Weiterleben ohne Lars – Teil 3

Am einen der ersten Nachmittage nach dem Unglück, als meine Freundin C. in meiner Küche von den Fahndern vernommen worden war, hatte ich mich kurz auf Lars’ Bett gelegt, um zur Ruhe zu kommen. Lars’ Zimmer war ein wunderbarer Raum. Ich lag da, das Fenster war offen. Draußen hörte ich Lars’ Kameradinnen und Kameraden spielen und lachen und ich lag einfach nur da.

Auf einmal sah ich wie in einem Film Lars’ Abschiedsfeier vor meinen inneren Augen. Ich sah den Ablauf, sah die Menschen, die in der Kapelle standen und den anderen etwas erzählten; etwas über das Leben, etwas über Lars.

Lars sollte im geschlossenen Sarg aufgebahrt werden, entschied ich. Seinen Anblick wollte ich niemandem zumuten, war ich mir ja selbst nicht sicher, ob ich ihn ein zweites Mal ertragen hätte. Und das nicht nur wegen all seiner Verletzungen. Nach der Aufbahrung, vor der Feier in der Kapelle, würden wir alle gemeinsam mit dem Sarg zum Grab gehen, den Sarg ins Grab begleiten, allenfalls etwas ins Grab zu legen.

Nach der Feier in der Kapelle würden wir alle nochmals ans inzwischen gedeckte Grab gehen. Der letzte Abschied mit der Möglichkeit, etwas auf dem Grab zu hinterlassen. Später würden wir im Wald das Weiterleben mit einem kleinen Imbiss willkommen heißen.

Mein innerer Film war sehr klar und schon kurze Zeit später erzählte ich dem Bestatter, den wir aus dem Telefonbuch gefischt hatten, von meinen Plänen für die Feier. Die Kapelle des ausgewählten Friedhofs buchten wir gleich doppelt so lange wie üblich. Eine sehr weise Entscheidung, wie sich später herausstellen würde.

(Fortsetzung folgt)

Teil 1: → Hier klicken (Tag 1)
Teil 2: → Hier klicken (Tag 2.1)
Teil 3: → Hier klicken (Tag 2.2)
Teil 4: → Hier klicken (Tag 3.1)
Teil 5: → Hier klicken (Tag 3.2)
Teil 6: → Hier klicken (Weiterleben #1)
Teil 7: → Hier klicken (Weiterleben #2)

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Weiterleben ohne Lars – Teil 2

Noch heute staune ich zuweilen über meine Reaktion in den ersten Tagen nach Lars’ Tod. Wie ruhig ich geblieben bin. Wie intensiv ich alles beobachtet, wahrgenommen und erlebt habe. Im tiefen Schmerz zwar, und zeitweilig starr und atemlos, dennoch sehr bewusst. Klar irgendwie. Ich lebte auf Autopilot und bezog meine Energie von einem Notstromaggregat, dessen Vorhandensein mir nicht bewusst gewesen war, bis ich es gebraucht hatte. Ich wusste von Anfang an, dass es irgendwann nicht mehr funktionieren würde, wenn es nicht wieder mit neuer Energie befüllt würde. Noch aber ging es. Ich hielt durch. Ich hielt mich aufrecht. Und ja, ich trauerte exzessiv. So intensiv und so bewusst, dass ich es noch heute, viele Jahre später, fast körperlich spüren kann, wenn ich mich auf die Erinnerungen an diese Zeit einlasse.

Die erste Woche nach Lars’ Tod verging mit den Vorbereitungen für die Beerdigung, mit dem Leeren des Briefkastens, der täglich übervoll mit Briefen und Karten voller Anteilnahmen waren – oft von fremden Menschen sogar –, mit Telefongesprächen und den Besuchen von Freunden und Freundinnen.

Der Verdacht, dass Antonio am Freitag vor der Explosion in einem örtlichen Fachhandel drei große Campinggasflaschen gekauft und sich ins Haus hatte bringen lassen, hatte sich schließlich bestätigt. Offenbar muss er den ganzen Tag über das Gas langsam ausströmen haben lassen. In der Absicht daran zu sterben. Zusammen mit Lars. Weil Campinggas nicht tödlich aber hochexplosiv ist, kam alles anders als er es gewollt hatte. Was immer er wirklich gewollt hatte. Ein ganz und gar anderes Leben vermutlich.

Ich auch. Inzwischen war ich unfreiwillig eine Art gläserner Mensch geworden. In den Zeitungen wurde über unsere Trennung berichtet, es wurde gemutmaßt und spekuliert und ich las das alles, ohne mich darin wirklich wiederzuerkennen. Niemand wusste wirklich, wie es gewesen war. Was wirklich geschehen war.

Mehr interessierte mich, wie ich das alles ertragen sollte. Und wie konnte wir eine Abschiedsfeier gestalten, die wirklich diesen Namen verdient hatte?

(Fortsetzung folgt)

Teil 1: → Hier klicken (Tag 1)
Teil 2: → Hier klicken (Tag 2.1)
Teil 3: → Hier klicken (Tag 2.2)
Teil 4: → Hier klicken (Tag 3.1)
Teil 5: → Hier klicken (Tag 3.2)
Teil 6: → Hier klicken (Weiterleben #1)

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Weiterleben ohne Lars – Teil 1

Mit jedem neuen Tag wird mir Lars’ Tod ein wenig wirklicher, dafür lässt der Schockschutzpanzer nach und der Schmerz ist oft unerträglich. Ich weine viel. Ich weine, wenn ich alleine bin und ich weine mit andern. Ich lasse meine Tränen zu und will im Grunde nur eins: Feststellen, dass das alles nicht wahr ist. Ich will Lars spüren, ich will mit ihm lachen. Ich will am Morgen erwachen und erkennen, dass es nur ein böser Traum war. Alles ist so verdammt verkehrt und so unglaublich anders. So verkehrt, dass ich keine Ahnung habe, wie ich das alles schaffen soll. Ich will, dass alles wieder normal ist. Und ich will auch nicht mehr von allen mit Samthandschuhen angefasst werden. Dennoch ist es ohne Frage das wirklich einzige Wohltuende, jetzt, in diesen Tagen, umsorgt zu werden, gehalten, getragen. Ich weiß mich geborgen in der freundschaftlichen Liebe meiner Freundinnen, Freunde und Verwandten.

Am Mittwoch erfahre ich aus der Zeitung, dass Antonio die drei großen Gasflaschen am Tag vor dem Knall gekauft habe. Er habe sie sich ins Haus liefern und den ganzen Samstag Gas in der Wohnung ausströmen lassen. Die Vermutung drängt sich auf, dass er sich und Lars vergasen wollte. Sanft einschlafen? Oder vielleicht doch lieber gefunden werden?

Vollkommene Gewissheit werden wir nie haben, doch ich bin sicher, dass Antonio nicht mit diesem Ausgang, dass er nicht mit der Explosion gerechnet hat. Immer wieder stelle ich mir vor, dass er bis zuletzt gehofft hat, gerettet zu werden. […]

Tage später, bei den Aufräumarbeiten, tauchen die Meerschweinchen der Nachbarskinder auf – höchst lebendig, was in diesem ganzen Chaos einem kleinen Wunder gleichkommt. […]

All die vielen Kleinigkeiten, die aus den Trümmern geborgen werden und die wir ehemaligen Nachbarinnen und Nachbarn eines Tages im Berner Zeughaus abholen dürfen: sie gleichen kleinen Fenstern in eine andere Welt, in eine unwiederbringlich vergangene Zeit.

Was für ein Spießrutenlauf für mich! Bei dieser Gelegenheit begegne ich den Eltern jener jungen Frau, die ebenfalls bei der Explosion gestorben ist. Wegen meines kranken Ex-Mannes. Wie leid sie mir tun! Und das, obwohl ich langsam begreife, dass das, was passiert ist, nicht meine Schuld ist. [Es ist Antonios Tat, nicht meine. Das musste ich mir damals immer wieder und das muss ich mir zuweilen auch heute noch in Erinnerung rufen.] Wir reden kurz miteinander. Aber trösten kann ich sie nicht. Zu gut verstehe ich ihre Not.

(Fortsetzung folgt)

Teil 1: → Hier klicken (Tag 1)
Teil 2: → Hier klicken (Tag 2.1)
Teil 3: → Hier klicken (Tag 2.2)
Teil 4: → Hier klicken (Tag 3.1)
Teil 5: → Hier klicken (Tag 3.2)

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Der dritte Tag ohne Lars – Teil 2

Der Nachmittag in der Stadt ist schlimm. Eine heftige Panikattacke überfällt mich, als ich im Copyshop auf die Bedienung warten muss. Es ist so laut und so wirr hier. Ich ertrage die vielen Leute nicht. Schwägerin C. begleitet mich nach draußen, wo ich mich auf eine Bank setze. Alles dreht sich vor meinen Augen. Die Welt kommt mir schief vor, laut und bunt. Obwohl doch in ihr etwas so Schreckliches passiert ist. Obwohl doch Lars nicht mehr da ist. Sie dreht sich einfach weiter, diese Welt, und ich sitze da und versuche, Luft zu bekommen und ruhig zu atmen. Schwägerin C. kauft derweil das ausgewählte Papier und die Umschläge und bringt das Bild von Lars zum Fotografen. Als wir in die Apotheke gehen, geht es mir wieder besser. Meine Ärztin hat mir ein sedierendes Psychopharmakon verschrieben und mir jede hilfreiche notwendige Unterstützung zugesagt.

Mit meinem Bruder P., meiner Schwägerin C. und Freund M., einem ehemaligen Wohngenossen, der inzwischen eingetroffen ist, fahren wir anschließend in den nahen Wald. Nach der Abdankung, die, wie wir inzwischen in Absprache mit dem Bestatter entschieden haben, auf dem nahen Friedhof S. in B. stattfinden wird, wollen wir einen kleinen Imbiss im Wald abhalten. Ein optimaler Platz ist schnell gefunden, denn hier kenne ich mich aus. Noch vor wenigen Tagen bin ich hier mit Lars vorbeispaziert. Und nun ist er tot. Und ich lebe. Ich lebe einfach weiter. Wir alle. Es ist nicht fair, dass Kinder sterben; es ist verdammt noch mal unfair, dieses Leben.

Aber dir, Lars, dir geht es gut. Ich spüre es. Ich weiß es. Ich vermisse dich dennoch. So sehr.

Mein Bruder P. sagt, dass meine Geschwister und eine Freundin von ihnen, die in der Gastronomie arbeitet, die Organisation des Imbisses nach der Abdankung übernehmen wollen. Ich bin dafür so dankbar. Ich erschrecke auf einmal über die Erkenntnis, wie froh ich darüber bin, dass meine Eltern das alles nicht mehr miterleben mussten. Wie hätten sie das gehandhabt? Meine Mutter? Hätte sie gesagt: Ich habe es dir ja gesagt?! (Anwendbar auf jede Kreuzung im Leben, die man rechts, links oder geradeaus fahren kann.)

Mit Freund M. zusammen, der heute bei uns auf dem Futon übernachtet, verpacke ich am Abend die Todesanzeigen, die ich auf das gelbe Papier ausgedruckt habe. Links ein Bild von Lars, darunter einige Zeilen aus dem kleinen Prinzen von Saint-Exupéry, die ich besonders tröstlich finde. Rechts einige Zeilen über Lars und darunter die Daten der Abschiedsfeier. Untypisch für eine Todesanzeige, aber typisch für mich. Und so wie es zu Lars und mir passt.

(Fortsetzung folgt)

Teil 1: → Hier klicken (Tag 1)
Teil 2: → Hier klicken (Tag 2.1)
Teil 3: → Hier klicken (Tag 2.2)
Teil 4: → Hier klicken (Tag 3.1)

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Der dritte Tag ohne Lars – Teil 1

Freundin C. hat mir für heute, Dienstagnachmittag, einen Notfalltermin bei meiner Hausärztin, die auch ihre Ärztin ist, organisiert. Heute wird mir meine Schwägerin C. tagsüber beistehen, da Freundin C. in ihrem Büro unentbehrlich ist. Meine Schwägerin C. und ich wollen nach dem Besuch bei der Ärztin zu einem Fotografen gehen, um für die Abschiedsfeier eine Vergrößerung eines Bildes von Lars abziehen zu lassen. Auch brauchen wir Papier für die Todesanzeigen. Das alles gibt es am Hauptbahnhof. Für den Vormittag steht allerdings ein erneuter Besuch bei der Polizei auf dem Programm, da wir am Vortag mit meinen Aussagen nicht fertig geworden sind. Nach der Identifikation von Lars in der Rechtsmedizin war ich zu erschöpft gewesen, um damit weiterzumachen. Dieser Dienstag würde ein voller Tag werden.

Erneut erwache ich, ohne mich vorerst an die Ereignisse der letzten Tage zu erinnern. Erst allmählich taucht alles wieder auf, es drückt mich von innen und ich bekomme kaum Luft. Nur langsam tauche ich an die Oberfläche, wo es nicht mehr ganz so weh tut und wo einzig das äußere Funktionieren zählt. Ich koche Tee und Kaffee. Gehe duschen. Ziehe mich an.

Im Briefkasten liegt die neue Ausgabe der Tageszeitung, die ich zur Probe abonniert habe. Im Briefkasten liegen auch, wie gestern schon, weitere Beileidskarten. Bereits im Treppenhaus springen mich die Schlagzeilen auf der Zeitung an. Selbst in meiner seriösen Zeitung stehen Dinge über mich, die ich nicht in meiner Tageszeitung lesen will. Obwohl es die sogenannten Fakten sind. »Familiendrama führte zu einem Akt erweiterten Suizids« steht da. Jedenfalls so ähnlich. Und so ähnlich steht es heute auch in allen anderen Schweizer Tageszeitungen. (Einzig das Boulevardblatt mit dem roten Namen nennt mich beim Namen. Meinen vollständigen Vornamen und den ersten Buchstaben meines Nachnamens. Außerdem berichtet es davon, wie ich vor Ort neben den Trümmern zusammengebrochen sei. Was so natürlich nicht stimmt. Diesen Zeitungsbericht sehe ich zum Glück erst später irgendwann.)

Nach den Schlagzeilen auf der Titelseite schaffe ich es nun kaum, die Treppe in den dritten Stock hochzusteigen. Mir ist schwarz vor Augen. Schwindlig. Kaum in der Wohnung lasse ich mich an die Wand gelehnt im Flur auf den Boden fallen, nicht mal ins Wohnzimmer schaffe ich es. Mein Blutdruck ist im Keller. Ich kann kaum atmen.

Nun wissen es alle!, fühle ich und denke ich. Nun wissen es alle, dass ich in meiner Ehe versagt habe. Dass ich meinen Mann verlassen habe. Aber, und das denke ich ebenfalls, aber das ist doch einfach nicht fair! Ich bin doch nicht die einzige Schuldige. Aber alle werden nun glauben, dass das alles nur deshalb passiert ist, weil ich böse Egoistin meinen armen, kranken Mann verlassen habe. Und dazu habe ich überlebt, statt hinzufahren und sie zu retten. Oder zumindest mit Antonio und Lars zu sterben.

Freundin C. hilft mir wieder auf die Beine und begleitet mich zum Bett. Ich lege mich nochmals kurz hin. Bald klingelt das Telefon. Bestimmt die Polizei! Oh, wir müssen los! Aber ich kann doch jetzt nicht …

Die beiden Polizisten sind in weiser Voraussicht, da sie ebenfalls Zeitung gelesen haben, direkt zu uns gekommen, statt mir die Fahrt zu ihnen zuzumuten. Darüber bin ich sehr froh. Auch dass Freundin B. noch immer da ist. Sie und Freundin C. beantworten dem einen Polizisten in der Küche dessen Fragen, während ich mit dem andern Polizisten in meinem Wohn- und Schlafzimmer sitze, ihm mehr aus meinem Leben mit Antonio erzähle und seine noch offenen Fragen beantworte. Auf einmal hält der Polizist inne und schaut mich mit diesem Blick an, den ich inzwischen schon oft bei ihm gesehen habe. Respekt?

Was mich erstaunt, Frau M., ist ja, dass Ihre Aussagen die objektivsten sind, die wir inzwischen bekommen haben. Niemand sonst hat so fair über Antonio gesprochen wie Sie. Und inzwischen sind schon ziemlich viele Aussagen zusammengekommen, glauben Sie mir. Dass Sie bei all diesem Schrecklichen trotzdem so nahe an den Fakten über ihren Mann reden können! Ich gestehe, dass Sie meinen ganzen Respekt dafür haben. Nun gut, machen wir weiter …

Die Aussageprotokolle drucken wir, damit ich alles gleich unterschreiben kann und nicht nochmals auf die Wache muss, gleich auf meinem Drucker aus. Wieder rauchen wir auf dem Balkon unsere rituelle Zigarette und zum Abschied verkaufe ich dem einen Polizisten, der auch Kinder hat, Lars’ letzte angebrochene Windelpackung. Er darf sie leider nicht als Geschenk annehmen und ich möchte eigentlich auch kein Geld annehmen, aber nun denn …

Erst an Lars’ Beerdigung sehe ich die beiden wieder und ein halbes Jahr später, zu Weihnachten, erhalte ich von den beiden eine sehr persönliche handgeschriebene Weihnachtskarte mit ihren allerbesten Wünschen.

(Fortsetzung folgt)

Teil 1: → Hier klicken
Teil 2: → Hier klicken
Teil 3: → Hier klicken

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Der zweite Tag ohne Lars – Teil 2

Anschließend fahren wir alle, eskortiert von den beiden Fahndern, ins Rechtsmedizinische Institut, wo ich Lars ein allerletztes Mal sehen werde. Nur mein Bruder, Freundin L. und ich gehen schlussendlich in den Raum. Die Fahnder, meine Schwägerin und Freundin C. bleiben draußen. Ich will und ich muss. Könnte ich heute, viele Jahre später, die Zeit zurückdrehen, würde ich anschließend an die Obduktion meinen Sohn mit nach Hause nehmen, im Sarg, und ihn berühren. Dazu bin ich damals jedoch nicht in der Lage. Nicht einmal, als mir K. N., jener sehr kompetente und herzliche Bestatter, den wir zufällig aus dem Telefonbuch gepickt haben, genau das vorschlägt.

Nur P., L. und ich betreten also den Raum, der so ganz anders ist als die kalten Aufbewahrungshallen, wie man sie aus Krimis kennt. Lars: hinter Glas, aufgebahrt und in Tücher gewickelt. An Farben erinnere ich mich nicht mehr. Aber hell war alles. Hell und liebevoll. Ich meine mich zu erinnern, dass der Raum etwas Sakrales ausstrahlte, Ein kleiner, abgedunkelter Raum mit indirektem Licht. Kerzen womöglich? Eine Art Terrarium also, in das wir blicken. Ein Stilleben; nature morte, die französische Übersetzung, trifft es besser, tote Natur. Unwirklich alles. Ich stehe neben mir. Lars’ Augen sind geschlossen, seine Wangen rot und zerkratzt, ansonsten sieht er beinahe unbeschadet aus. Liegt ruhig da, eine Blume auf seiner Brust; oder spielt mir meine Erinnerung einen Streich? P. und L. halten mich fest, ganz großer Bruder und liebe Freundin. Noch nie habe ich Menschen so sehr gebraucht wie in diesem Moment.

Es ist nur seine Hülle, sagt P.. Immer wieder sagt er es. Das ist nur seine irdische Hülle. Meine Knie werden weich. Können mich kaum aufrecht halten.

Ich sehe Lars. Alles was ich noch kann. Sehen. Ansonsten bin ich ganz und gar leer. Kann nicht denken. Kann nicht fühlen. Da ist nur Leere. Und dieser Schwindel. Es ist nur seine Hülle, sagt P. wieder. Eine Stimme aus dem Off fragt, ob das mein Sohn sei.

Ich fühle und sage: Das ist doch nicht mein Sohn! Denn nein, er ist es nicht, er ist es nicht mehr; nicht dieser Lars, den ich liebe. Den ich kannte. Den ich geboren habe.

Die Stimme fragt nun, ob ich sicher sei, dass das nicht mein Sohn sei. Fast ein wenig böse sage ich: Doch, natürlich ist er es. Er versteht ja doch nicht. Sinnlos also, ihn mit Rätseln, die niemand lösen kann, zu verwirren. Er kann ja nichts dafür, der Arzt, aber mir ist nicht nach Floskeln.

Auf einmal überflute ich. Da ist nur noch Hass. Wir gehen in den Flur zurück, wo C. und meine Schwägerin mit den beiden Fahndern warten. Ich stürze mich ans Fenster, bekomme kaum mehr Luft, reiße das Fenster auf, schreie: Ich hasse dich, ich hasse dich, hörst du, ich hasse dich … Ich bin so außer mir wie noch nie. Ich weiß, ich werde explodieren, wenn ich diesen Hass jetzt nicht herausschreien kann.

Und auf einmal ist es wieder vorbei. Mein innerer Vulkan ist eruptiert, die heiße Lava namens Hass hat sich ergossen und in mir ist wieder nur noch Leere. Ich will nichts mehr. Hoffe nichts mehr. Fühle nichts mehr. Bin taub.

Freundin L., Bruder P. und seine Frau C. fahren nach Hause, Freundin C. kommt wieder mit zu mir, in unsere temporäre WG. Später kommen Ca. und B. Ca. ist meine allererste Yogalehrerin gewesen, B. meine Hebamme und ebenfalls Yogini. Wir vier Frauen sitzen am Tisch. Irgendeine hat gekocht, glaube ich, und wir tauschen Erinnerungen an Lars aus. Eine war neulich auf dem Friedhof in Br., einem wunderschönen Platz. Wir beschließen spontan, mit meinem Auto dorthin zu fahren und ihn uns anzuschauen. Vielleicht könnten wir Lars ja dort beisetzen?

Der Ort ist wunderbar magisch, still, und strahlt viel Geborgenheit aus. Wir setzen uns in die Kirche und auf einmal singen wir Mantren. Später, zurück bei mir, texten wir die Todesanzeige. Ich habe schon am Nachmittag, mit L. zusammen, damit angefangen. Nun gestalte ich die Karte auf dem Laptop fertig und wir überlegen, welche Papierfarbe dazu passen könnte. Hellgelb, blaßgelb, entscheiden wir.

Diese Nacht schlafen wir zu dritt in meiner kleinen Wohnung. Das neue Futonsofa kommt das erste Mal zum Einsatz. B. weiht es ein. Ich nehme wieder eine Schlaftablette.

Teil 1: → Hier klicken
Teil 2: → Hier klicken

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Der zweite Tag ohne Lars – Teil 1

Der nächste Morgen findet mich verkatert. Das Schlafmittel hat mich regelrecht ausgeknockt. Ich habe so tief geschlafen, dass ich eine ganze Weile brauche, bis mir alles wieder einfällt. Ich koche Kaffee für meine Freundin und Tee für mich und ziehe viel Kraft aus diesen banalen Handlungen. Auch das Duschen tut gut. Obwohl ich im Grunde überhaupt nichts gut finde. Nicht jedenfalls, was passiert ist. Nichts davon kann ich wirklich verstehen, noch immer weiß ich nicht, was die Explosion verursacht hat, noch wie Antonio damit zusammenhängt. Und dennoch ist in allem Unbegreiflichen drin etwas, was im Grunde noch viel unbegreiflicher ist. Worte wie Frieden, Ruhe oder Trost für das, was mich erfüllt, klingen banal. Treffen nicht den Kern.

Doch sie ist da, diese neue Ruhe. Hat dem ständigen Lärm, diesen allgegenwärtigen inneren, emotional aufwühlenden Wörterlärm, dieses Kopfkino in mir, abgelöst. Es ist ja nicht so, dass ich Stimmen gehört habe, das nicht, doch bin ich kaum mehr in der Lage gewesen, in ganzen Sätzen, zusammenhängend, zu denken. Wie lange das schon gedauert hat, vermag ich hinterher nicht mehr zu sagen. Schreibend denken habe ich immer gekonnt, doch konzentriert und ruhig zu denken, habe ich nach und nach verlernt. Am Samstagabend, es muss um die Zeit herum gewesen sein, als Antonio starb, ging ein Plopp durch meine Innenräume und löste den Wörtersalat, den Wörterlärm, auf. Und nun: Einfach Ruhe. Neben aller Sorge, Ungewissheit, Tausenden von Fragen und all der vielen sinnlosen Erklärungsversuche. In mir drin war diese neue Ruhe. Wieder nur noch ich mit meinen eigenen Gedanken. Mit meiner eigenen Art zu denken. Ich habe Antonios Kraftfeld endlich verlassen.

Später kommen mein Lieblingsbruder und seine Frau. Auch Freundin L. kommt wieder, und wir treffen Entscheidungen. Was zu tun ist. Die Bestattung. Wo. Was. Wer. Die Karten. Wer übernimmt was? Ein familiäres Miteinander. Solidarität, die mehr ist als ein Wort.

Am Nachmittag fahren wir zum Polizeiposten, wo ich weitere Aussagen machen soll. Über Antonio, wie er war, was er tat, was er sagte. Auch alle seine nahen Freunde, Verwandten und Bekannten würden vernommen, sagen meine zwei Polizisten. Sinn und Zweck sei es zu ermitteln, was hinter der Tat stecke. Was er getan habe. Ob er zurechnungsfähig gewesen sei. Und natürlich: War Antonio wirklich der Täter gewesen und wie? Womit? Was hat es mit den leeren Campinggas-Flaschen auf sich, die man in den Trümmern gefunden hat?

(Fortsetzung folgt)

Teil 1: → Hier klicken

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Der erste Tag ohne Lars

Ständig klingelt das Telefon. JournalistInnen wollen mich interviewen. Meine Freundin C. wimmelt alle ab. Weitere Freundinnen und Freunde kommen spontan vorbei und trauern mit uns. Der Tag vergeht in einer Art Rausch. Trauerrausch. Ich weine so viel, dass mein Kopf schmerzt. Auch weil ich so müde bin. Mir ist schwindlig. Irgendjemand kocht etwas. Vermute ich. Niemand kann sich erklären, wie das alles passieren konnte. Was auch immer überhaupt passiert ist.

Irgendwann ruft der oberste Chef der Polizei an, bittet mich persönlich an den Apparat und spricht mir persönlich sein Beileid aus. Die Obduktion sei für morgen, Montagvormittag, angesetzt; ob ich am Nachmittag meinen Sohn identifizieren wolle; ob ich das persönlich machen wolle oder jemanden schicken. Ich sage, dass ich ihn auf jeden Fall sehen will. Sehen muss. Nein, A., Lars’ Vater, will ich nicht sehen. Niemand will das. Nicht mal die Eltern, wie ich höre. Er sehe schrecklich aus. Ich will mit ihm und seiner Familie nichts mehr zu tun haben. Nie mehr. Auch nichts mit A.s Beerdigung. Nichts. Nie mehr.

Ich bin Wut. Ich bin Tränen. Ich könnte alles kaputtschlagen, doch da ist so viel Liebe. Ich werde umarmt, gehalten, darf lachen, wenn ich an Lars’ schlaue Sätze denken muss, darf weinen, flennen, seufzen. Darf trauern, wie es gerade kommt. L. übergibt mir ihr Geburtstagsgeschenk für Lars, den allerherzigsten kleinen Bären, den ich je gesehen habe, und der noch heute oft in meinem Bett schlafen darf und mir das Herz wärmt.

C. geht zwischendurch kurz nach Hause, holt Wechselkleider, meldet sich bei ihrer Arbeitsstelle für die ganze Woche ab und kommt wieder. Im Gepäck saubere Kleider, neue Zigaretten und ein rezeptfreies Schlafmittel.

Irgendwann sind wir wieder allein, wir zwei. Ich bin so müde. Ich will einfach nur schlafen und vergessen. C. ist einfach da. Sie ist ein Netz, das mich trägt.

Ich bin ihr ewig dankbar, dass sie da war, als ich sie am allermeisten gebraucht habe.

(Fortsetzung folgt)

Quelle: »Weiterleben | Biografische Essays«, Jana. D., noch unveröffentlicht.

Ohne-Kind-Eltern oder Wenn Einzelkinder sterben

Ich kenne kaum andere Mütter, andere Eltern, die, wie ich, ihr einziges Kind verloren haben. Kein Tod lässt sich mit einem andere Tod vergleichen. Kein Verlust lässt sich mit dem Verlust, den andere erleben und erlebt haben, vergleichen. Leid lässt sich nicht vergleichen. Stirbt jedoch das einzige Kind, zerbricht mit seinem Tod auch die vorherige Familienstruktur. Der Tod eines Einzelkindes verwandelt Eltern zurück in Paare und Einelternfamilien in alleinstehende Menschen.

+++

Zusätzlich zum Verlust meines Sohnes, zur Trauer um mein einziges Kind, habe ich damals auch um den Verlust meines Familiengefüges getrauert. Meinen Sohn zu begleiten war vom Moment an, wo ich erkannt hatte, dass ich schwanger war bis zu seinem Tod beglückend und dazu eine sehr nährende Lebensperspektive für mich gewesen, zumal ich leidenschaftlich gerne Mutter bin war bin.

Im Laufe meines Trauerprozesses habe ich die eine oder andere Trauergruppe besucht und dabei, auch virtuell, andere trauernde Eltern kennenlernen dürfen. Zwei Gruppen musste ich wieder verlassen, weil ich nach einer gewissen Zeit erlebte, wie die anderen Teilnehmenden zunehmend um ganz andere Themen kreisten als ich. Während ich noch intensiv um meinen einzigen Sohn trauerte, sprachen andere bereits wieder über Stillprobleme, durchwachte Nächte und die Vor- und Nachteile von diesen oder jenen Kinderautositzen. Natürlich trauerten sie noch immer, doch ihre Trauer war an eine andere Stelle gerückt. Für mich war das, ohne Frage, oft sehr problematisch, sehr schmerzhaft. Wie gerne wäre doch auch ich nochmals Mutter geworden. Dass es nicht geklappt hat, hatte vielerlei Gründe.

Ich verabschiede mich darum seit Jahren immer wieder ein Stück mehr von meinem Familienwunsch. Ganz abgeschlossen ist dieser Prozess aber noch nicht.

Wie es wohl anderen Einzelkindeltern ergangen ist und ergeht? Gerne können mir andere Mütter oder Väter, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, schreiben.

[Bitte über Kontakt oder Info-Mailadresse dieser Webseite.]

Interview mit Claudia M.

Wann ist das Kind, um das du trauerst, gestorben?

Meine Zwillingsschwester ist im Februar 1996 im Alter von fünf Jahren gestorben. Sie war seit Geburt schwerstbehindert und ist in der Folge ihrer Behinderung gestorben.

Kannst du etwas zur Beziehung sagen, die du zum verstorbenen Kind gehabt hast?

Wir waren Zwillingsschwestern. Sie war immer für mich da und hat auf mich aufgepasst, jedenfalls kam es mir so vor. Ich habe mich um sie gekümmert, ihr Nester in ihren Sitzsack gebaut, und darauf geachtet, dass es ihr gut ging. Ich wusste, was sie dachte und was sie mochte. Ich war stolz, dass ich eine Schwester wie sie hatte und dachte, alle anderen würden mich um so eine Schwester beneiden. Niemand hatte so eine Schwester wie ich. Meine Schwester war cool. Manchmal wollte ich so sein wie sie.
Dass ich nicht richtig mit ihr spielen konnte, hat mich, glaube ich, nicht wirklich gestört, weil ich ja noch eine große Schwester hatte, mit der ich viel gespielt habe. Sie war einfach so, wie sie war. Für mich war sie nicht falsch, sondern genau richtig.
Ich hatte schon unsere gemeinsame Zukunft geplant. Es war für mich klar, dass wir denselben Mann heiraten würden, denn es war für mich auch klar, dass sie es später schwer haben würde, einen Mann zu finden. Ich wusste nicht, dass sie sterben würde und hätte nie damit gerechnet, dass ich mal ohne sie sein würde.

Wie hast du dich gefühlt, als du von seinem Tod erfahren hast? (Unmittelbar danach, nach einer Woche, nach einem Jahr).

Als sie gestorben ist, habe ich mich irgendwie eingefroren gefühlt. Ich erinnere mich noch sehr genau an den Moment, es war, als wäre die Zeit stehengeblieben und als gäbe es keine Zukunft mehr. Ich konnte mich nicht mehr bewegen und stand einfach nur da, wie eingefroren. Ich hatte nicht viele Gedanken in diesem Moment, es war einfach ein großer Schock. An diesen Moment habe ich eine sehr klare Erinnerung, aber eben nur an diesen Moment. An vieles andere, was an diesem Tag noch passiert ist, erinnere ich mich nicht. Ich erinnere mich nur noch sehr verschwommen daran, wie sie von Bestattern abgeholt wurde. An die Beerdigung ein paar Tage später erinnere ich mich hingegen noch sehr gut.

Später hatte ich große Schmerzen, als wäre nur noch die Hälfte meines Körpers vorhanden und als hätte ich ein großes Loch im Herzen. Es tat weh, dass meine Schwester so weit weg von mir war. Es war komisch, dass ich danach wieder in den Kindergarten sollte und dass die Welt einfach weiterlief, ich fühlte mich nicht mehr richtig im Kindergarten.

Wie hat dich der Tod des Kindes verändert?

Der Tod meiner Schwester hat mir ein Stück weit meine Leichtigkeit und mein Vertrauen in das Leben und in die Welt genommen, meine Unbeschwertheit. Und er hat vielleicht etwas Angst, Traurigkeit, Ernsthaftigkeit und Tiefe in mein Leben gebracht. Vielleicht, weil man das ja auch immer nicht so richtig sagen kann.

Wie denkst du heute über den Tod? Was für eine Beziehung hast du zum Tod?

Ich habe keine Angst vorm Tod und ich kann es mir auch nicht vorstellen, ewig zu leben. In gewisser Weise gibt der Tod dem Leben einen Rahmen. Der Tod macht das Leben wertvoll. Der Tod ist das Ende des Lebens. Ich glaube nicht daran, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht, das ist auch okay für mich. Trotzdem ist meine Beziehung zum Tod zwiegespalten, er hat mir meine Schwester genommen, und das ist ein guter Grund, den Tod richtig blöd zu finden.

Welche Erinnerungen hast du an die Beisetzung des Kindes? War diese für dich eher tröstlich oder hat sie dir den Verlust noch schwerer gemacht?

Die Beerdigung war für mich wirklich sehr seltsam, und auch sehr traurig und schwer. Ich fühlte mich sehr allein. In meiner Erinnerung an die Beisetzung tauchen weder meine Eltern noch meine Geschwister auf, es fühlt sich so an, als wäre ich allein dort gewesen. Ich hatte Angst, es war eine fremde Situation für mich, ich wusste gar nicht, wie ich mich verhalten sollte.

Ich empfand es als sehr große Gemeinheit, dass sie meine Schwester in einen Sarg steckten und in der Erde vergruben. Und seltsam fand ich es auch. Denn etwas, das man liebt, vergräbt man doch normalerweise nicht in der Erde. Ich fand das Loch, in das sie den Sarg herunterließen, viel, viel zu tief. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass meine Schwester es in dem Sarg so bequem hatte, wie auf ihrem Sitzsack. Ich war dagegen, dass meine Schwester beerdigt wurde. Ich wollte sie behalten. Beerdigung hieß, dass meine Schwester noch viel weiter entfernt von mir war, als vorher, als sie einfach nur tot war. Jetzt war sie tot und auch noch unter der Erde, das war doppelt schlecht.

Besuchst du sein Grab noch und was erlebst du dort?

Manchmal, eher selten, besuche ich das Grab meiner Schwester und erinnere mich dort an ihre Beerdigung und wie es war, als ich als Kind ihr Grab besuchte. Aber eigentlich brauche ich keinen Ort.

Wie trauerst du? Hast du beispielsweise eigene Trauerrituale für dich gefunden?

Ich habe ein Trauerritual, womit ich allerdings erst sehr spät begonnen habe, sodass ich gar nicht weiß, ob man da von Trauerritual sprechen kann. Jedenfalls habe ich mir vorgenommen, jedes Jahr etwas zu tun, was mit dem Tod meiner Schwester in Verbindung steht. Letztes Jahr zum Beispiel habe ich den Blog* gestartet. Das war schon eine größere Sache, aber es müssen keine großen Dinge sein. Vielleicht werde ich dieses Jahr den ehemaligen Kindergarten meiner Schwester besuchen oder einen Text über meine Schwester auf einer Bühne vorlesen oder neue Sachen über den Tod und die Trauer lernen.

Ansonsten habe ich, glaube ich, keine Trauerrituale. Es ist jedoch ein Ritual der Natur, dass es am Todestag meiner Schwester im Februar immer windig ist, das ist fast ein Naturgesetz, und ich freue mich immer darüber.

Vermeidest du bestimmte Orte, Handlungen und/oder Menschen, weil sie dich zu sehr an das verstorbene Kind erinnern?

Ich schaue seitdem bei Beerdigungen nicht mehr in das offene Grab hinein. Nicht, weil es mich zu sehr an meine Schwester erinnert, aber eben weil es mich zu sehr an die Beerdigung meiner Schwester erinnert, und an den Schmerz, das Zu-weit-weg-Sein.

Was hättest du gebraucht, aber nicht bekommen, als das Kind gestorben ist?

Ich habe mich sehr allein gefühlt, als meine Schwester starb, vielleicht so, als wäre gerade nicht nur meine Schwester gestorben, sondern auch meine Eltern und irgendwie alles, woran ich geglaubt hatte, alles, was ich für sicher gehalten hatte, alle meine Pläne, alles, woran ich Freude gehabt hatte.

Ich war sehr geschockt, weil ich nie gedacht hatte, dass meine Schwester sterben könnte. Vielleicht hätte man mich darauf vorbereiten können, mit mir im Vorfeld darüber sprechen können (die Erwachsenen wussten schon seit unserer Geburt, dass meine Schwester nicht lange überleben würde).

Ich hätte mir Begleitung gewünscht, dass jemand mich gehalten hätte, mir beigestanden hätte, mit mir gesprochen und mich verstanden hätte, an dem Tag, an dem meine Schwester starb, an den Tagen danach, an ihrer Beerdigung. Vielleicht sind Eltern, die gerade eines ihrer Kinder verloren haben, nicht in der Lage für so etwas, aber vielleicht sollte es irgendjemand geben, der das übernimmt.

Ich hätte mir Erinnerungsstücke gewünscht, dass mir jemand irgendwas aufgehoben hätte von ihr. Ich habe nur sehr wenige Erinnerungen an sie. Es gibt nur wenige Fotos und keine persönlichen Gegenstände mehr von ihr. Unter den Fotos ist zum Beispiel kein Foto, auf dem einfach nur wir zwei drauf sind, immer sind mehr Menschen darauf oder nur sie allein, aber so ein richtiges Zwillingsfoto habe ich nicht, das finde ich traurig. Ich war zu klein, um etwas aufzuheben oder gar die Tragweite zu verstehen, ich war zu klein, um mich bewusst von ihr zu verabschieden. Vielleicht fühle ich mich deshalb ein wenig so, als wäre ich um den Abschied und auch um meine Trauer betrogen worden.

Ich hätte mir gewünscht, dass nach dem Tod meiner Schwester über sie gesprochen wird, dass man hätte Fragen stellen und zuhören können, dass ich hätte erzählen können von meinen Empfindungen, auch zehn Jahre später noch. „Du kannst immer fragen“, sagten meine Eltern, aber ich habe selten Fragen gestellt, nie viel über sie geredet, weil auch niemand anderes Fragen stellte und über sie redete.

Ich hätte mich gefreut, wenn sich irgendwann jemand für sie interessiert hätte oder so etwas gesagt hätte: „Ich vermisse sie auch sehr.“ Wenn ich nicht so allein in der Trauer gewesen wäre. Stattdessen hörte ich so etwas wie: „Jetzt muss sie nicht mehr leiden“, und das stimmt vielleicht auch, aber das nimmt meiner Trauer doch nicht ihre Berechtigung.

Und dann die Zeit, ich hatte oft das Gefühl, es gibt eine gewisse Zeitspanne, in der du vielleicht noch traurig sein darfst, und wenn diese Zeit vorbei ist, ist es genug, egal, wie du dich fühlst

Was fandest du im Kontext mit deiner Trauerarbeit besonders erschwerend (z. B. Verhalten bestimmter Menschen) und was besonders hilfreich?

Als erschwerend empfinde ich im Kontext der Trauerarbeit, dass ich ein Kind war, und wenig eigene Entscheidungen treffen konnte. Als Kind kann man nicht einfach entscheiden, dass man jetzt erst mal nicht mehr in den Kindergarten gehen will oder dass es auf der Beerdigung rote Luftballons geben soll oder wie der Grabstein aussehen soll. Für manche Dinge hat man noch gar keine Worte. Man kann sich nur sehr begrenzt Hilfe holen, man ist einfach auf die Personen in seinem Umfeld angewiesen, dass die die richtigen Entscheidungen für einen treffen und einen verstehen. Schwierig war außerdem für mich, dass ich oft erfuhr, dass der Tod meiner Schwester „nicht so schlimm“ war, da sie ja schließlich schwerstbehindert gewesen war. Für mich war es jedoch sehr schlimm, dass sie tot war, und das unabhängig von ihrer Behinderung.
Hilfreich war immer das Schreiben für mich. Ich habe schon früher immer sehr viel geschrieben, und dass ich jetzt viele Sachen auch auf meinem Blog aufschreiben kann, ist großes Glück für mich. Dass ich heute frei trauern kann ist sehr wertvoll für mich.

Bist du zuweilen wütend auf das verstorbene Kind? Wenn ja, wie gehst du damit um?

Nein, ich war und bin nicht wütend auf meine Schwester. Ich war manchmal sehr wütend auf den Tod und auf das Leben. Teilweise war ich sehr wütend auf mich selbst, weil ich nicht tot war, und weil das mir wie Verrat an meiner Schwester vorkam.

Wie geht es dir heute, wenn du über den Tod des Kindes nachdenkst?

Es ist immer noch ein sehr komischer Gedanke für mich, dass meine Schwester tot ist und ich lebe. Ich glaube, wenn die Zwillingsschwester stirbt, dann ist das so haarscharf an einem vorbei, so dicht. Dann weiß man, ich hätte auch sterben können, und das ist ein sehr krasses Gefühl, besonders dann, wenn man noch ein Kind ist.

Ich habe das Gefühl, meine Schwester und ihren Tod immer mit mir herumzutragen, egal, wo ich bin und was ich mache. Das macht den Körper manchmal schwer und traurig, und manchmal will ich lieber leichter sein. Aber es ist auch schön, eine Zwillingsschwester zu haben, auch wenn das bedeutet, dass man immer Sehnsucht nach ihr hat. Ich bin okay mit ihrem Tod, ich kann damit leben. Trotzdem gibt es noch ein Gefühl der Trauer, weil sie tot ist, klar, und vielleicht trauere ich ein bisschen auch um das Kind, das ich mal war, vor ihrem Tod, und das ich danach nie wieder sein konnte. Ich denke manchmal darüber nach, wie mein Leben ohne den Tod meiner Schwester verlaufen wäre.

Ich danke dir herzlich dafür, dass du dir Zeit genommen hast, diese Fragen so persönlich zu beantworten.


* Claudia Möller bloggt auf Meineschwestertotundichhier. Sie fasst dort ihre Trauer aus der Sicht des Kindes, das sie damals war, in Worte.

Liebesbrief an Lars Andreas

geboren am 12. Juli 2000, gestorben am 12. Juli 2003

geliebter engel lars andreas

februar 04. draussen liegt schnee. dein grab ist zugeschneit, hat eine weisse decke bekommen. als ich heute auf dem friedhof war und an unsere gemeinsame zeit dachte, sind wieder so viele schöne erinnerungen in meinem herzen erwacht. letztes jahr sind wir viel zusammen geschlittelt und du konntest nicht genug bekommen von diesem weissen element. wir haben schneemenschen gebaut, sie jeden tag besucht und die weggeschmolzenen teile wieder aufgebaut. brotbaecker_lars3dann erinnere ich mich an unsere gemeinsamen zeiten in der küche, wenn wir kochten oder zusammen brot gebacken haben und du deinen teig immer und immer wieder mit hingabe und konzentration ausgerollt und wieder zusammengeknetet hast.

ich erinnere mich so gerne an unsere unzähligen waldspaziergänge. und immer wieder erinnere ich mich an episödchen aus unserem leben … so ‚weisst du noch?’-geschichten.

als wir, es war dein dritter herbst, mal bei freunden waren, gab es eine ganz feine currysauce mit kokosmilch drin, so, wie du es am liebsten hattest: du hast mit deinen knapp zweieinhalb jahren zugelangt, zwei teller voll … die freunde waren ganz glücklich und wünschten sich, dass ihre beiden kinder doch auch so appetit hätten …

oder deine wortspiele und -kreationen: der schneeschnüüzerraupebagger mitohni rädli dranne, oder all die anderen fahrzeuge, die du dir ausgedacht hast … und die wir dir dann zeichnen oder aus lego bauen sollten … alle diese verrückten mobilés, die du erschaffen hast…

… und wie oft denke ich bei einem missgeschick an deinen (von mir geklauten und umgewandelten) satz: „das muess dänk eigentlich eifach eso sii, mama …“

auf meinem spiegel steht ein satz. dein satz! einen monat bevor du gestorben bist, bist du singend aus deinem zimmer, wo du mit legos und steinen gespielt hast, zu mir gekommen. ich habe das bad geputzt. du hast dich vor mich hingestellt und mir deine liebeserklärung vorgesungen. „mama, ich han dich ganz fescht gärn!“ deine lieder, wie ich sie geliebt habe! du hast nicht ‚unsere’ fertigen lieder gesungen, sondern deine ideen musikalisch unterlegt…, so richtig aus dem bauch raus!

weisst du noch, wie wir an deinem letzten sonntag auf dieser welt mit freunden am klingnauer stausee spaziert sind? wir haben da den fröschen, jungen schwänen und enten gelauscht und uns beim spazieren durch den wald am licht- und schattenspiel erfreut. plötzlich war da dieses wort, das ich zuerst nicht verstand. ich fragte nach: „was hast du gesagt?“ du sagtest, dass das der sonnenbrunnen sei, da, über uns. und zeigtest durch die blätterdecke, wo das licht so reinblinzelte. wir haben dich zuerst nicht verstanden, weil uns das wort ja nicht vertraut war. doch als wir es dann endlich begriffen, hast du mit der sonne um die wette gestrahlt!

an deiner beerdigung haben wir uns daran erinnert. am morgen hatte es, nach einer gewittrigen nacht, noch geregnet. am nachmittag dann war es trocken, verhängt, und der himmel grau. ganz am schluss, als wir alle miteinander dein grab geschmückt und zusammen noch „the river is flowing“ gesungen haben, ging die dunkle himmelswand auf und der sonnenbrunnen (du!!!!) hat gestrahlt, überirdisches tröstliches licht!

heute habe ich versucht, mir mal die welt und einen normalen sommertag aus deiner sicht vorzustellen….

*****

„die vögel singen. draussen vor dem fenster. das sonnenlicht glitzert durch die ritzen der storen und malt muster an die gegenüberliegende wand. ich sehe die blätter, die sich im wind wiegen und stelle mir vor, dass sie einen reigen tanzen zur musik der vögel. wenn ich in der nacht das sommerland besuche, sehe ich, dass da viel mehr möglich ist, als wenn es tag ist. mama hat mir erzählt, dass das sommerland auch am tag da ist, aber dass wir verlernt haben, dieses mit unseren tagaugen zu sehen. was ‚verlernt’ heisst, verstehe ich nicht ganz.

manchmal, wenn wir spazieren gehen, sagt sie, dass sie mit ihren augen nicht mehr die zwerge sehen kann unter den bäumen, oder die elfen und nymphen im wasser. das tut mir dann leid für sie, denn die sind ganz besonders schön. am liebsten setze ich mich unter die tannen und singe ihnen mein lied vor, das ich in mir drin immer singe. manchmal kommt mama auch unter die tannen und dann singen wir gemeinsam. sie hat ein anderes lied und ich glaube, sie hat es bereits ein bisschen vergessen. aber das ist halt schwierig mit den grossen leuten, die müssen an viel denken. sie müssen weg, aus dem haus, und dann haben sie dafür ‚geld’ und mit dem geld gehen wir dann ins coop oder auf den markt und tauschen es gegen äpfel, birnen und penne, oder andere feine sachen.

mama kommt ins zimmer. ‚guten morgen, mein lieber goldspatz, du singst ja schöner als die vögel draussen …’ sagt sie. sie sagt oft so schöne und liebe sachen zu mir. ich habe mama ganz fest lieb!! ich lache sie an und freue mich… während sie das fenster schliesst und die rolläden hochkurbelt, fragt sie, ob es im sommerland schön gewesen sei. ja, sage ich, heute habe ich meine rote frau gesehen. sie hat mich begrüsst und mir viele früchte gegeben. wir haben zusammen auf einer wiese gespielt. sie heisst lanti, hat sie gesagt. mama strahlt mich an. ihr kann ich alles erzählen, sie weiss, dass es wahr ist. aber sie hat auch gesagt, dass viele leute nicht mehr träumen können. und denen solle ich nicht vom sommerland erzählen, weil sie es nicht verstehen.

wir gehen in die wohnküche und ich trinke am tisch einen becher feinen fencheltee. den mag ich am liebsten. beim frühstück beschliessen wir, heute picknicken zu gehen, auf dem weissenstein, weil ich ‚luftgondel’ fahren möchte. wir bereiten auf dem tisch vor, was wir mitnehmen wollen. ich hole meinen kleinen rucksack aus dem zimmer. aber zuerst muss ich ihn noch ausräumen, denn gestern habe ich meine schönen steine hineingesteckt. ich liebe steine und packe sie ein und aus, manchmal stibitze ich auch mamas edelsteine. am liebsten habe ich den brasilianischen rosenquarz, weil der so viele verschiedene farben hat. oder auch den kleinen amethysten. ich nehme mein lieblingsbüchlein mit, das von den beiden hasen, die sich so lieb haben….

auf der gondel ist es kühl, ich sitze auf mamas schoss und wir kuscheln uns in die wolldecke ein, die uns der mann gegeben hat. er hat das wägeli auf die nächste gondel gepackt und ich schaue immer, ob das wägeli auch wirklich kommt. mama sagt, dass ich keine angst haben muss wegen dem wägeli. hoffentlich hat sie recht. oben auf dem weissenstein ist es viel kühler als unten. mama zieht mir die jacke an. wir machen einen schönen spaziergang und dann setzen wir uns in die wiese. wir haben brot und käse mitgenommen, äpfel und vollkornguetzli. und ein sojajoghurt, das ich so gerne mag. aber jetzt ist es kühl und er wind bläst uns um die ohren. „mama, gehen wir wieder heim?“ frage ich. mama ist ein bisschen traurig, weil es nicht so warm ist, wie sie gedacht hat. wir gehen zurück zum bähnli. dann sehen wir, dass auf dem spielplatz ein karussel steht. „ich möchte dorthin“, sage ich zu mama. es hat auch ein klettergestell, aber sobald das karussell anhält, möchte ich mitfahren. mama hilft mir beim einsteigen. auch andere kinder steigen ein und dann wirft mama einen batzen in den schlitz und los geht’s! es ist soooooooo schön. larsaufkarussell2 die ganze welt fliegt vorbei. und da fliegt der sonnenhut des mädchens vor mir in die luft, wirbelt und tanzt und fällt auf den boden. wie lustig es aussieht. wir müssen alle lachen!!!! ich darf sitzen bleiben als das karussell anhält, weil nun eine andere mama und später noch ein grosspapa und später noch eine andere mama geld in den schlitz werfen. die ganze welt wirbelt und dreht sich. es ist wunderschön. ich lache und singe.

später gehen wir zu den kinder-eisenbahnen. das kann ich zwar noch nicht so gut alleine, aber manchmal hilft mir mama oder dann darf ich bei den anderen kindern mitfahren. mama ist zu gross dafür. sie reibt sich den rücken! wie gut ich es doch habe, dass ich noch klein bin!

dann fahren wir mit der gondel wieder abwärts. das wägeli fährt auch mit. im wald machen wir noch einen spaziergang und sehen viele zwerge unter den tannen. und schliesslich fahren wir wieder nach hause. es ist so heiss, dass ich müde im kindersitzli einschlafe.

zuhause packen wir dann die sachen wieder aus und waschen zusammen das geschirr ab. ich stehe auf dem stuhl am spültrog und rubble mit dem schwamm die plastikteller sauber. mama sagt, dass ich das schon gut mache. sie küsst mich auf die backen und sagt, dass sie mich sehrsehr gerne hat.

als ich ihm bett liege und nur noch mit halbem ohr der geschichte und nachher dem lied, dass sie singt, lausche, spüre ich die liebe und geborgenheit, die mich umgibt.“

*****

ob du dich so gefühlt hast? ich glaube, trotz der schwierigkeiten, die dein papa und ich hatten, warst du ein glückliches kind! was haben wir gelacht, getanzt und gesungen, büchlein angeschaut, steine gesammelt und uns mit blättern vollgeworfen im herbst. oder sind auf dem hosenboden den wald runter gesaust. ich bin durch dich eingetaucht in die welt des lachens, der übermut und der unbeschwerheit. auch wenn du nicht mehr hier bist, bei mir, physisch meine ich, so bin ich doch noch immer mit dir verbunden und merke, dass du mir so viel geschenkt hast. das kann mir niemand weg nehmen. ich bin durch zeiten tiefster trauer gegangen, wut, verzweiflung, hilfeschreie, vermissen bis zur hoffnungslosigkeit, viele tränen habe ich geweint, aber deine liebe ist immer da gewesen. wie sehr ich dich liebe! immer lieben werde! danke, dass deine liebe mir zu leben hilft!

geliebter sohn, danke für alles, immer wieder!

deine erdenmama“

© dm/by girasol-team

wenn sie hier klicken, können sie einen ausschnitt davon lesen, was lars uns in der zeit meiner schwangerschaft mitgeteilt hat …

Zur Erinnerung an Lars Andreas

geboren am 12. Juli 2000, gestorben am 12. Juli 2003

Mein Sohn Lars ist im Alter von drei Jahren, genau an seinem dritten Geburtstag, gestorben.

geborgen in mamas schoss2  auf dem weissenstein2

Wenn mich Kinder fragen, weshalb er gestorben ist, und dies geschieht meistens in einer einfachen, natürlichen, nicht von Tabus verstopften Atmosphäre, erzähle ich es so: „Weißt du, der Papa von Lars hat ein ganz krankes, trauriges Herz gehabt. Er hat nicht gerne auf dieser Welt gelebt!“ Spätestens hier schauen mich die Kinder fragend an. „Wie kann ein Mensch denn nicht gerne leben?“ scheinen sie fragen zu wollen, vor allem dann, wenn sie noch jünger sind und noch nichts Gravierendes, Tragisches erlebt haben. Oder selbst wenn… „Ja, und als ich dann nicht mehr mit dem Papa zusammenleben mochte, weil es so schwierig wurde und er immer noch trauriger geworden ist, bin ich weggezügelt. Ich habe gehofft, dass jetzt der Papa sagt: „Okay, jetzt gilt’s ernst. Jetzt packe ich mein Leben wieder!“ Aber der Papa war schon so fest krank im Herz, dass er nur noch sterben wollte. Und weil er es nicht ausgehalten hat, sich von unserem Sohn Lars zu trennen und Lars hier auf dieser für ihn so bösen Welt zu lassen, hat er ihn mitgenommen! Das ist für mich ganz schlimm und ich vermisse ihn ganz fest!“

„Dein Tod ist für mich noch immer ein grosser Schock. Dein Vater, den ich eins so sehr liebte, hat es nicht geschafft, das Leben, das er hatte, so zu leben, dass er glücklich sein konnte. Er fand das Leben so schlimm, dass er es sogar dir, Lars, ersparen wollte … und hat euch beide umgebracht. Du bist Lachen, dein Strahlen hat alle berührt, deine Kreativität mit Steinen, Sand, Wasser oder Lego und anderen Spielsachen war genial. Deine Sprache war so kreativ! Wie viele Wörter du geschaffen hast! Mit dir Baden, Tanzen, Kuscheln, Bücher erzählen, Spielen, Backen, Kochen … war für mich soooo schön!“ (Nov. 03)

Was ich den Kindern nicht erzähle, ist, wie schwierig das Zusammenleben mit einem psychisch kranken Menschen ist. Wie sehr ich gelitten habe und wie sehr ich Angst um Lars hatte und um dessen emotionale Sicherheit. Der Tod meines Sohnes war das schreckliche Ende einer schwierigen Zeit und der Beginn einer wiederum sehr schwierigen Zeit. Nach der Zeit der ersten Trauer und des Schockes, der Zeit der Wut und der Verzweiflung fand ich einen Weg, mit der Trauer besser umzugehen. Auf meinem Weg bin ich auf andere Eltern gestossen, die Kinder loslassen mussten. Da ist sogar wieder Lachen und Lebensfreude möglich geworden. Dadurch, dass ich persönlich an ein Weiterleben nach dem Tod glaube, kann ich auch die Begegnungen mit Lars nach dessen Tod als Realitäten, und seine Ermutigungen an meine Adresse als Bestärkung für mein Leben annehmen.

Ich bin dankbar für all die schönen Stunden mit meinem Sohn Lars, auch wenn es nur drei Jahre waren, so ist doch sein Lachen für mich das schönste Geschenk meines Lebens.

dm/frühling 04/ © by girasol-team

***

Am 17. April 04  im ‚Bund‘
(Berner Tageszeitung)


In der Wochenendbeilage ‚Kleiner Bund‘ beschreibt die freie Journalistin Regula Tanner, selbst Mutter zweier Kinder, die Trauerarbeit einer Mutter, die ihr Kind verloren hat.

Seite 1 als PDF
Seite 2 als PDF