Alle reden über Trauer

Auch auf dem Blog In stiller lauter Trauer ist Raum für Trauer.

Silke, die Blogbetreiberin, lädt alle dazu ein, sich über Trauer Gedanken zu machen und diese in beliebiger Form (Text, Film, Podcast) in euren Blogs zu teilen.

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Trauern im Alltag

Im letzten Artikel haben wir unsere neue Idee vorgestellt, hier sporadisch über die Trauerarbeit im Alltag zu berichten. Darum haben wir inzwischen einige Fragen formuliert, die dir zum einen dabei helfen sollen, dich deiner Trauer bewusst zu stellen. Zum anderen aber wollen wir dich auch ermutigen, deinen Gedanken und Gefühlen Worte zu verleihen, denn aus Erfahrung hilft Selbstausdruck dabei, bewusster zu trauern.

Wenn du willst, kannst du uns deinen Text zuschicken, damit wir ihn hier veröffentlichen. Maile ihn bitte an info[ät]elterntreffpunkt-girasol[dot]ch.

Hier findest du unsere Fragen als PDF und hier als Textdokument.

Diese Fragen sind selbstverständlich unverbindlich, können dir aber dabei helfen, klarer zu sehen. Falls du Hilfe auf deinem Trauerweg brauchst, scheue dich nicht, dich bei uns zu melden. Bitte beachte dazu auch unsere Links, insbesondere unser ehrenamtliches Angebot.

Erinnern

Mit diesem Relaunch der alten Girasol-Seite wollen wir dem Thema Wenn Kinder sterben einen neuen Raum geben. Raum für ihr Leben und ihr Sterben; und Raum für ihren Tod und unseren Umgang mit ihm.

Hier – im dynamischen Teil, im Blog – hat es Platz für eure, für Ihre, für deine Texte.

Das können Erinnerungen sein und Briefe an dein, Ihr, euer Kind, doch auch Essays zum Tod von Kindern, Berichte zum Tod von Geschwistern, Fragen, Diskussionen sollen hier angesprochen werden.

Berichte, Mails und Fragen bitte an info[ät]elterntreffpunkt-girasol[dot]ch.

Zum ersten Todestag von Nils

geboren am 12. Dezember 2001, gestorben am 21.Juni 2003

Lieber Nils

Nun ist es schon ein Jahr her, dass Du von uns ‚gegangen‘ bist. Auf dem Kalender schon ein Jahr, im Herzen aber kommt es mir vor, als ob es eben erst geschehen ist. Mit jedem Tag, der näher an Deinen Todestag kam, kamen auch die Erinnerungen und der Schmerz!

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Wir haben alles vorbereitet für die Ferien, Du warst so zufrieden, hast noch geschlafen im Auto, es war eine gute Fahrt!

Ich sehe immer wieder Dein Gesicht vor mir, wie Du mit Deinen paar Zähnen strahlst , eben wie ein kleines Schlitzohr, Du warst immer so fröhlich und konntest alle um Deine Fingerchen wickeln. Du wolltest immer in den Armen von Deinem Papi oder mir sein, Du warst ein Schmuser. Dann aber kommen mir wieder die weniger schönen Erinnerungen; Der Unfall; als das Rad Dich überrollt hat, die Benachrichtigung an all Deine Verwandten, der Abschied von Dir, als Du schon in den Sarg gebettet warst und dann noch die Beerdigung!

Obwohl das auch Bilder von Dir sind und ebenfalls zur Erinnerung gehören, würde ich gerne genau diese Bilder aus meinen Gedanken streichen!

Mein kleiner Schatz, ich stehe jeden Abend am Fenster und schaue nach den Sternen und beim hellsten Stern bleibe ich „hängen“ und denke, der wärst Du!

Ich spreche mit Dir und bete mir Dir, schicke Dir tausend Küsse und tausend ‚Drückeli‘ wie Du sie auch so gerne gabst. Ich hoffe sehr, dass es Dir gut geht und Du jemanden gefunden hast, der Dich in die Arme nimmt!

Dein Bruder Sven hat mir einmal am Morgen von einem Licht in seinem Zimmer erzählt, von dem er wach wurde  und das weg ging als er nachschaute! Ich bin mir sicher: Du warst da!  Ich hoffe sehr, dass es noch mehr von diesen Momenten in unserem Leben gibt.

Und egal wie lange es noch geht, ich freue mich auf unser Wiedersehen!

Wir lieben und  vermissen Dich und drücken Dich in Gedanken ganz fest an uns!!

Mami, Papi & Sven

© by br/juni 04/© by girasol-team

Zur Erinnerung an Matthias

geboren am 1. September 1974, gestorben am 30. Juni 1996

matthias1Der Tag an dem Matthias starb, war ein Sonntag. Der dreißigste Juni 1996. Sein letzter Tag begann morgens um elf Uhr. Es war höchste Zeit, denn wir – das waren mein Mann, Markus, Matthias und ich – feierten mit Tanten, Onkels, Neffen, Cousins und Freunden den 75. Geburtstag der Oma, meiner Mutter. Sie hatte die ganze Verwandtschaft zum Mittagessen eingeladen und wir waren zum ersten Mal seit Stephans Beerdigung wieder in dieser Runde beisammen.

Ich war überrascht und glücklich, wie Matthias sich mit seinem Bruder und seinen Cousins unterhielt. So fröhlich und gutgelaunt hatte ich ihn schon seit langem nicht mehr gesehen.

Die letzten drei Jahre waren für uns alle schwer und ich machte mir vor allem um Matthias grosse Sorgen. Zwei Wochen vor dem Tod des Bruders hatte er einen Unfall, bei dem er schwere Verletzungen davon trug. Er hatte diese Schmerzen, die Angst und den Schock nie richtig verarbeiten können, weil die Trauer um den Bruder alles verdrängte. Unser Jüngster wurde still und wortkarg, lachte selten und sprach nie über dieses Geschehen. Zum Glück hatte er gute Freunde, die ihn immer wieder besuchten oder ihn mitnahmen. An diesen Sonntag aber war er fast wie früher und ich schaute immer wieder meine fröhlichen Söhne an. Es schien, als ob wir das Schlimmste überstanden hatten.

Alle drei Brüder hatten Motorräder und obwohl Stephan bei einem Motorradunfall ums Leben kam, hatte Matthias mit großem Eifer eine alte „Maschine“ restauriert. Ich war froh, dass er überhaupt an irgend etwas Freude hatte und hoffte gleichzeitig, dass er nie damit fahren würde. Zwei Wochen vor diesem Sonntag war er damit fertig und zeigte mir voller Stolz sein Prachtstück. Natürlich waren mein Mann und ich voller Sorge, aber als ich von meiner Abneigung gegen die Motorräder davon Markus erzählte, fragte er mich: „ Wenn Stephan mit dem Auto verunglückt wäre, würdest du dann sagen, dass wir nicht mehr Auto fahren sollen…?“

Außerdem – ES würde – konnte – durfte – nicht noch einmal passieren….

Matthias besuchte an diesem Abend seinen Freund Achim und wollte spätestens um 22 Uhr 30 zu Hause sein. Im Fernsehen wurde die Fußballeuropameisterschaft übertragen und Deutschland gewann. Man hörte das Jubeln, Schreien und Autohupen bis ins Haus. Um 23 Uhr wurde ich unruhig – er wollte doch schon da sein!

Markus und Manfred beruhigten mich: „Die Freunde feiern halt ein bisschen…“ Aber ich hatte Angst, große Angst und ich wußte jede Minute mehr, dass etwas fürchterliches, dass ES wieder geschehen war. Mein Kopf, mein Körper, mein Herz, meine Seele – sie waren gelähmt von diesem Wissen.

Um 23 Uhr 30 hörte ich Autotüren zuschlagen, ich hörte Schritte und sah eine Taschenlampe, die das Namensschild an unserer Tür suchte. Mir wurde eiskalt, ich wollte diese Menschen nicht sehen und schon gar nicht hören. Ich wußte ja, was sie mir sagen würden: MATTHIAS IST TOT…

Und sie sagten es – Matthias ist tot.

Ich wollte wissen – wie – wann – wo – warum – und verstand nichts, in mir war Totenstille. Ich wollte weinen und war stumm – ich suchte Trost und wollte trösten – ich wollte allein sein und klammerte mich an Markus und Manfred. Irgendwann würde ich aus diesem Alptraum erwachen – bestimmt und alles wäre wie zuvor. Das konnte doch nicht sein, wir können das nicht noch einmal aushalten! Mein Bruder und seine Frau kamen und Freunde. Alle versuchten zu trösten und zu verstehen – und alle waren fassungslos.

Er war doch erst doch erst vor ein paar Stunden winkend weggefahren – und sollte nie mehr nach Hause kommen – wie Stephan?

Ich wollte wissen, wie Matthias starb und ein Polizist berichtete uns:

  • Matthias war auf der Straße nach Hause.
  • ein LKW-Fahrer übersah ihn und er schleifte ihn auf dem Motorrad 35 m mit.
  • Das Motorrad fing Feuer.
  • Matthias verbrannte unter dem LKW.

Keiner aus der Familie durfte ihn noch einmal sehen, niemand hat ihn gestreichelt und einen letzte Kuss gegeben. Keiner hat ihm Liebesworte ins Ohr geflüstert oder etwas mitgegeben auf seinem letzten Weg. Auch Markus konnte sich von seinem Bruder nicht mehr verabschieden.

Ich weiß nicht, was Matthias dachte und fühlte, ob er Todesangst hatte oder Schmerzen. Wusste er, dass er jetzt sterben würde und dachte er da an uns?Meine Vorstellung übertrifft wahrscheinlich die Wirklichkeit.

Als diese endlose Nacht vorbei war, sind wir an die Stelle gefahren, wo Matthias starb. Wir sahen die 35 m lange Schleifspur und den geschmolzenen Asphalt, wo er verbrannte. Wir fanden Kleiderfetzen, Scherben, Splitter und seinen Haare – Büschel verbrannter Haare, sie lagen im Gulli und am Straßenrand…! Die Taschenuhr, das letzte Weihnachtsgeschenk zeigte unter dem gesprungenen Glas die Uhrzeit an: Es war 22 Uhr 30 als Matthias letzter Tag zu Ende war.

Er wurde 21 Jahre und 10 Monate alt.

© Monika Peter © by girasol-team

*****

Monika Peter hat ihre Trauer schriftlich verarbeitet und dabei das unten vorgestellte Buch geschrieben:
„Das Leben geht weiter … sagen sie …“

cover_daslebengehtweiter

für mehr Infos hier klicken:
http://www.e-stories.de/buecher-detail.phtml?id=78

Erschienen 2005 – Roch Druck GmbH
104 Seiten (16,5 x 16,5 cm Hardcover) – ISBN: 3000118772
Preis: EUR 15,90

Zur Erinnerung an Stephan

geboren am 11. September 1967, gestorben am 2. Juli 1993

stephanStephans letzter Tag war ein Freitag, der 2. Juli 1993, und Stephan kam wie jedes Wochenende um ca. 19 Uhr nach Hause. Er studierte und wohnte in Ulm und wir sahen uns an diesem Abend nur 2 ½ Stunden, aber ich kann mich noch an jedes Wort erinnern, das wir gesprochen haben.

Es war ein wichtiger Tag für ihn: Er hatte sich endlich entschlossen, das Studium für Elektrotechnik zu beenden und Sozialpädagogik zu studieren.

Stephan wollte mit seiner Freundin nach Eichstätt ziehen. Die Bestätigung für den Studienplatz hatte er an diesem Tag bekommen. Das alles erzählte er uns im „Schnelldurchlauf“, genaueres sollte am Sonntag besprochen werden.

Markus, sein jüngerer Bruder, war Zivi beim BRK und nur Matthias, unser Jüngster (er war Lehrling), kam  täglich heim.Am Wochenende aber war die Familie  komplett, mindestens bei den Mittagessen waren alle da. Abends waren die Brüder natürlich unterwegs, über das wo, wann und wie wurde immer ausgiebig und fröhlich diskutiert.

An diesem Freitag war die Stimmung nicht so locker: Unsere Familie hatte nämlich zwei schlimme Wochen hinter sich. Matthias war mit seinem Motorrad schwer verunglückt, es musste sogar ein Finger amputiert werden. Aber über das Wochenende durften wir ihn nach Hause holen. Die beiden Brüder wollten das am nächsten Tag übernehmen.

Warum Stephan trotzdem einen Brief an Matthias schrieb und ihn noch am selben Tag im Krankenhaus abgab, ist allen ein großes Rätsel. Ahnte er, dass er seinen jüngsten Bruder nie mehr sehen würde? Er wollte sich an diesem Abend mit Freunden treffen und hatte sich dort mit seiner Freundin verabredet. Markus war bei einer Geburtstagsfeier eingeladen. Es herrschte das übliche Suchen nach Schlüsseln, Geldbörsen, Jacken, Schuhen usw… Es war eigentlich wie immer.

Trotzdem war meine Stimmung gedrückt, nicht “nur“ wegen Matthias. Mir ging ein Traum nicht aus dem Kopf, den ich in der Nacht vor diesem Unfall hatte:Ich war im Friedhof und sah zwei Arbeitern zu, die ein Grab schaufelten. Nach einigen Minuten hörten sie auf und wollten weggehen. Ich fragte sie, warum sie nicht weitermachten. Einer der Männer drehte sich um und sagte:„Wir sind zu früh dran – er kommt erst in zwei Wochen…“

Ich wachte voll Entsetzen auf und erzählte alles meinem Mann. Er versuchte mich zu beruhigen, aber ich war außer mir vor Angst. Am nächsten Morgen verunglückte dann Matthias auf dem Weg zur Arbeit. Obwohl ich wußte, dass er trotz der schlimmen Verletzungen wieder gesund werden würde, gingen mir diese Traumbilder nicht mehr aus dem Kopf. Den Jungs hatte ich nichts erzählt, wahrscheinlich hätten sie gelächelt: „Ja, ja, die Mam mit ihrer Angst…“

Als an diesem Freitag Stephan auf das Motorrad stieg und ich ihm einen Kuss gab, sagte er zu mir: „Du bist die beste Mam der Welt – wir sehen uns morgen Mittag!“

Ich sah ihn wirklich am nächsten Mittag: Er lag aufgebahrt in einem Sarg. Sehr blass, sehr kalt und sehr weit weg von mir… Markus und Matthias seine fassungslosen Brüder, Gise, seine Freundin mit der er zusammenziehen wollte, viele seiner Freunde, mein Mann und ich standen weinend und schluchzend bei ihm, streichelten ihn und stammelnden Kosenamen in sein Ohr. Jeder gab ihm etwas mit von sich: Still und zärtlich legten wir Ringe, Halsketten, Fotos, Haarlocken, Zigaretten, Briefe und unzählige Blumen auf und neben ihn. Immer wieder hielt ich seine starren Hände und küsste die kalten Lippen. Gise schnitt ihm ein paar Haarsträhnen ab und das ist das letzte, was von seinem Körper bei uns ist. Solange ich lebe, werden diese letzten Minuten und die letzten Berührungen bei meinem Sohn unvergänglich und unvergesslich sein.Stephan starb um 22 Uhr 10, wie genau der Unfall passierte, weiß man nicht. Es gab keine direkten Zeugen. Er ist in einer langgezogenen Kurve mit dem Motorrad gestürzt und mit dem Rücken an die Leitplanke geprallt. Seine Halswirbelsäule ist gebrochen und er war sofort tot…

DER UNFALL GESCHAH ZWEI WOCHEN NACH MEINEM TRAUM.

© Monika Peter © by girasol-team

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Monika Peter hat ihre Trauer schriftlich verarbeitet und dabei das unten vorgestellte Buch geschrieben:
„Das Leben geht weiter … sagen sie …“

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für mehr Infos hier klicken:
http://www.e-stories.de/buecher-detail.phtml?id=78

Erschienen 2005 – Roch Druck GmbH
104 Seiten (16,5 x 16,5 cm Hardcover) – ISBN: 3000118772
Preis: EUR 15,90

Zur Erinnerung an Jörg und Frank

geboren und gestorben am 23. november 1972

„… und Liebe ist unendlich …“

Schon immer wünschte ich mir eine große Familie und träumte von fünf Kindern, aber weil ich als Baby an Rachitis und später an Kinderlähmung erkrankte, sollte das wohl ein Traum bleiben. Diese Diagnose sagten die Ärzte damals meinen Eltern und später auch mir. Ich wollte  das aber nie glauben und hatte damit auch recht:

Am 11. September 1967 bekamen mein Mann und ich Stephan, unseren ersten Sohn. Fast drei Jahre später war Markus da und ich war die glücklichste Mama der Welt.

Im Sommer 1972 erfuhr ich, dass ich wieder schwanger war. Dieses Mal war „es“ nicht geplant, weil wir gerade ein Haus bauten, aber wir freuten uns trotzdem.

Mein Mann wünschte sich ein Mädchen, aber ich war überzeugt, dass es wieder ein Junge würde. Die Schwangerschaft war von Anfang „anders“: Ich war im dritten Monat schon so dick, wie die anderen Schwangeren im fünften Monat. Damals gab es nur in Universitätskliniken Ultraschallgeräte und die waren natürlich noch im Entwicklungsstadium. Ich musste in die Uni Ulm und dort stellten die Ärzte fest, dass ich schon fast 10 Liter Fruchtwasser in der Gebärmutter hatte. Ich litt unter Atemnot und musste immer liegen.

Stephan und Markus wurden bei den Großeltern untergebracht.

Ich hatte Sehnsucht nach meiner Familie und machte mir große Sorgen.

Mein Bauch wurde immer dicker und die Ärzte immer ratloser. Mein Baby machte dauernd Turnübungen, so was hatte ich bei den anderen Schwangerschaften nicht erlebt. Als sie mich einmal fragten, wie es mir geht sagte ich: „Jetzt weiß ich wie sich der Wolf fühlte, als er die sieben Geißlein im Bauch hatte!“

Aber die Ärzte versicherte  mir, dass ich „nur eines drin“ hätte.

Schließlich wurde eine Drainage in die Gebärmutter gelegt, damit das überschüssige Wasser ablaufen konnte und ich wusste jetzt auch, wie die „Krankheit“ hieß, an der ich mit meinem Baby litt: „Hydramnion“…, damit konnte ich aber nichts anfangen und niemand klärte mich richtig auf.

Mir ging es immer schlechter, obwohl Tag und Nacht Wasser durch einen dünnen Plastikschlauch aus meinem Bauch floss. Ich bemerkte voller Angst, dass die Kindsbewegungen ruhiger wurden, aber die Ärzte beruhigten mich – alles normal…

Am 22. November wurde ich auf die Intensivstation gebracht. Inzwischen war ich Anfang siebtem Monat und ich wusste, dass mein Kind nicht überleben konnte, wenn es jetzt geboren würde. Damals hatten so kleine Frühchen keine Chance. Ich sprach mit ihm und flehte es an, noch ein bisschen auszuhalten……

Irgendwann in der Nacht bekam ich starke Wehen und innerhalb weniger Minuten spülte das Wasser ein winziges Baby aus mir heraus. Ich erwartete, dass es mir gezeigt wurde, aber es wurde zur Seite gelegt. „Es ist ein Junge und er ist tot…“, sagte jemand. Natürlich glaubte ich das nicht und bestand weinend darauf es zu sehen.

Sie hielten es mir vor die Augen und ich sah ein kleines dunkelblau angelaufenes Kindchen mit schwarzen Haaren und fest zugekniffenen Äuglein. Ich regte mich furchtbar auf und wollte wissen, warum und weshalb… Aber niemand gab mir eine Antwort, ich bekam eine Spritze und wie durch einen Nebel bemerkte ich, dass ich noch ein Kind gebären würde. Es war noch ein kleiner Junge und ich sah, dass er eine rosige Haut hatte – aber auch er war tot! Ich wollte nach ihm greifen und in streicheln, ich weinte und schrie…

Als ich nach Stunden wieder zu mir kam, saß mein Mann bei mir und sagte leise und traurig, dass ich eineiige Zwillinge geboren hatte. Zwei kleine Buben, die nicht lebensfähig waren. Natürlich wollte ich sie sehen, aber sie waren „weg“! Sie wogen „nur“ 620 Gramm und 520 Gramm, deshalb wurden sie nicht beerdigt. Ich erfuhr, dass man solche Kinder „beilegt“. Was das genau hieß, sagten sie nicht. Das war auch besser so… Heute weiß ich es!

Erst auf mein hartnäckiges Nachfragen wurde mir der Obduktionsbericht gezeigt:

Meine Babies starben nicht, weil ich an „Hydramnion“ litt, sondern weil der Schlauch in meinem Bauch eines davon so schwer verletzte, dass es starb. Deshalb bekam ich eine „Leichenvergiftung“(!) und daran starb auch sein Brüderchen.

Kein Arzt hatte bemerkt, dass ich Zwillinge erwartete!

Ich lebte wochenlang wie unter Betäubung und konnte es nicht fassen, dass ich kein Kind mit nach Hause nehmen konnte. Ich fühlte mich schuldig… ich hatte als Mutter versagt.

Als ich endlich wieder bei meiner Familie war, erzählte ich meinen Buben von ihren kleinen Brüdern Frank und Jörg. Sie waren enttäuscht dass ich ohne das versprochene Geschwisterchen heimgekommen war. Da sagte ich ihnen, dass die beiden lieber auf einem Sternchen wohnten und immer bei uns sein würden, egal wohin wir auch gingen.

Zwei Jahre später bekamen wir zu unserer großen Freude noch einmal ein Kind. Es war wieder ein Junge, Matthias. Er versöhnte mich etwas mit dem Schicksal.

Die Namen der beiden kleinen Buben stehen nirgends geschrieben. Sie bekamen keine Grabstätte, keine Geburtsurkunde und keine Sterbeurkunde. Sie wurden nicht einmal getauft…

In meiner Verwandtschaft wurden sie nie erwähnt, sogar mein Mann hat noch immer große Probleme über sie zu reden.

Niemand außer mir, hat sie gesehen…

In jeder sternenklaren Nacht suche ich ein blinkendes Sternchen und grüße meine geliebten Sternenkinder.

Und an jedem 23. November zünde ich zwei Geburtstagskerzen an.

Fast 21 Jahre später verunglückte Stephan tödlich – und drei Jahre später auch noch Matthias.

Erst seit dem Tod der großen Brüder haben Frank und Jörg einen „sichtbaren“ Platz bekommen:

Am Grabstein der Großen lehnt ein kleiner Findling und über der Aufschrift:
„… und Liebe ist unendlich …“ glitzern zwei goldenen Sterne.

© Monika Peter © by girasol-team

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Monika Peter hat ihre Trauer schriftlich verarbeitet und dabei das unten vorgestellte Buch geschrieben:
„Das Leben geht weiter … sagen sie …“

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für mehr Infos hier klicken:
http://www.e-stories.de/buecher-detail.phtml?id=78

Erschienen 2005 – Roch Druck GmbH
104 Seiten (16,5 x 16,5 cm Hardcover) – ISBN: 3000118772
Preis: EUR 15,90