im Treppenhaus springen mich die Schlagzeilen auf der Zeitung an. Selbst in meiner seriösen Zeitung stehen Dinge über mich, die ich nicht in meiner Tageszeitung lesen will. Obwohl es die sogenannten Fakten sind. »Familiendrama führte zu einem Akt erweiterten Suizids« steht da. Jedenfalls so ähnlich. Und so ähnlich steht es heute auch in allen anderen Schweizer Tageszeitungen. (Einzig das Boulevardblatt mit dem roten Namen nennt mich beim Namen. Meinen vollständigen Vornamen und den ersten Buchstaben meines Nachnamens. Außerdem berichtet es davon, wie ich vor Ort neben den Trümmern zusammengebrochen sei. Was so natürlich nicht stimmt. Diesen Zeitungsbericht sehe ich zum Glück erst später irgendwann.)

Nach den Schlagzeilen auf der Titelseite schaffe ich es nun kaum, die Treppe in den dritten Stock hochzusteigen. Mir ist schwarz vor Augen. Schwindlig. Kaum in der Wohnung lasse ich mich an die Wand gelehnt im Flur auf den Boden fallen, nicht mal ins Wohnzimmer schaffe ich es. Mein Blutdruck ist im Keller. Ich kann kaum atmen.

Nun wissen es alle!, fühle ich und denke ich. Nun wissen es alle, dass ich in meiner Ehe versagt habe. Dass ich meinen Mann verlassen habe. Aber, und das denke ich ebenfalls, aber das ist doch einfach nicht fair! Ich bin doch nicht die einzige Schuldige. Aber alle werden nun glauben, dass das alles nur deshalb passiert ist, weil ich böse Egoistin meinen armen, kranken Mann verlassen habe. Und dazu habe ich überlebt, statt hinzufahren und sie zu retten. Oder zumindest mit Antonio und Lars zu sterben.

Freundin C. hilft mir wieder auf die Beine und begleitet mich zum Bett. Ich lege mich nochmals kurz hin. Bald klingelt das Telefon. Bestimmt die Polizei! Oh, wir müssen los! Aber ich kann doch jetzt nicht …

Die beiden Polizisten sind in weiser Voraussicht, da sie ebenfalls Zeitung gelesen haben, direkt zu uns gekommen, statt mir die Fahrt zu ihnen zuzumuten. Darüber bin ich sehr froh. Auch dass Freundin B. noch immer da ist. Sie und Freundin C. beantworten dem einen Polizisten in der Küche dessen Fragen, während ich mit dem andern Polizisten in meinem Wohn- und Schlafzimmer sitze, ihm mehr aus meinem Leben mit Antonio erzähle und seine noch offenen Fragen beantworte. Auf einmal hält der Polizist inne und schaut mich mit diesem Blick an, den ich inzwischen schon oft bei ihm gesehen habe. Respekt?

Was mich erstaunt, Frau M., ist ja, dass Ihre Aussagen die objektivsten sind, die wir inzwischen bekommen haben. Niemand sonst hat so fair über Antonio gesprochen wie Sie. Und inzwischen sind schon ziemlich viele Aussagen zusammengekommen, glauben Sie mir. Dass Sie bei all diesem Schrecklichen trotzdem so nahe an den Fakten über ihren Mann reden können! Ich gestehe, dass Sie meinen ganzen Respekt dafür haben. Nun gut, machen wir weiter …

Die Aussageprotokolle drucken wir, damit ich alles gleich unterschreiben kann und nicht nochmals auf die Wache muss, gleich auf meinem Drucker aus. Wieder rauchen wir auf dem Balkon unsere rituelle Zigarette und zum Abschied verkaufe ich dem einen Polizisten, der auch Kinder hat, Lars’ letzte angebrochene Windelpackung. Er darf sie leider nicht als Geschenk annehmen und ich möchte eigentlich auch kein Geld annehmen, aber nun denn …

Erst an Lars’ Beerdigung sehe ich die beiden wieder und ein halbes Jahr später, zu Weihnachten, erhalte ich von den beiden eine sehr persönliche handgeschriebene Weihnachtskarte mit ihren allerbesten Wünschen.

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Was bleibt

Als die Kinder älter wurden, erzählte ich ihnen von meinem verstorbenen Bruder Lukas und beantwortete diejenigen Fragen, die sie mir dazu stellten. Sie wollten wissen, wie er so gewesen sei, wollten Fotos von ihm anschauen und dass ich ihnen von meinen Erlebnissen mit ihm berichtete. Darüber hinaus stellten sie keine Fragen und das war gut so für mich. Ansonsten war der Tod kein spezielles Thema in unserem Familienumfeld bis zum Todestag unseres Nachbarschaftsgrosis Dora.

Dora war eine herzensgute Frau, die Kinder und Katzen über alles liebte und wunderschön malen konnte. Uns alle verband eine innige Nähe zu Dora und obschon Julian damals erst zehn Jahre alt war, beschlossen wir, ihn an Doras Beerdigung mitzunehmen.

Doras Beerdigung

Es war eine wunderschöne Trauerfeier inmitten der Natur. Die Sonne schien und wir standen vor dem Gemeinschaftsgrab in einem Kreis zusammen. Es gab ein berührendes Ritual, Gedichte wurden vorgetragen und der Pfarrer erzählte von dieser wunderbaren Frau. Weil sich alles ein wenig hinzog, nahm ich Julian an die Hand und sagte zu ihm, es würde sicher nicht mehr lange dauern.

Dann kam der Moment, auf den Julian so ganz und gar nicht vorbereitet war.

Der Pfarrer ging gemessenen Schrittes auf das Loch in der Mitte des Kreises zu. In der Hand hielt er eine Netztasche mit einem länglichen Gefäss drin. Oben am Netz war eine lange Schnur befestigt. Für Julian sah das Ganze aus wie eine Fischreuse. Als leidenschaftlicher Fischer kannte er sich aus mit solchen Netzen und wer weiss? Vielleicht hatte es ja Wasser in diesem Loch? Julian zog an meiner Hand, lehnte sich nach vorne und schaute gespannt zu.

Jetzt stand der Pfarrer vor dem Loch und sprach ein paar bedeutsame Worte. Julians Hand verkrampfte sich. Langsam liess der Pfarrer die Fischreuse in das Loch gleiten. Der Druck von Julians Hand verstärkte sich. Mit einer Schaufel Erde deckte der Pfarrer die Fischreuse zu. Es wurde ein Gedicht vorgetragen und der Name «Dora» wurde mehrfach genannt. Da zog mich Julian mit der Hand zu sich herunter. In seinem Blick lag Panik. In seinen Augen spiegelte sich das Entsetzen. Flüsternd fragte er: «Mama, ist das Dora?»

Als Julian so zu mir aufsah, seine Hand sich krampfhaft an meine klammerte und ich seine weit aufgerissenen Augen vor mir sah, da wusste ich, dass ich dieser Frage nicht ausweichen konnte.

«Nein Julian, das ist nicht Dora.» Meine Antwort war sehr klar. Da war kein Zweifel in meiner Stimme, nur die Gewissheit, dass diese Fischreuse nichts mit seiner geliebten Dora zu tun hatte. Ich versprach Julian, dass ich ihm daheim erzählen würde, wo Dora jetzt sei.

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Der zweite Tag ohne Lars – Teil 2

Anschließend fahren wir alle, eskortiert von den beiden Fahndern, ins Rechtsmedizinische Institut, wo ich Lars ein allerletztes Mal sehen werde. Nur mein Bruder, Freundin L. und ich gehen schlussendlich in den Raum. Die Fahnder, meine Schwägerin und Freundin C. bleiben draußen. Ich will und ich muss. Könnte ich heute, viele Jahre später, die Zeit zurückdrehen, würde ich anschließend an die Obduktion meinen Sohn mit nach Hause nehmen, im Sarg, und ihn berühren. Dazu bin ich damals jedoch nicht in der Lage. Nicht einmal, als mir K. N., jener sehr kompetente und herzliche Bestatter, den wir zufällig aus dem Telefonbuch gepickt haben, genau das vorschlägt.

Nur P., L. und ich betreten also den Raum, der so ganz anders ist als die kalten Aufbewahrungshallen, wie man sie aus Krimis kennt. Lars: hinter Glas, aufgebahrt und in Tücher gewickelt. An Farben erinnere ich mich nicht mehr. Aber hell war alles. Hell und liebevoll. Ich meine mich zu erinnern, dass der Raum etwas Sakrales ausstrahlte, Ein kleiner, abgedunkelter Raum mit indirektem Licht. Kerzen womöglich? Eine Art Terrarium also, in das wir blicken. Ein Stilleben; nature morte, die französische Übersetzung, trifft es besser, tote Natur. Unwirklich alles. Ich stehe neben mir. Lars’ Augen sind geschlossen, seine Wangen rot und zerkratzt, ansonsten sieht er beinahe unbeschadet aus. Liegt ruhig da, eine Blume auf seiner Brust; oder spielt mir meine Erinnerung einen Streich? P. und L. halten mich fest, ganz großer Bruder und liebe Freundin. Noch nie habe ich Menschen so sehr gebraucht wie in diesem Moment.

Es ist nur seine Hülle, sagt P.. Immer wieder sagt er es. Das ist nur seine irdische Hülle. Meine Knie werden weich. Können mich kaum aufrecht halten.

Ich sehe Lars. Alles was ich noch kann. Sehen. Ansonsten bin ich ganz und gar leer. Kann nicht denken. Kann nicht fühlen. Da ist nur Leere. Und dieser Schwindel. Es ist nur seine Hülle, sagt P. wieder. Eine Stimme aus dem Off fragt, ob das mein Sohn sei.

Ich fühle und sage: Das ist doch nicht mein Sohn! Denn nein, er ist es nicht, er ist es nicht mehr; nicht dieser Lars, den ich liebe. Den ich kannte. Den ich geboren habe.

Die Stimme fragt nun, ob ich sicher sei, dass das nicht mein Sohn sei. Fast ein wenig böse sage ich: Doch, natürlich ist er es. Er versteht ja doch nicht. Sinnlos also, ihn mit Rätseln, die niemand lösen kann, zu verwirren. Er kann ja nichts dafür, der Arzt, aber mir ist nicht nach Floskeln.

Auf einmal überflute ich. Da ist nur noch Hass. Wir gehen in den Flur zurück, wo C. und meine Schwägerin mit den beiden Fahndern warten. Ich stürze mich ans Fenster, bekomme kaum mehr Luft, reiße das Fenster auf, schreie: Ich hasse dich, ich hasse dich, hörst du, ich hasse dich … Ich bin so außer mir wie noch nie. Ich weiß, ich werde explodieren, wenn ich diesen Hass jetzt nicht herausschreien kann.

Und auf einmal ist es wieder vorbei. Mein innerer Vulkan ist eruptiert, die heiße Lava namens Hass hat sich ergossen und in mir ist wieder nur noch Leere. Ich will nichts mehr. Hoffe nichts mehr. Fühle nichts mehr. Bin taub.

Freundin L., Bruder P. und seine Frau C. fahren nach Hause, Freundin C. kommt wieder mit zu mir, in unsere temporäre WG. Später kommen Ca. und B. Ca. ist meine allererste Yogalehrerin gewesen, B. meine Hebamme und ebenfalls Yogini. Wir vier Frauen sitzen am Tisch. Irgendeine hat gekocht, glaube ich, und wir tauschen Erinnerungen an Lars aus. Eine war neulich auf dem Friedhof in Br., einem wunderschönen Platz. Wir beschließen spontan, mit meinem Auto dorthin zu fahren und ihn uns anzuschauen. Vielleicht könnten wir Lars ja dort beisetzen?

Der Ort ist wunderbar magisch, still, und strahlt viel Geborgenheit aus. Wir setzen uns in die Kirche und auf einmal singen wir Mantren. Später, zurück bei mir, texten wir die Todesanzeige. Ich habe schon am Nachmittag, mit L. zusammen, damit angefangen. Nun gestalte ich die Karte auf dem Laptop fertig und wir überlegen, welche Papierfarbe dazu passen könnte. Hellgelb, blaßgelb, entscheiden wir.

Diese Nacht schlafen wir zu dritt in meiner kleinen Wohnung. Das neue Futonsofa kommt das erste Mal zum Einsatz. B. weiht es ein. Ich nehme wieder eine Schlaftablette.

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Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Der zweite Tag ohne Lars – Teil 1

Der nächste Morgen findet mich verkatert. Das Schlafmittel hat mich regelrecht ausgeknockt. Ich habe so tief geschlafen, dass ich eine ganze Weile brauche, bis mir alles wieder einfällt. Ich koche Kaffee für meine Freundin und Tee für mich und ziehe viel Kraft aus diesen banalen Handlungen. Auch das Duschen tut gut. Obwohl ich im Grunde überhaupt nichts gut finde. Nicht jedenfalls, was passiert ist. Nichts davon kann ich wirklich verstehen, noch immer weiß ich nicht, was die Explosion verursacht hat, noch wie Antonio damit zusammenhängt. Und dennoch ist in allem Unbegreiflichen drin etwas, was im Grunde noch viel unbegreiflicher ist. Worte wie Frieden, Ruhe oder Trost für das, was mich erfüllt, klingen banal. Treffen nicht den Kern.

Doch sie ist da, diese neue Ruhe. Hat dem ständigen Lärm, diesen allgegenwärtigen inneren, emotional aufwühlenden Wörterlärm, dieses Kopfkino in mir, abgelöst. Es ist ja nicht so, dass ich Stimmen gehört habe, das nicht, doch bin ich kaum mehr in der Lage gewesen, in ganzen Sätzen, zusammenhängend, zu denken. Wie lange das schon gedauert hat, vermag ich hinterher nicht mehr zu sagen. Schreibend denken habe ich immer gekonnt, doch konzentriert und ruhig zu denken, habe ich nach und nach verlernt. Am Samstagabend, es muss um die Zeit herum gewesen sein, als Antonio starb, ging ein Plopp durch meine Innenräume und löste den Wörtersalat, den Wörterlärm, auf. Und nun: Einfach Ruhe. Neben aller Sorge, Ungewissheit, Tausenden von Fragen und all der vielen sinnlosen Erklärungsversuche. In mir drin war diese neue Ruhe. Wieder nur noch ich mit meinen eigenen Gedanken. Mit meiner eigenen Art zu denken. Ich habe Antonios Kraftfeld endlich verlassen.

Später kommen mein Lieblingsbruder und seine Frau. Auch Freundin L. kommt wieder, und wir treffen Entscheidungen. Was zu tun ist. Die Bestattung. Wo. Was. Wer. Die Karten. Wer übernimmt was? Ein familiäres Miteinander. Solidarität, die mehr ist als ein Wort.

Am Nachmittag fahren wir zum Polizeiposten, wo ich weitere Aussagen machen soll. Über Antonio, wie er war, was er tat, was er sagte. Auch alle seine nahen Freunde, Verwandten und Bekannten würden vernommen, sagen meine zwei Polizisten. Sinn und Zweck sei es zu ermitteln, was hinter der Tat stecke. Was er getan habe. Ob er zurechnungsfähig gewesen sei. Und natürlich: War Antonio wirklich der Täter gewesen und wie? Womit? Was hat es mit den leeren Campinggas-Flaschen auf sich, die man in den Trümmern gefunden hat?

(Fortsetzung folgt)

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Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Immer weiter von dir weg

Zehn Monate danach. Und weiterzuleben bedeutet, immer weiter von dir weg zu leben. Dorthin wo nur noch Worte zum Erinnern bleiben. Weil die Wirklichkeit sich langsam zurückzieht, wenn Worte nachfassen wollen. Verschwindest du immer weiter im Festschreibenwollen namenloser Tatsachen. Und ich sauge nach und nach das Leben aus den Worten, bis sie nicht mehr sind als eine Ansammlung zitternder Buchstaben. Die nicht mehr von dir tragen können, als die Bedeutungslosigkeit einer sich auflösenden Erinnerung. Gegenüber der Hände, die dein Gewicht suchen. Auf der Straße dein Gesicht, wie es hätte sein können. Halte ich dich mit meinen Blicken fest, bis ich dich wieder in der Menge verliere. Weil du immer mit Fremden mitgehst. In ein anderes Haus, wo deine Bilder an einer anderen Wand hängen, während meine Hände zuhause ausbluten und ich wieder und wieder zurück an den Anfang kehre: Zwei Wochen plus null und noch zählte keiner. Noch wusste keiner, dass es etwas zu zählen gab. Tage, Wochen, Monate, zehn Finger, zehn Zehen, eine Nase, einen Mund und zwei Augen, zwei Ohren, jedes einzelne Haar, später, später, wollen wir alles gezählt haben. Im grellen Licht, bei diesem betrachtet: Bleibt eine Frage. Ob du noch hier wärst, wenn ich von Anfang an alles gezählt hätte? Und noch einmal auf Anfang gehen: Zwei Wochen plus null und noch zählte keiner. Noch wusste keiner, dass es etwas zu zählen gab. Tage, Wochen, Monate, zehn Finger, zehn Zehen, eine Nase, einen Mund und zwei Augen, zwei Ohren, jedes einzelne Haar. Später, wollen wir alles gezählt haben. Später, wollen wir alles gezählt haben. Deine Finger, deine Zehen, jedes einzelne Haar. Geht immer mit Fremden mit. Also noch einmal auf Anfang gehen: Zwei Wochen plus null. Und wenn es vorbei ist, will alles gezählt sein. Wenn nur noch das Gefühl bleibt, dass die Zeit wirklich ein Ende hat. Will man noch einmal auf Anfang gehen.

Quelle: Lilium Rubellum (Seite 110) Kathrin Schadt, Horlemann Verlag 2014 (siehe  Medientipps)

Fremdkörper in meiner eigenen Welt

Einen Tag danach. Und man wachte zuhause auf. Am Morgen danach wachte man trotzallem irgendwann einfach wieder auf. Wie jeden Morgen, war das Bett noch da, der Schrank, der Tisch, das Zimmer. Die Augen zum Aufschlagen. Die Tasche aus dem Krankenhaus, ein Teller mit Essensresten, deine herunter gebrannte Kerze. Waren noch da. Die Hände auf der Decke über dem Bauch. Die Hände, waren noch da. Und er, der sein T-Shirt über den verschlafenen Kopf zog, glattstrich, war noch da. Das Gefühl aus dem fremd gewordenen Körper herausbrechen, mit einem lauten Knall in die darauffolgende Stille explodieren zu wollen. Mich auflösen zu wollen, in das Nichts, das uns geblieben, war noch da. Nichts, auf das kein lauter Knall folgte. Nichts das uns hinterließ, wie es sich an fühlte. Verwüstet. War ich die Einzige, die das ewig nachhallende Echo hörte. Während ich aufstand, Kleider überzog, Tee kochte, Tassen spülte, Tassen abtrocknete, Tassen in den Schrank stellte. War ich ein neugeborener Fremdkörper in meiner eigenen Welt.

Quelle: Lilium Rubellum (Seite 99) Kathrin Schadt, Horlemann Verlag 2014 (siehe  Medientipps)

Bleibt Erinnerung

Zwei Wochen plus null und noch zählte keiner. Noch wusste keiner, dass es etwas zu zählen gab. Tage, Wochen, Monate, zehn Finger, zehn Zehen, eine Nase, einen Mund und zwei Augen, zwei Ohren, jedes einzelne Haar, später, später, wollten wir alles gezählt haben. Im grellen Licht, bei diesem betrachtet, in der Sonne im Frühling, hatte sich nichts angekündigt. Während ich hier saß, in Sonne und Frühling, waren wir nicht alarmiert. Zwei Vögel im Paradies, erwarteten wir leichtsinnig eine Warnung: Peng, ein Schuss, ein Tusch vielleicht, ein Glöckchen. Irgendein Zeichen, auf das man in der Stille vertraut. Während ich hier saß und Zeitungsseiten umschlug, eine nach der anderen, entgegen der Nachmittagsschwere, wurde die Zeichnung der Nacht – das Zeichen – nur zwischen Schenkel geschlossen. Über den Fluss gesehen, in das später werdende Licht, das auf dem Wasser in bewegliche Scherben brach. Während ich hier saß, über den Fluss sah und das unfassbare Gefühl der letzten Nacht nur zwischen Schenkel schloss. Erst später erkannt, der Meilenstein am Rande des Weges, der letzte Brunnen an der Abzweigung zur Wüste.
Bleibt Erinnerung, aus der auch später nicht geschöpft werden kann: Ein Abend zu Hause im Frühling, ein Abend auf dem Balkon am wetterspröden Holztisch. Darauf eine Schüssel mit dampfenden Nudeln, ist das letzte Bild das wir wiedererkennen. Alles was folgte, bleibt fremd. Auch man selbst, ist neu, das Alte existiert nur noch entfernt. Hatte ohne Vorwarnung andere Vorzeichen bekommen, eine fremde Sprache, der wir uns einstimmig verweigern. In der Hoffnung, eines Tages zurück kehren zu können, in die Heimat. Dort, wo wir uns auskannten, war eine Schüssel Nudeln auf dem Tisch, eine Schüssel Nudeln auf dem Tisch, ist nicht mehr das, was es einmal war. Nichts mehr, nichts mehr ist, was es einmal war. Ein Abend im Frühling und Weingläser auf dem Holztisch, die wir füllten und leer tranken, um später mit purpurnen Lippen zwischen die Laken zu schlüpfen, die am Ende der Nacht über das Bettende gerutscht waren. Weil wir nichts brauchten, weil wir alles hatten. Vor allen Dingen dieses unfassbare Gefühl, dass alles gut war.

Quelle: Lilium Rubellum (Seite 11) Kathrin Schadt, Horlemann Verlag 2014 (siehe  Medientipps)

Anfang und Ende

fang an fang an fang an fang a t m e ein nicht an fang
nicht an gefangen in anfang und ende nicht in sicht
weil hinter uns und vor uns kein ende kein anfang
in ein ander gefallen ande endfang begrüßen wir d abschied
und wir verschwinden mit in ein an gefangenes bild an einer
an deren wand in einem an deren haus ist anders das wir
nachdem ein mal eins gleich drei und ein mal drei nie wieder
zwei abschiede denn es bleibt ein fehlen bleibt ein anderes bleibt
ein zwischen sein bleibt
ein ohne uns

Quelle: Lilium Rubellum (Seite 10) Kathrin Schadt, Horlemann Verlag 2014 (siehe  Medientipps)

Ohne Uns

Vierzig Wochen plus drei und als der Zeitpunkt gekommen war, dich Fremden übergeben, in einer Sporttasche fortgetragen. Während die Stunden ohne dich mir im Sekundentakt die Haut vom lebendigen Leib zogen und ich durch die Kälte auf den Friedhof eilte, war ich nur noch rohgefühltes Fleisch. Als ich dich dort ein letztes Mal wiedersah. Das Tuch ein letztes Mal von deinem Gesicht zog, als würde ich daran mit dir ersticken. Ließen wir dich Stück für Stück in die Tiefe, gaben dich für immer auf diesen Grund. Endlos die Erde, die nach und nach in die Tiefe fiel, nicht rieselte, auf dein fliederfarbenes Tuch. Während ich mir den Bauch hielt, aus dem mich deine Leere nun ununterbrochen anschrie. Wollte ich mir die Ohren zuhalten und hielt mir den Bauch. Weil wir uns auf namenlosem Boden verloren hatten, statt uns zu halten. Kannten wir uns nicht mehr, sein Blick meinem fremd. Erlebten wir dasselbe, voneinander getrennt. Und fragten uns dennoch, ob die Götter besänftigt, uns vielleicht verschont hatten. Und wir sahen genauer hin, und wir fanden uns nicht wieder. Wir war nicht mehr das alte und wir fanden kein neues. Weil wir uns nicht an zwei erinnern konnten, nachdem Wir einmal drei war. Bleibt ein Fehlen, bleibt ein Anderes, ein Zwischen Sein, ein Ohne Uns.

Quelle: Lilium Rubellum (Seite 70) von Kathrin Schadt (siehe  Medientipps)

Liebesbrief an Lars Andreas

geboren am 12. Juli 2000, gestorben am 12. Juli 2003

geliebter engel lars andreas

februar 04. draussen liegt schnee. dein grab ist zugeschneit, hat eine weisse decke bekommen. als ich heute auf dem friedhof war und an unsere gemeinsame zeit dachte, sind wieder so viele schöne erinnerungen in meinem herzen erwacht. letztes jahr sind wir viel zusammen geschlittelt und du konntest nicht genug bekommen von diesem weissen element. wir haben schneemenschen gebaut, sie jeden tag besucht und die weggeschmolzenen teile wieder aufgebaut. brotbaecker_lars3dann erinnere ich mich an unsere gemeinsamen zeiten in der küche, wenn wir kochten oder zusammen brot gebacken haben und du deinen teig immer und immer wieder mit hingabe und konzentration ausgerollt und wieder zusammengeknetet hast.

ich erinnere mich so gerne an unsere unzähligen waldspaziergänge. und immer wieder erinnere ich mich an episödchen aus unserem leben … so ‚weisst du noch?’-geschichten.

als wir, es war dein dritter herbst, mal bei freunden waren, gab es eine ganz feine currysauce mit kokosmilch drin, so, wie du es am liebsten hattest: du hast mit deinen knapp zweieinhalb jahren zugelangt, zwei teller voll … die freunde waren ganz glücklich und wünschten sich, dass ihre beiden kinder doch auch so appetit hätten …

oder deine wortspiele und -kreationen: der schneeschnüüzerraupebagger mitohni rädli dranne, oder all die anderen fahrzeuge, die du dir ausgedacht hast … und die wir dir dann zeichnen oder aus lego bauen sollten … alle diese verrückten mobilés, die du erschaffen hast…

… und wie oft denke ich bei einem missgeschick an deinen (von mir geklauten und umgewandelten) satz: „das muess dänk eigentlich eifach eso sii, mama …“

auf meinem spiegel steht ein satz. dein satz! einen monat bevor du gestorben bist, bist du singend aus deinem zimmer, wo du mit legos und steinen gespielt hast, zu mir gekommen. ich habe das bad geputzt. du hast dich vor mich hingestellt und mir deine liebeserklärung vorgesungen. „mama, ich han dich ganz fescht gärn!“ deine lieder, wie ich sie geliebt habe! du hast nicht ‚unsere’ fertigen lieder gesungen, sondern deine ideen musikalisch unterlegt…, so richtig aus dem bauch raus!

weisst du noch, wie wir an deinem letzten sonntag auf dieser welt mit freunden am klingnauer stausee spaziert sind? wir haben da den fröschen, jungen schwänen und enten gelauscht und uns beim spazieren durch den wald am licht- und schattenspiel erfreut. plötzlich war da dieses wort, das ich zuerst nicht verstand. ich fragte nach: „was hast du gesagt?“ du sagtest, dass das der sonnenbrunnen sei, da, über uns. und zeigtest durch die blätterdecke, wo das licht so reinblinzelte. wir haben dich zuerst nicht verstanden, weil uns das wort ja nicht vertraut war. doch als wir es dann endlich begriffen, hast du mit der sonne um die wette gestrahlt!

an deiner beerdigung haben wir uns daran erinnert. am morgen hatte es, nach einer gewittrigen nacht, noch geregnet. am nachmittag dann war es trocken, verhängt, und der himmel grau. ganz am schluss, als wir alle miteinander dein grab geschmückt und zusammen noch „the river is flowing“ gesungen haben, ging die dunkle himmelswand auf und der sonnenbrunnen (du!!!!) hat gestrahlt, überirdisches tröstliches licht!

heute habe ich versucht, mir mal die welt und einen normalen sommertag aus deiner sicht vorzustellen….

*****

„die vögel singen. draussen vor dem fenster. das sonnenlicht glitzert durch die ritzen der storen und malt muster an die gegenüberliegende wand. ich sehe die blätter, die sich im wind wiegen und stelle mir vor, dass sie einen reigen tanzen zur musik der vögel. wenn ich in der nacht das sommerland besuche, sehe ich, dass da viel mehr möglich ist, als wenn es tag ist. mama hat mir erzählt, dass das sommerland auch am tag da ist, aber dass wir verlernt haben, dieses mit unseren tagaugen zu sehen. was ‚verlernt’ heisst, verstehe ich nicht ganz.

manchmal, wenn wir spazieren gehen, sagt sie, dass sie mit ihren augen nicht mehr die zwerge sehen kann unter den bäumen, oder die elfen und nymphen im wasser. das tut mir dann leid für sie, denn die sind ganz besonders schön. am liebsten setze ich mich unter die tannen und singe ihnen mein lied vor, das ich in mir drin immer singe. manchmal kommt mama auch unter die tannen und dann singen wir gemeinsam. sie hat ein anderes lied und ich glaube, sie hat es bereits ein bisschen vergessen. aber das ist halt schwierig mit den grossen leuten, die müssen an viel denken. sie müssen weg, aus dem haus, und dann haben sie dafür ‚geld’ und mit dem geld gehen wir dann ins coop oder auf den markt und tauschen es gegen äpfel, birnen und penne, oder andere feine sachen.

mama kommt ins zimmer. ‚guten morgen, mein lieber goldspatz, du singst ja schöner als die vögel draussen …’ sagt sie. sie sagt oft so schöne und liebe sachen zu mir. ich habe mama ganz fest lieb!! ich lache sie an und freue mich… während sie das fenster schliesst und die rolläden hochkurbelt, fragt sie, ob es im sommerland schön gewesen sei. ja, sage ich, heute habe ich meine rote frau gesehen. sie hat mich begrüsst und mir viele früchte gegeben. wir haben zusammen auf einer wiese gespielt. sie heisst lanti, hat sie gesagt. mama strahlt mich an. ihr kann ich alles erzählen, sie weiss, dass es wahr ist. aber sie hat auch gesagt, dass viele leute nicht mehr träumen können. und denen solle ich nicht vom sommerland erzählen, weil sie es nicht verstehen.

wir gehen in die wohnküche und ich trinke am tisch einen becher feinen fencheltee. den mag ich am liebsten. beim frühstück beschliessen wir, heute picknicken zu gehen, auf dem weissenstein, weil ich ‚luftgondel’ fahren möchte. wir bereiten auf dem tisch vor, was wir mitnehmen wollen. ich hole meinen kleinen rucksack aus dem zimmer. aber zuerst muss ich ihn noch ausräumen, denn gestern habe ich meine schönen steine hineingesteckt. ich liebe steine und packe sie ein und aus, manchmal stibitze ich auch mamas edelsteine. am liebsten habe ich den brasilianischen rosenquarz, weil der so viele verschiedene farben hat. oder auch den kleinen amethysten. ich nehme mein lieblingsbüchlein mit, das von den beiden hasen, die sich so lieb haben….

auf der gondel ist es kühl, ich sitze auf mamas schoss und wir kuscheln uns in die wolldecke ein, die uns der mann gegeben hat. er hat das wägeli auf die nächste gondel gepackt und ich schaue immer, ob das wägeli auch wirklich kommt. mama sagt, dass ich keine angst haben muss wegen dem wägeli. hoffentlich hat sie recht. oben auf dem weissenstein ist es viel kühler als unten. mama zieht mir die jacke an. wir machen einen schönen spaziergang und dann setzen wir uns in die wiese. wir haben brot und käse mitgenommen, äpfel und vollkornguetzli. und ein sojajoghurt, das ich so gerne mag. aber jetzt ist es kühl und er wind bläst uns um die ohren. „mama, gehen wir wieder heim?“ frage ich. mama ist ein bisschen traurig, weil es nicht so warm ist, wie sie gedacht hat. wir gehen zurück zum bähnli. dann sehen wir, dass auf dem spielplatz ein karussel steht. „ich möchte dorthin“, sage ich zu mama. es hat auch ein klettergestell, aber sobald das karussell anhält, möchte ich mitfahren. mama hilft mir beim einsteigen. auch andere kinder steigen ein und dann wirft mama einen batzen in den schlitz und los geht’s! es ist soooooooo schön. larsaufkarussell2 die ganze welt fliegt vorbei. und da fliegt der sonnenhut des mädchens vor mir in die luft, wirbelt und tanzt und fällt auf den boden. wie lustig es aussieht. wir müssen alle lachen!!!! ich darf sitzen bleiben als das karussell anhält, weil nun eine andere mama und später noch ein grosspapa und später noch eine andere mama geld in den schlitz werfen. die ganze welt wirbelt und dreht sich. es ist wunderschön. ich lache und singe.

später gehen wir zu den kinder-eisenbahnen. das kann ich zwar noch nicht so gut alleine, aber manchmal hilft mir mama oder dann darf ich bei den anderen kindern mitfahren. mama ist zu gross dafür. sie reibt sich den rücken! wie gut ich es doch habe, dass ich noch klein bin!

dann fahren wir mit der gondel wieder abwärts. das wägeli fährt auch mit. im wald machen wir noch einen spaziergang und sehen viele zwerge unter den tannen. und schliesslich fahren wir wieder nach hause. es ist so heiss, dass ich müde im kindersitzli einschlafe.

zuhause packen wir dann die sachen wieder aus und waschen zusammen das geschirr ab. ich stehe auf dem stuhl am spültrog und rubble mit dem schwamm die plastikteller sauber. mama sagt, dass ich das schon gut mache. sie küsst mich auf die backen und sagt, dass sie mich sehrsehr gerne hat.

als ich ihm bett liege und nur noch mit halbem ohr der geschichte und nachher dem lied, dass sie singt, lausche, spüre ich die liebe und geborgenheit, die mich umgibt.“

*****

ob du dich so gefühlt hast? ich glaube, trotz der schwierigkeiten, die dein papa und ich hatten, warst du ein glückliches kind! was haben wir gelacht, getanzt und gesungen, büchlein angeschaut, steine gesammelt und uns mit blättern vollgeworfen im herbst. oder sind auf dem hosenboden den wald runter gesaust. ich bin durch dich eingetaucht in die welt des lachens, der übermut und der unbeschwerheit. auch wenn du nicht mehr hier bist, bei mir, physisch meine ich, so bin ich doch noch immer mit dir verbunden und merke, dass du mir so viel geschenkt hast. das kann mir niemand weg nehmen. ich bin durch zeiten tiefster trauer gegangen, wut, verzweiflung, hilfeschreie, vermissen bis zur hoffnungslosigkeit, viele tränen habe ich geweint, aber deine liebe ist immer da gewesen. wie sehr ich dich liebe! immer lieben werde! danke, dass deine liebe mir zu leben hilft!

geliebter sohn, danke für alles, immer wieder!

deine erdenmama“

© dm/by girasol-team

wenn sie hier klicken, können sie einen ausschnitt davon lesen, was lars uns in der zeit meiner schwangerschaft mitgeteilt hat …

Zur Erinnerung an Lars Andreas

geboren am 12. Juli 2000, gestorben am 12. Juli 2003

Mein Sohn Lars ist im Alter von drei Jahren, genau an seinem dritten Geburtstag, gestorben.

geborgen in mamas schoss2  auf dem weissenstein2

Wenn mich Kinder fragen, weshalb er gestorben ist, und dies geschieht meistens in einer einfachen, natürlichen, nicht von Tabus verstopften Atmosphäre, erzähle ich es so: „Weißt du, der Papa von Lars hat ein ganz krankes, trauriges Herz gehabt. Er hat nicht gerne auf dieser Welt gelebt!“ Spätestens hier schauen mich die Kinder fragend an. „Wie kann ein Mensch denn nicht gerne leben?“ scheinen sie fragen zu wollen, vor allem dann, wenn sie noch jünger sind und noch nichts Gravierendes, Tragisches erlebt haben. Oder selbst wenn… „Ja, und als ich dann nicht mehr mit dem Papa zusammenleben mochte, weil es so schwierig wurde und er immer noch trauriger geworden ist, bin ich weggezügelt. Ich habe gehofft, dass jetzt der Papa sagt: „Okay, jetzt gilt’s ernst. Jetzt packe ich mein Leben wieder!“ Aber der Papa war schon so fest krank im Herz, dass er nur noch sterben wollte. Und weil er es nicht ausgehalten hat, sich von unserem Sohn Lars zu trennen und Lars hier auf dieser für ihn so bösen Welt zu lassen, hat er ihn mitgenommen! Das ist für mich ganz schlimm und ich vermisse ihn ganz fest!“

„Dein Tod ist für mich noch immer ein grosser Schock. Dein Vater, den ich eins so sehr liebte, hat es nicht geschafft, das Leben, das er hatte, so zu leben, dass er glücklich sein konnte. Er fand das Leben so schlimm, dass er es sogar dir, Lars, ersparen wollte … und hat euch beide umgebracht. Du bist Lachen, dein Strahlen hat alle berührt, deine Kreativität mit Steinen, Sand, Wasser oder Lego und anderen Spielsachen war genial. Deine Sprache war so kreativ! Wie viele Wörter du geschaffen hast! Mit dir Baden, Tanzen, Kuscheln, Bücher erzählen, Spielen, Backen, Kochen … war für mich soooo schön!“ (Nov. 03)

Was ich den Kindern nicht erzähle, ist, wie schwierig das Zusammenleben mit einem psychisch kranken Menschen ist. Wie sehr ich gelitten habe und wie sehr ich Angst um Lars hatte und um dessen emotionale Sicherheit. Der Tod meines Sohnes war das schreckliche Ende einer schwierigen Zeit und der Beginn einer wiederum sehr schwierigen Zeit. Nach der Zeit der ersten Trauer und des Schockes, der Zeit der Wut und der Verzweiflung fand ich einen Weg, mit der Trauer besser umzugehen. Auf meinem Weg bin ich auf andere Eltern gestossen, die Kinder loslassen mussten. Da ist sogar wieder Lachen und Lebensfreude möglich geworden. Dadurch, dass ich persönlich an ein Weiterleben nach dem Tod glaube, kann ich auch die Begegnungen mit Lars nach dessen Tod als Realitäten, und seine Ermutigungen an meine Adresse als Bestärkung für mein Leben annehmen.

Ich bin dankbar für all die schönen Stunden mit meinem Sohn Lars, auch wenn es nur drei Jahre waren, so ist doch sein Lachen für mich das schönste Geschenk meines Lebens.

dm/frühling 04/ © by girasol-team

***

Am 17. April 04  im ‚Bund‘
(Berner Tageszeitung)


In der Wochenendbeilage ‚Kleiner Bund‘ beschreibt die freie Journalistin Regula Tanner, selbst Mutter zweier Kinder, die Trauerarbeit einer Mutter, die ihr Kind verloren hat.

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Zum ersten Todestag von Nils

geboren am 12. Dezember 2001, gestorben am 21.Juni 2003

Lieber Nils

Nun ist es schon ein Jahr her, dass Du von uns ‚gegangen‘ bist. Auf dem Kalender schon ein Jahr, im Herzen aber kommt es mir vor, als ob es eben erst geschehen ist. Mit jedem Tag, der näher an Deinen Todestag kam, kamen auch die Erinnerungen und der Schmerz!

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Wir haben alles vorbereitet für die Ferien, Du warst so zufrieden, hast noch geschlafen im Auto, es war eine gute Fahrt!

Ich sehe immer wieder Dein Gesicht vor mir, wie Du mit Deinen paar Zähnen strahlst , eben wie ein kleines Schlitzohr, Du warst immer so fröhlich und konntest alle um Deine Fingerchen wickeln. Du wolltest immer in den Armen von Deinem Papi oder mir sein, Du warst ein Schmuser. Dann aber kommen mir wieder die weniger schönen Erinnerungen; Der Unfall; als das Rad Dich überrollt hat, die Benachrichtigung an all Deine Verwandten, der Abschied von Dir, als Du schon in den Sarg gebettet warst und dann noch die Beerdigung!

Obwohl das auch Bilder von Dir sind und ebenfalls zur Erinnerung gehören, würde ich gerne genau diese Bilder aus meinen Gedanken streichen!

Mein kleiner Schatz, ich stehe jeden Abend am Fenster und schaue nach den Sternen und beim hellsten Stern bleibe ich „hängen“ und denke, der wärst Du!

Ich spreche mit Dir und bete mir Dir, schicke Dir tausend Küsse und tausend ‚Drückeli‘ wie Du sie auch so gerne gabst. Ich hoffe sehr, dass es Dir gut geht und Du jemanden gefunden hast, der Dich in die Arme nimmt!

Dein Bruder Sven hat mir einmal am Morgen von einem Licht in seinem Zimmer erzählt, von dem er wach wurde  und das weg ging als er nachschaute! Ich bin mir sicher: Du warst da!  Ich hoffe sehr, dass es noch mehr von diesen Momenten in unserem Leben gibt.

Und egal wie lange es noch geht, ich freue mich auf unser Wiedersehen!

Wir lieben und  vermissen Dich und drücken Dich in Gedanken ganz fest an uns!!

Mami, Papi & Sven

© by br/juni 04/© by girasol-team